Amalgam Das Gift im Zahn

Die EU will Amalgam verbieten. Dann wären Kunststoff-Füllungen die Standardbehandlung bei Karies. Diese Komposite sind schon heute sehr gefragt - aber sind sie auch besser?
Gesunde Zähne sind die beste Lösung, damit Füllungen nicht nötig werden.

Gesunde Zähne sind die beste Lösung, damit Füllungen nicht nötig werden.

Foto: JENS MEYER/ AP

Es ist günstig, leicht zu verarbeiten, verzeiht handwerkliche Fehler, hält lange und schafft ein Milieu, das Bakterien nicht mögen: Amalgam. Seit mehr als 150 Jahren wird es verwendet, lange Zeit war es Standardmaterial für Zahnfüllungen - doch seine Zeit läuft ab. Denn Amalgam besteht etwa zur Hälfte aus einem Stoff, der giftig ist: Quecksilber. Während das Füllmaterial, das auch Silber und Zinn enthält, in Deutschland immer weniger angeboten und nachgefragt wird, ist es in anderen EU-Ländern teils noch sehr verbreitet.

Nun fordert der Umweltausschuss des Europäischen Parlaments, Amalgam zu verbieten. "Es soll von 2023 an nur noch ausnahmsweise erlaubt sein, etwa bei Allergien gegen Gold oder Kunststoff", sagt Martin Häusling von den Grünen, Mitglied des Europäischen Parlaments und des Umweltausschusses. Für Kinder und Schwangere soll dieses Verbot bereits zwölf Monate nach Inkrafttreten der Regulierung gelten.

Amalgam verteuern, Nachfrage senken

Das war spätestens 2013 erwartbar, als die Quecksilber-Konvention der Vereinten Nationen im japanischen Minamata unterzeichnet wurde. Amalgam-Kritiker wie Hans-Werner Bertelsen freut das: "Auch wenn Amalgam einfach und zuverlässig anzuwenden ist, müssen doch mögliche Schäden durch das Quecksilber berücksichtigt werden", sagt der Zahnarzt aus Bremen. "Langzeiteffekte wie etwa geschädigte Füllungen durch korrodierendes Amalgam sind wenig untersucht."

Schließlich setzt Amalgam Quecksilber frei, und seit den Neunzigerjahren werden darauf allerlei Krankheiten zurückgeführt. Bertelsen hatte 2015 in einer Fachzeitschrift einen "nationalen Ausstiegsplan" entworfen  und vorgeschlagen, Amalgam deutlich zu verteuern, um die Nachfrage weiter zu senken.

Auch Kunststoff-Füllungen haben Risiken

Doch wie gefährlich ist Amalgam wirklich und wie gut sind die Alternativen? Dazu hat die zuständige wissenschaftliche EU-Kommission 2015 einen Bericht herausgegeben. Kernaussage: Ja, Quecksilber wird aus Amalgam-Füllungen freigesetzt, aber die Menge ist augenscheinlich so gering, dass keine Gesundheitsschäden für die Allgemeinbevölkerung  bestehen.

Wirklich gefährlich oder vorsorglicher Gesundheitsschutz?

Amalgam ist eine der letzten Quellen für die Verwendung von Quecksilber in der EU und laut einer Stellungnahme des Robert Koch-Instituts  von 2007 neben dem Fischverzehr die Hauptquelle für die Quecksilberaufnahme beim Menschen.Das giftige Quecksilber wird vor allem bei der Verarbeitung von Amalgam freigesetzt, also beim Einsetzen oder beim Austausch von Füllungen, teils auch beim Abrieb durch Kauen oder Zähneknirschen. Aber ob Nervenschädigungen, Müdigkeit oder chronische Kopfschmerzen wirklich auf Amalgam zurückzuführen sind, ist nach Angaben des Deutschen Krebsforschungszentrums   nicht zweifelsfrei gesichert. Die Frage, wie viel Quecksilber tatsächlich aus Amalgamfüllungen freigesetzt wird und wie viel davon im Körper bleibt, sei "bis heute nicht eindeutig geklärt". Aus Gründen des "vorsorglichen Gesundheitsschutzes"   wird empfohlen, dass Kinder, schwangere und stillende Frauen sowie Patienten mit eingeschränkter Nierenfunktion oder mit nachgewiesener Allergie nach Möglichkeit keine Amalgamfüllungen erhalten sollten.Deutschland hat 2013 die Quecksilber-Konvention der Vereinten Nationen unterzeichnet, mit der weltweit die Quecksilberbelastung eingedämmt werden soll. Ab 2020 ist es verboten, quecksilberhaltige Produkte wie bestimmte Leuchtmittel oder Thermometer zu produzieren oder zu verkaufen. Quecksilber ist laut Bundesumweltministerium ein hochgiftiges Schwermetall, das in hoher Dosierung tödlich ist.

Und alternative Materialien, vor allem Kunststoff-Füllungen, Komposite genannt, passen zwar farblich besser zu den Zähnen, bergen aber ebenfalls Nachteile. "Sie sind sehr komplex in ihrer Zusammensetzung und nicht ohne toxikologische Risiken", sagt Gottfried Schmalz von der Poliklinik für Zahnerhaltung und Parodontologie der Uniklinik Regensburg.

In Sachen Haltbarkeit seien die Komposit-Kunststoffe in den vergangenen Jahren "wesentlich verbessert" worden, sagt Schmalz. 2014 kam eine Studienanalyse des unabhängigen Cochrane-Netzwerks 2014 noch zu dem Ergebnis kam, dass die Misserfolgsquote und die Quote für Folgekaries bei Kunststoff-Füllungen nach fünf bis sieben Jahren doppelt so hoch  sei wie bei Amalgam-Füllungen. Allerdings bemängelten die Forscher die schwache Aussagekraft der Studien. "Neuere Vergleichsstudien zeigen, dass Komposit-Füllungen über längere Zeit eine ähnliche Haltbarkeit erreichen können wie Amalgamfüllungen", sagt Uwe Blunck, Oberarzt an der Abteilung für Zahnerhaltung der Berliner Charité.

Klar ist jedoch: Komposite verlangen eine sehr zeitaufwändige Verarbeitung - die Fehleranfälligkeit ist größer als beim Amalgam. "Und bei Patienten mit hohem Kariesrisiko ist die Haltbarkeit im Durchschnitt schlechter als bei Amalgam", sagt Gottfried Schmalz.

"Amalgam ein gutes und dauerhaftes Füllungsmaterial"

Auch Uwe Blunck sieht noch keine Lösung, die völlig reaktionsfrei im Körper funktioniert: "Wenn Amalgam heute entdeckt würde, würde es sicher nicht mehr zugelassen. Aber es ist immer noch ein gutes und dauerhaftes Füllungsmaterial. Und Komposite sind genauso kritisch zu sehen." Denn die sogenannten freien Monomere, Bausteine des Polymer-Kunststoffnetzes, könnten in den Körper gelangen. "Wie viel das ist und was es auslöst, wissen wir nicht", sagt Blunck. Zur Debatte stehen etwa Allergien.

Wie viele Füllungen aus welchem Material in Deutschland gesetzt werden, ist unklar, da das Material bei der Abrechnung zwischen Zahnärzten und Krankenkassen nicht erfasst wird. Laut Bundeszahnärztekammer verwendeten deutsche Zahnärzte 2013 noch in sieben Prozent der Füllungen Amalgam.

Die EU-Bio-Studie von 2012 zur Quecksilberreduktion  bei Amalgam und bei Batterien schätzt den zahnärztlichen Quecksilberverbrauch in der EU auf 75 Tonnen pro Jahr. Auf die deutschen Zahnärzte entfallen davon vermutlich zwei Tonnen, schätzt Martin Häusling. Ob die Komposit-Variante bei einem EU-Verbot für Amalgam Kassenleistung würde, wäre Verhandlungssache zwischen Krankenkassen und Zahnärzten.

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