Ein rätselhafter Patient Atemlos, Tag und Nacht

Mühsam saugt eine 37-Jährige Zug um Zug Luft in ihre Lungen, das Atmen fällt ihr immer schwerer. Was versperrt dem lebenswichtigen Sauerstoff den Weg in ihren Körper?

Röntgenaufnahme der Brust: Was sammelt sich da in der Lunge?
Prashilla Soma

Röntgenaufnahme der Brust: Was sammelt sich da in der Lunge?

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Die Atemnot der 37-jährigen Südafrikanerin wird schlimmer und schlimmer. Bereits seit sechs Monaten bekommt sie immer schlechter Luft. Sie fühlt sich müde, kann nachts nicht schlafen, ihr ganzer Körper schmerzt. Obwohl sie so große Probleme beim Atmen hat, muss sie nicht husten.

Die 37-Jährige sucht Hilfe bei Allgemeinmedizinern, die unterschiedliche Therapien ausprobieren: Mal bekommt sie Antibiotika, dann Medikamente, welche die Bronchien erweitern und so das Atmen erleichtern sollen - keine der Behandlungen wirkt. Nach einem halben Jahr geht sie schließlich in die Universitätsklinik der Hauptstadt Pretoria.

Bei der Aufnahme messen die behandelnden Ärzte um Prashilla Soma einen normalen Blutdruck. Auffällig ist vor allem die hohe Atemfrequenz, berichten die Mediziner im Fachmagazin "The Lancet". 24-mal pro Minute atmet die Patientin, normal sind um die 15 Atemzüge pro Minute. Obwohl sie so angestrengt Luft in ihre Lungen pumpt, kommt sie dabei ohne zusätzlichen Sauerstoff nur auf eine Sauerstoffsättigung von 48 Prozent; bei einem gesunden Menschen würde man Werte knapp unter 100 Prozent erwarten. Trotzdem hören die Mediziner normale Atemgeräusche, die Luft scheint also in die Lunge zu gelangen.

In einer Laboruntersuchung des Blutes fällt ein Wert auf, die sogenannte Laktatdehydrogenase (LDH) ist erhöht. Das hilft allein allerdings kaum weiter, denn die Menge dieses Enzyms ist bei vielen verschiedenen Krankheiten gesteigert. Es deutet lediglich auf Zellschäden hin.

Eine Substanz, die nicht in die Lunge gehört

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Eine Röntgenaufnahme und eine Computertomografie der Lungen bringen die Ärzte bei der Suche nach der Diagnose schließlich weiter: In beiden Untersuchungen sehen die Radiologen eine Substanz in den Lungenflügeln, die dort nicht hingehört, sogenannte Infiltrate. Dahinter kann zunächst vieles stecken, etwa ein fester Tumor oder eine Flüssigkeit. Das Muster, das die Mediziner sehen, gibt ihnen allerdings bereits einen Hinweis auf die Diagnose.

Sie haben den Verdacht, dass die Frau unter der seltenen Alveolarproteinose leidet. Dabei sammelt sich zähe, proteinreiche Flüssigkeit in den Lungenbläschen, den Alveolen, in denen eigentlich der Sauerstoff von der eingeatmeten Luft in das vorbeiströmende Blut übergeht. Beweisen könnten die Ärzte ihren Verdacht, indem sie bei der Patientin einen bestimmten Antikörper nachweisen, doch diese Untersuchung ist in Südafrika nicht verfügbar.

Daher arbeiten sich die Ärzte mit einem Endoskop durch die Luftröhre bis tief in die Lunge hinein und entnehmen dort eine Biopsie der Flüssigkeit. Im Labor färben Pathologen die gewonnene Probe ein und weisen so nach, dass es sich um die für die Alveolarproteinose typische Substanz handelt. Sicherheitshalber untersuchen die Ärzte die Biopsie auch auf Krankheitserreger und Hinweise auf bösartige Erkrankungen, sie finden aber nichts.

Therapie der Krankheitsursache ist unmöglich

Die Behandlung der Alveolarproteinose ist aufwendig und frustrierend. Denn eine Therapie der Krankheitsursache ist unmöglich, bis heute ist nicht bekannt, was die Krankheit auslöst. Um die betroffenen Lungenbläschen freizubekommen, müssen die Ärzte die Lunge spülen. Diese sogenannte bronchoalveoläre Lavage wird in einer Vollnarkose durchgeführt, weil große Mengen Spülflüssigkeit in die Lunge gepumpt und wieder abgesaugt werden müssen.

Die Therapie wirkt bei der südafrikanischen Patientin zunächst: Ein Jahr nach der Behandlung, im April 2014, hat die Frau keine Beschwerden mehr. Röntgenaufnahmen zeigen keine Infiltrate mehr in der Lunge. Allerdings gibt es keine Garantie, dass das auch so bleibt. Sollten die Beschwerden erneut auftreten, muss die Lunge wieder gespült werden.

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version des Textes hatte es geheißen, acht bis zehn Atemzüge pro Minute seien normal. Richtig sind etwa 15 Atemzüge.



insgesamt 11 Beiträge
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Seite 1
Avicenna 30.08.2014
1. Gefährliches Halbwissen
Die "Röntgenaufnahme der Brust" ist wohl eher eine koronare Rekonstruktion eines CT-Bildes. Die Antikörperdiagnostik muss nicht in jedem Fall positiv sein, die Diagnose kann man allein durch CT und die bronchoalveoläre Lavage stellen. Ich hoffe nicht, dass die Ärzte sich dabei mit dem Endoskop "bis tief in die Lunge" vorgedrungen sind. Bei vielen Patienten führt die einmalige therapeutische Ganzlungenlavage zur anhaltenden Krankheitskontrolle.
harbuer 30.08.2014
2. Normale Atemfrequenz?
"normal sind acht bis zehn Atemzüge pro Minute" Acht Atemzüge/min sind definitiv nicht im Normbereich (Bradypnoe)!
chalchiuhtlicue 30.08.2014
3.
Und für die, die sich für diese seltene Krankheit mehr interessieren: http://eliph.klinikum.uni-heidelberg.de/texte_s/635/alveolarproteinose-pap
jensruminy 30.08.2014
4. einerseits ...
... finde ich es ja toll, dass die Durchleuchtung zur Diagnose beitragen konnte. Und man merkt auch, wie gut es uns geht, wenn bei uns Antikörper-Nachweise gemacht werden können, andere diese Möglichkeit aber nicht haben. Hingegen frage ich mich, welchen Nutzen der Leser aus so schlecht recherchierten 'Wissenschafts' Artikeln hat, wie sie hier regelmäßig auftauchen. Ich persönlich bevorzuge richtige gegenüber gefällig geschriebenen Informationen.
Benko 31.08.2014
5. Ja
Zitat von jensruminy... finde ich es ja toll, dass die Durchleuchtung zur Diagnose beitragen konnte. Und man merkt auch, wie gut es uns geht, wenn bei uns Antikörper-Nachweise gemacht werden können, andere diese Möglichkeit aber nicht haben. Hingegen frage ich mich, welchen Nutzen der Leser aus so schlecht recherchierten 'Wissenschafts' Artikeln hat, wie sie hier regelmäßig auftauchen. Ich persönlich bevorzuge richtige gegenüber gefällig geschriebenen Informationen.
Predige ich schon länger, nicht nur im Wissenschaftsbereich. Aber Spon hat sich entschieden und die Klickzahlen geben denen vermutlich auch noch recht. Wer's besser will muss 'New Scientist' lesen.
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