Experten-Interview "Die ersten Anzeichen sind ähnlich"

Zu wenig Schlaf oder ein Glas zu viel: Vieles kann für kurze Zeit vergesslich machen. Wo aber liegt die Grenze zur Demenz? Johannes Kornhuber, der als Direktor die Psychiatrische Klinik der Universität Erlangen leitet und zum Thema Demenz forscht, klärt auf.

SPIEGEL ONLINE: Das Geld im Automat vergessen, die Sonnenbrille im Zug - können das erste Anzeichen einer Demenz sein?

Johannes Kornhuber: Sie organisieren selbständig Ihr Leben, ziehen Geld am Automaten, gehen allem Anschein nach einer Berufstätigkeit nach. Dafür ist sehr viel an Gedächtnis- und Lernleistung notwendig. Und erst wenn das zugrunde geht, spricht man von einer Demenz. Vergesslichkeit kennt jeder, man geht in den Keller, weiß gar nicht mehr, was man da wollte, lässt irgendwo was liegen. Das ist ganz normal.

SPIEGEL ONLINE: Wenn es aber ständig passiert…

Kornhuber: Wenn es sich so häuft, würde ich erst einmal fragen: Wie ist der Nachtschlaf? Sind Sie am Morgen erholt? Haben Sie beruflich oder familiär Stress, so dass Sie gedanklich abgelenkt sind? Und dann gibt es da noch andere Störungen wie das Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom. Das bedeutet, dass man nicht richtig fokussiert ist auf das, was man tut. An all das ließe sich eher denken - aber die meisten Menschen, die solche Vorfälle erleben, denken tatsächlich als erstes an eine Demenz.

SPIEGEL ONLINE: Wie unterscheidet man normale Vergesslichkeit und Demenz?

Kornhuber: Die ersten Anzeichen sind ähnlich. Wenn man älter wird, wird man vergesslicher, das deutet nicht zwangsläufig auf eine Demenz hin. Aber sobald man aus dem Umfeld darauf aufmerksam gemacht wird, dass man öfter verwirrt ist, sollte man zum Arzt gehen. Wenn der keine Stressfaktoren findet und der Schlaf des Patienten gut ist, wird er einen Test mit ihm machen.

SPIEGEL ONLINE: Bei dem man auf Bildern einen Apfel und eine Maus erkennen muss?

Kornhuber: Ein Bildererkennungstest gehört auch dazu. Aber es ist tatsächlich ein Problem, dass Menschen mit ersten Symptomen zum Arzt kommen und dann oft Tests angewendet werden, die zu leicht sind. Wenn man merkt, dass ein solcher Test keine Probleme macht, muss man eben einen schwereren nehmen.

SPIEGEL ONLINE: Wie läuft der ab?

Kornhuber: Zum Beispiel gibt es den Memo-Test. Eine Aufgabe besteht darin, dass der Untersucher zehn Wörter vorliest. Dann wird abgefragt, an wie viele sich der Patient erinnern kann.

SPIEGEL ONLINE: Das würde ich nie schaffen!

Kornhuber: Das ist schwierig, auch wenn man ganz gesund und fit ist. Es ist quasi nicht möglich, dass man sich im ersten Durchgang an zehn Wörter erinnert. Aber nach einer Reihe von Tests kann man auch kleinere Einschränkungen feststellen. Falls das auch noch nicht zur Klärung führt, kann man mit bildgebenden Verfahren das Hirn untersuchen oder Nervenwasser analysiert.

SPIEGEL ONLINE: Ist Demenz erblich bedingt?

Kornhuber: Das Risiko ist nur leicht erhöht, wenn ein enger Verwandter dement ist oder war. Viel größeren Einfluss hat die Lebensweise. Übergewicht, Diabetes, Bluthochdruck sind Risikofaktoren. Um vorzubeugen, sollte man sich mediterran ernähren, also viel Obst, Gemüse und Fisch essen - und Öle statt tierischer Fette. Außerdem ist Bewegung wichtig.

SPIEGEL ONLINE: Fördert Alkohol eine Demenz?

Kornhuber: Da sind die Daten uneinheitlich. Einerseits gibt es Studien, die besagen, dass er das Risiko für eine Demenz erhöht, andererseits gibt es Daten, die nahelegen, dass eine geringe Dosis Alkohol pro Tag einer Demenz vorbeugt. Wir empfehlen keinem Patienten, deshalb mit dem Trinken anzufangen.

SPIEGEL ONLINE: Die meisten Menschen kennen leichte Gedächtnisprobleme nach Alkoholkonsum.

Kornhuber: Das sind kurzfristige Effekte. Alkohol verschlechtert den Schlaf, es entstehen giftige Stoffe im Körper, Acetaldehyd zum Beispiel. Am nächsten Tag kann die Gesamtleistung des Körpers, unter anderem auch die Gedächtnisleistung, reduziert sein.

SPIEGEL ONLINE: Sterben Gehirnzellen ab?

Kornhuber: Das Gehirn kann schrumpfen durch Alkoholkonsum - bei extremen Trinkern, die sich quasi nur von Alkohol ernähren und unter Mangelerscheinungen leiden. Aber von einem geselligen Abend, bei dem man drei Glas Bier trinkt, werden bestimmt keine Hirnzellen sterben.

SPEGEL ONLINE: Und bei drei Maßkrügen Bier?

Kornhuber: Auch wenn Wiesn-Zeit ist, will ich jetzt keinen Freibrief ausstellen, dass drei Maß Bier gesundheitlich unbedenklich sind. Im Gegenteil empfehle ich, Alkohol zu meiden, weil er viele negative Effekte hat. Täglicher Konsum belastet die Leber. Es entstehen giftige Stoffwechselprodukte, die die Wahrscheinlichkeit erhöhen, einen Tumor zu entwickeln.

Das Interview führte Frederik Jötten
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