Impfstoffe Das Geschäft mit der Aluminium-Angst

Macht Aluminium in Impfstoffen krank? Trotz fehlender wissenschaftlicher Belege zieht ein Medizinjournalist mit seinen Warnungen durchs Land - und macht aus der Angst vor dem Metall ein Geschäft.
Von Silvio Duwe
Impfstoffdosen: Manche Impfungen enthalten Aluminiumsalze als Wirkverstärker

Impfstoffdosen: Manche Impfungen enthalten Aluminiumsalze als Wirkverstärker

Foto: Novartis Behring/dpa

Impfen oder nicht impfen? Viele Menschen sind verunsichert, weil sie mögliche Nebenwirkungen von Impfstoffen fürchten. Mitschuldig an dieser Verunsicherung sind auch vermeintlich investigative Dokumentationen im Fernsehen wie etwa "Die Akte Aluminium" , die Bert Ehgartner für Arte produziert hatte.

In seinem Film warnt Ehgartner vor einem "kleinen schmutzigen Geheimnis": Aluminiumhydroxid in Impfstoffen. Es könne, so behauptet der österreichische Filmemacher, eine makrophagische Muskelentzündung (MMF) auslösen. Die Betroffenen leiden demnach unter Muskelschmerzen, Müdigkeit, Schwindel und Sehschwäche. Eine Therapie dagegen gebe es nicht, schreibt Ehgartner in seinem Buch zum Film. Es gebe lediglich die Möglichkeit, sich so wenig Aluminiumquellen wie möglich auszusetzen - also auf Impfungen zu verzichten.

Verständlich, dass Eltern angesichts derartiger Informationen im öffentlich-rechtlichen Fernsehen oder vermeintlich seriösen Büchern unschlüssig sind, ob sie ihr Kind impfen lassen sollen oder nicht.

Fehlende Belege

Doch laut Paul-Ehrlich-Institut (PEI) gibt es bisher keinen eindeutigen wissenschaftlichen Beleg dafür, dass Aluminium aus Impfstoffen alleiniger Auslöser der makrophagischen Muskelentzündung ist - zumal auch MMF-Fälle bekannt sind, in denen vorher keine Impfung stattfand. Laut PEI fehlen bisher die Belege dafür, dass es einen Zusammenhang mit MMF und chronischer Müdigkeit oder neurologischen Beschwerden gibt, so wie Ehgartner dies in seinem Buch behauptet.

In einer Stellungnahme des Instituts heißt es: "Das PEI weist darauf hin, dass sich auch aus der regelmäßigen Auswertung der Verdachtsfälle von Impfkomplikationen [...] kein Risikosignal für MMF und systemische Reaktionen nach Aluminium-haltigen Impfstoffen auf Deutschland ergibt."

In den in Impfstoffen eingesetzten Konzentrationen sei Aluminiumhydroxid für den Verbraucher unbedenklich, heißt es auch in einem Datenblatt des PEI . Es sei auch zu bedenken, dass die Impfstoffe intramuskulär und nicht intravenös verabreicht werden, sodass "zu keinem Zeitpunkt das gesamte Aluminium im Blut verfügbar ist". Kontaktallergien gegen Aluminium seien selten: "Die Reaktionen sensibilisierter Personen auf Impfstoffe, die ein aluminiumhaltiges Adjuvans enthalten, bestehen meistens in schmerzhaften und juckenden Knötchen an der Injektionsstelle."

ALUMINIUM IN IMPFSTOFFEN

Ob Aluminium in Lebensmitteln und Deos tatsächlich schädlich ist, ist in der Wissenschaft umstritten. Fest steht jedoch, dass viele Impfungen ohne Aluminiumsalze nicht wirksam wären. Das Europäische Arzneihandbuch schreibt einen Grenzwert von 1,25 Milligramm Aluminium pro Impfdosis fest.

Die in Deutschland zugelassenen Impfstoffe unterschreiten diesen Grenzwert deutlich: sie haben nach Angaben des Paul-Ehrlich-Instituts (PEI) einen Aluminiumgehalt zwischen 0,125 Milligramm und 0,82 Milligramm.

Wirkverstärker werden in der Fachsprache Adjuvanzien genannt. Zu den Impfstoffen, die Adjuvanzien in Form von Aluminiumhydroxid enthalten, zählen zum Beispiel die Impfungen gegen Tetanus, Keuchhusten (Pertussis), Diphtherie, Hepatitis-A, oder manche Grippe-Impfstoffe.

Impfungen gegen Masern, Mumps und Röteln werden üblicherweise gemeinsam als MMR-Impfung gegeben. Mitunter werden sie zusätzlich mit dem Impfstoff gegen Windpocken kombiniert. MMR-Impfstoffe enthalten stark abgeschwächte Impfviren - aber keine Aluminium- oder Quecksilberverbindungen.

Quellen: PEI, BZgA

Auch die von Ehgartner in seinem Buch aufgestellte Behauptung, Wissenschaftler diskutierten kontrovers darüber, ob die Hepatitis-B-Impfung vielleicht Multiple Sklerose auslösen kann, kritisiert das PEI scharf: Die einzige Studie, die auf einen möglichen Zusammenhang hinweist, habe methodische Mängel.

Dennoch zieht Ehgartner mit seinen Warnungen vor Impfstoffen durchs Land, häufig vor esoterisch geneigtem Publikum: Ende Februar hielt er auf der Esoterikmesse "Lebenskraft"  in Zürich einen Vortrag über Aluminium. Finanziert wurde sein Auftritt von Schnarwiler - einem Onlinehändler mit teils bedenklichem Sortiment: Schnarwiler vertreibt unter anderem das Werk "Immun mit kolloidalem Silber", in dem die Einnahme von "Silberwasser" als nebenwirkungsfreies Breitbandantibiotikum angepriesen wird.

Zwar besitzt Silber tatsächlich eine gewisse bakterientötende Wirkung. Doch die Wirksamkeit als Medikament gegen Bakterien ist bisher wissenschaftlich nicht bewiesen. Zudem kann kolloidales Silber auch dauerhafte Schäden verursachen: Wird es regelmäßig konsumiert, kann sich unter anderem die Haut dauerhaft blau färben .

Auch auf dem verschwörungstheoretischen Kongress "Regentreff" dozierte Ehgartner bereits. Auf der Veranstaltung wurde auch für das mittlerweile verbotene "Wundermittel" MMS (Miracle Mineral Supplement) geworben - Chlorbleiche, die angeblich sogar Aids und Malaria heilen soll.

"Fachlich zur Impfkritik beitragen"

Auf Anfrage von SPIEGEL ONLINE, wie er diese Auftritte mit seiner Tätigkeit als Medizinjournalist vereinbaren könne, erklärt Ehgartner: Er habe kein Problem, vor Impfgegnern oder in einem esoterischen Umfeld aufzutreten. "Man muss die Leute da abholen, wo sie sind." Mit einem fachlich hohen Niveau der Impfkritik könne er außerdem dazu beitragen, Menschen gegen die massiven Einflüsse von Verschwörungstheorien wie der Germanischen Neuen Medizin  oder den Chemtrails zu immunisieren.

ANGST VOR ALUMINIUM? FRAGEN AN DEN EXPERTEN

Auf welchen Wegen gelangt Aluminium in den Körper?Wie kann man die Aluminiumaufnahme verringern?Ist Aluminiumfolie ebenfalls bedenklich?

Mittlerweile hat Ehgartner auch einen Verein ins Leben gerufen, das Al-EX-Institut, dessen Vorsitzender er selbst ist. Auf der Webseite des Instituts  heißt es: "Wir sind ein nicht auf Gewinn ausgerichteter Verein und es gibt uns seit November 2013. Unsere Absicht ist es, Informationen über Aluminium zu verbreiten und positives Lobbying zu betreiben, um dieses für die Menschheit so wichtige Thema endlich angemessen wissenschaftlich zu untersuchen."

Fragwürdige Angebote und Tests

Doch die Seite bietet jede Menge Möglichkeiten, Geld auszugeben: Für eine Jahresgebühr von 20 Euro etwa kann man Fördermitglied werden und erhält so auf Inhalte aus Ehgartners Buch Zugriff. Zudem werden "Testpakete" zur Messung von Aluminium im Körper angeboten - die Basis-Variante kostet 180 Euro.

Die Messung erfolgt anhand von Urinproben, ist aber vor allem eines: sinnlos. Im Urin könne nur die Aluminiumbelastung der letzten Stunden nachgewiesen werden, nicht aber die Gesamtbelastung im Körper, wie das Umweltbundesamt auf Anfrage erklärt. Auch die Behauptung des Al-EX-Instituts, man könne durch das Trinken von siliziumhaltigem Wasser Aluminium aus dem Körper ausleiten, sei wissenschaftlich nicht belegt .

Auf Anfrage, wie der Sender Arte zu Ehgartners Tätigkeiten steht, erklärt die Redaktion, dass sie "weder fachliche noch sonstige Mängel hinsichtlich seiner Eignung als Autor" sehe. Bis zum Zeitpunkt der Ausstrahlung von "Akte Aluminium" im Jahr 2012 habe das Al-EX-Institut nicht existiert. Es stehe dem Sender nicht zu, nachträgliche Aktivitäten seiner Autoren zu kommentieren.

Hier finden Sie weitere Informationen rund um das Thema Impfen. 

Anmerkung der Redaktion: Die in einer früheren Version des Artikels zitierte Stellungnahme des PEI bezog sich fälschlicherweise auf die Frage zu neurologischen Schäden durch Aluminium in Impfstoffen und nicht auf die Frage zum Zusammenhang zwischen MMF und Aluminium in Impfstoffen. Wir bitten, den Fehler zu entschuldigen.

ALUMINIUM - DIE WICHTIGSTEN FAKTEN

Zum Autor

Silvio Duwe ist freier Journalist in Berlin und schreibt über Verschwörungstheorien in Politik, Gesellschaft und Wissenschaft.

Mitarbeit: Cinthia Briseño