Neue Arzneimittel "Das Ende der Mondpreise"

Ist ein neues Medikament besser als etablierte? Seit Einführung des Amnog müssen Pharmafirmen das nachweisen - der Preis orientiert sich an der Nutzenbewertung. Ein Report der DAK-Gesundheit zeigt jetzt: Ärzte verschreiben Scheininnovationen trotzdem.
Pillen für jedes Körperteil: Was bringen neue Medikamente?

Pillen für jedes Körperteil: Was bringen neue Medikamente?

Foto: Corbis

Neu, teuer, aber nicht besser: Pharmafirmen bringen immer wieder sogenannte Scheininnovationen auf den Markt. Oft basieren die neuen Medikamente auf Molekülen bekannter Wirkstoffe, deren Struktur etwas abgewandelt wurde. Das reicht für ein Patent, nicht zwingend aber für eine verbesserte Wirkung.

Um Krankenkassen vor hohen Ausgaben für solche Mittel zu schützen, trat vor vier Jahren das Gesetz zur Neuordnung des Arzneimittelmarkts, kurz Amnog, in Kraft. Seitdem müssen Pharmaunternehmen bei der Einführung neuer Medikamente nachweisen, dass die Mittel den Patienten mehr bringen als bereits etablierte Arzneien. Nur dann können die Unternehmen hohe Preise von den Krankenkassen verlangen.

Wolfgang Greiner von der Universität Bielefeld hat nun im Auftrag der DAK-Gesundheit eine Bilanz der ersten vier Jahre gezogen. Für den Amnog-Report  analysierte der Gesundheitsökonom die Berichte zu 58 Wirkstoffen, die bis 2013 in insgesamt 64 Verfahren bewertet wurden.

Dabei kam er zu zwei Kernergebnissen:

  • Nur jedes zweite untersuchte Medikament besitzt einen Nutzen, der über den bereits etablierter Mittel hinausgeht.

Dieses Fazit deckt sich mit früheren Untersuchungen. Laut einer Analyse des Gemeinsamen Bundesausschusses (G-BA), dem höchsten Gremium im Gesundheitswesen, hat sogar nur knapp jedes fünfte neue Arzneimittel im Vergleich zu gängigen Medikamenten einen starken Mehrwert für die Patienten.

  • Viele Mediziner hält das nicht davon ab, die neuen Therapien ohne Mehrwert zu verordnen.

Als Beispiel nennt der DAK-Report das Medikament Fampyra, das bei Multiple Sklerose eingesetzt wird. Obwohl die Prüfung ergab, dass der Wirkstoff im Vergleich zu etablierten Arzneien keinen Zusatznutzen besitzt, verzehnfachte sich in den beiden folgenden Jahren der Umsatz. Auch bei anderen Wirkstoffen erzielten die Firmen trotz schlechter Prüfergebnisse beachtliche Zuwächse bei den Verschreibungen, heißt es in dem Report.

Warum sich die Ärzte bei den Verschreibungen so wenig an der wissenschaftlichen Bewertung der Mittel orientieren, darüber lasse sich nur spekulieren, sagt Herbert Rebscher, Chef der DAK-Gesundheit. "Möglicherweise spielen hier Informationsmängel eine Rolle."

"Die Spreu vom Weizen trennt"

Kritiker hatten hingegen Bedenken, dass Amnog zu Versorgungsengpässen führen könnte: Können sich Krankenkassen und Pharmaunternehmen nicht auf einen Preis für ein neues Medikament einigen, werden die Verhandlungen bei einer Schiedsstelle fortgesetzt. Dies war im untersuchten Zeitraum bei jedem vierten Medikament der Fall.

Wenn die Verhandlungen auch dort scheitern, können Pharmahersteller das Präparat wieder vom deutschen Markt nehmen. Zu diesem Schritt entschieden sich im Untersuchungszeitraum die Hersteller von sieben Medikamenten.

Die vom Markt genommenen Wirkstoffe ließen sich bisher weitgehend schnell und problemlos ersetzen, heißt es in einer Mitteilung der DAK-Gesundheit, die als Krankenkasse jedoch naturgemäß vom Amnog bisher profitiert hat. Nach der Marktrücknahme des Diabetes-Mittels Vildagliptin etwa wurden laut dem Report zwei Drittel der betroffenen DAK-Versicherten innerhalb des darauffolgenden Quartals auf eine andere Therapie umgestellt, etwa die Hälfte von ihnen erhielt ähnliche Gliptine.

Amnog "bedeutete das Ende der Mondpreise für Medikamente", sagte Gesundheitspolitiker Jens Spahn (CDU). Gleichzeitig, so seine Bilanz nach vier Jahren, sei jedoch auch klar, dass das Amnog ein lernendes System sei - und wirkliche Innovationen weiterhin gut bezahlt werden müssten. "Das müssen vor allem die Krankenkassen berücksichtigen."

Innovatives Hepatitis-C-Medikament: 488 Euro für eine Pille

Der Verband Forschender Arzneimittelhersteller (vfa) hingegen beklagt eine einseitige Ausrichtung auf die Kostendämpfung. 2014 investierten Pharmaunternehmen demnach 5,7 Milliarden Euro in die Entwicklung neuer Arzneimittel. Eine Refinanzierung sei aber nicht mehr gewährleistet, "wenn die Preise für neue Medikamente hierzulande unter den europäischen Durchschnitt sinken", sagte vfa-Hauptgeschäftsführerin Birgit Fischer.

Der Fall der Hepatitis-C-Pille Sovaldi zeigt jedoch, dass Pharmafirmen durchaus noch immer enorme Preise verlangen können - vorausgesetzt, es handelt sich um tatsächliche Innovationen. Das Medikament kann die Krankheit heilen, nach monatelangem Ringen einigten sich der Hersteller Gilead und die Krankenkassen im Schiedsverfahren auf einen Erstattungsbetrag pro Packung von rund 14.500 Euro, eine Tablette kostet dann noch 488 Euro.

Greiner, der den Report durchgeführt hat, sieht grundsätzlich noch Möglichkeiten, bei Amnog nachzubessern. Der fordert, in Zukunft Kosten-Nutzen-Analysen stärker in die Bewertungen mit einzubeziehen. "Wenn ein neues Arzneimittel Krankenhausaufenthalte reduziert oder langwierige Nachbehandlungen überflüssig macht, sollte nach den bisherigen Erfahrungen aus den Bewertungen auch dies im Rahmen der Ermittlungen eines Erstattungsbetrags berücksichtigt werden", sagt der Gesundheitsökonom.

Genauso müssten Kosten von Nebenwirkungen oder Komplikationen, die mit dem Einsatz eines neuen Medikaments verbunden seien, gegengerechnet werden, so Greiner. Die Suche nach einem fairen Preis für Medikamente geht weiter.

irb/dpa
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