G-BA-Bilanz Nur jedes fünfte neue Medikament bringt mehr Nutzen

Wie viele der neuen Medikamente sind besser als die gängigen Mittel? Kaum welche. Das geht aus einer Bilanz des höchsten Gremiums im Gesundheitswesen hervor. Nur 14 von 73 Produkten attestierten die Prüfer einen beträchtlichen Zusatznutzen.
Tabletten: Der Gemeinsame Bundesausschuss (G-BA) prüft neu zugelassene Medikamente, ob sie besser sind als zuvor gängige Mittel

Tabletten: Der Gemeinsame Bundesausschuss (G-BA) prüft neu zugelassene Medikamente, ob sie besser sind als zuvor gängige Mittel

Foto: Emily Wabitsch/ dpa

Berlin - Erhalten Patienten ein Medikament, das neu auf dem Markt ist, müssen sie meist mehr bezahlen als für das alte. Viele Jahre war das so, doch nach Einführung der schwarz-gelben Arzneireform Amnog 2011 sollte damit Schluss sein: Nur jene Medikamente, die wirklich mehr bringen, sollen auch mehr kosten dürfen. Seither gilt es, den Zusatznutzen von neuen Medikamenten zu prüfen.

Doch die neueste Bilanz des dafür zuständigen Gemeinsamen Bundesausschusses (G-BA), das höchste Gremium im deutschen Gesundheitswesen, zeigt: Nur knapp jedes fünfte neue Arzneimittel hat nach Prüfung einen starken Mehrwert für die Patienten gegenüber bereits gängigen Arzneimitteln.

Im Detail listet die Bilanz, die der Nachrichtenagentur dpa vorliegt, 73 Präparate, die bisher nach den eingeführten Regeln bewertet wurden. In 14 davon erkannten die Prüfer einen beträchtlichen Zusatznuten. Bei 23 Medikamenten sahen die Prüfer zudem einen geringen, bei sechs einen nicht bestimmbaren Mehrwert. Somit helfen knapp zwei von drei neuen Präparaten den Patienten mehr als zuvor gängige Mittel. Es handelt sich unter anderem um Medikamente gegen Diabetes, Bluthochdruck oder Krebs.

Die Bewertungen des G-BA sind Basis für die Verhandlungen zwischen Krankenkassen-Spitzenverband und Herstellern über den Erstattungspreis für die Kassen.

Preisverhandlung: So funktioniert das Amnog (für Großansicht bitte klicken)

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Foto: SPIEGEL ONLINE

Gar keinen Zusatznutzen sahen die Prüfer bei 27 Mitteln. Das ist die Basis dafür, dass die Medikamente bald bestehenden Höchstgrenzen bei der Erstattung unterworfen werden. Drei Mittel wurden direkt ohne weitere Bewertung einem solchen Festbetrag zugeordnet.

Der Vorsitzende des Gemeinsamen Bundesausschusses, Josef Hecken, bezeichnete die Prüfverfahren als erfolgreich. Es sei ein hohes Gut, einen Filter zu haben, um die 40 bis 50 Prozent der Produkte zu identifizieren, die keinen oder nur einen irrelevanten Zusatznutzen hätten. So könnten die Mittel im Gesundheitswesen wirkungsvoll dort eingesetzt werden, wo sie am meisten helfen.

Dies gelte umso mehr vor dem Hintergrund, dass die Pharmafirmen bald eine Reihe von Arzneimitteln neu auf den Markt brächten. "Viele neuen Wirkstoffe stehen kurz vor der Marktreife", sagte Hecken. "Gleichzeitig sind die Gewinnerwartungen der pharmazeutischen Industrie hoch." Die Pharmaindustrie hatte dagegen immer wieder kritisiert, das Amnog gefährde Innovationen.

Die vfa-Hauptgeschäftsführerin Birgit Fischer entgegnete, dass an der Funktionsfähigkeit des Prüfverfahrens berechtigte Zweifel bestünden. Mit dem Kassen-Spitzenverband im Bundesausschuss seien jene bei der Bewertung beteiligt, die anschließend auch die Preise nach der Höhe des Nutzens verhandeln.

"Bei der Nutzenbewertung wird der Filter nicht im Interesse des medizinischen Fortschritts für Patienten eingesetzt, sondern wird instrumentalisiert, um niedrige Preise zu erzielen", kritisiert Fischer. Mehr Objektivität gäbe es, wenn bei den Entscheidungen im Bundesausschuss auch Vertreter aus der Wissenschaft beteiligt würden, also etwa der Zulassungsbehörden oder betroffener medizinischer Fachgesellschaften.

Klinische Studien - der Weg der Arzneimittelzulassung

Die Prüfungen durch das Amnog erfolgen erst nach der Zulassung eines Mittels. Möchte ein Hersteller ein neues Mittel zulassen, wird dieses zunächst nach Sicherheit, Wirksamkeit und Qualität beurteilt. Bei den Bewertungen des G-BA geht es hingegen um die Beurteilung des Mehrwerts gegenüber bisherigen Vergleichstherapien mit dem Ziel, hohe Preise für nicht innovative Mittel zu verhindern.

cib/dpa
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