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16. April 2015, 17:21 Uhr

Kosmetikstudien

"Es reicht nicht, dass man die Haut befühlt"

Ein Interview von

Halten Cremes die Werbeversprechen? Was bringen Antioxidantien in Kosmetik? Dermatologin Martina Kerscher erklärt, ob teure Pflegeprodukte besser sind als günstige und wie sich eine Wirkung nachweisen lässt.

SPIEGEL ONLINE: Kann Kosmetik, wie zuweilen in der Werbung behauptet, Zellen erneuern?

Kerscher: Die Aussage ist richtig, aber man stellt sich vielleicht das Falsche darunter vor - es entstehen keine neuen kollagenbildenden Zellen, die etwa Falten auffüllen würden. Man kann die Haut in drei große Schichten einteilen. Das Unterhautfettgewebe, darüber die Lederhaut und die oberste Schicht, die sogenannte Epidermis oder Oberhaut. Das ist die Haut, die wir sehen. Sie besteht aus sehr vielen Zellen, den Keratinozyten, die sich alle 28 bis 42 Tage erneuern. Diese Erneuerung der Keratinozyten, also der Zellen der Oberhaut, kann durch Kosmetika beschleunigt werden.

SPIEGEL ONLINE: Was kann Kosmetik hier erreichen?

Kerscher: Mit zunehmendem Alter verlangsamt sich der Rhythmus, mit dem sich die Zellen in der Epidermis erneuern. Dadurch kann die Hautoberfläche fahl aussehen. Es gibt Wirkstoffe, die diese Erneuerung anregen, etwa Vitamin A, Alpha-Hydroxysäuren oder Vitamin C.

SPIEGEL ONLINE: Sind diese in wirksamer Konzentration in Kosmetik vorhanden?

Kerscher: Die Konzentration ist ein entscheidendes Kriterium. Bei Vitamin C zum Beispiel sind die Effekte am größten, wenn mindestens fünf Prozent Vitamin C enthalten ist.

SPIEGEL ONLINE: Manche Substanzen reizen aber in wirksamer Konzentration die Hau

Kerscher: Vitamin A beispielsweise. Aber man muss unterscheiden. Es gibt Vitamin A, also Retinol, und Vitamin-A-Säure. Die Säure ist ein Arzneistoff, der in verschreibungspflichtigen Medikamenten bei Akne zum Einsatz kommt. Retinol und Retinaldehyd dagegen können in frei verkäuflichen Produkten verwendet werden.

SPIEGEL ONLINE: Manchmal ist auch Pro-Retinol enthalten.

Kerscher: Retinol kann zu Hautirritationen führen. Das lässt sich vermindern, indem man Vorstufen verwendet, die erst in der Haut zu Retinol umgewandelt werden. Pro-Retinol und Retinol bewirken ebenfalls eine Hauterneuerung, aber die Wirkung ist nicht so stark wie bei Retinsäure.

SPIEGEL ONLINE: Gibt es Kosmetika, die, wie es mitunter in der Werbung versprochen wird, die Kollagenproduktion fördern?

Kerscher: Ja, es kommt auf den Wirkstoff an. Wir wissen, dass schon ab dem 30. Lebensjahr die Kollagenproduktion in der Haut immer langsamer wird. Wenn man sich ungeschützt der Sonne aussetzt, Zigaretten raucht, massivem Stress ausgesetzt ist, werden in der Haut vermehrt freie Radikale und Enzyme gebildet, die das Hautkollagen auflösen. Mit Vitamin A und C, aber auch mit Peptiden und Wachstumsfaktoren kann man in der Lederhaut die Kollagenproduktion anregen.

SPIEGEL ONLINE: Die Wirkstoffe können wirklich durch die obere Hautschicht bis in die Lederhaut vordringen?

Kerscher: Manche Wirkstoffe, zum Beispiel Wachstumsfaktoren, müssen das nicht - sie setzen in der Epidermis Signalkaskaden in Gang, die letztlich in einer Mehrproduktion von Kollagen resultieren.

SPIEGEL ONLINE: Wurde das beim Menschen oder lediglich in Zellkulturen nachgewiesen?

Kerscher: Wenn ich über die Effekte von Retinol, Vitamin C, Peptiden und Wachstumsfaktoren spreche, dann basiert das auf evidenzbasierten Studien beim Menschen, die unabhängig von den Kosmetikherstellern durchgeführt wurden.

SPIEGEL ONLINE: Ganz so seriös geht es nicht immer zu, besonders in Studien, die die Kosmetikwerbung zitiert. Manche Firmen werben etwa damit, dass 86 Prozent der an einer zweiwöchigen Studie teilnehmenden Apotheker die Produkte des Unternehmens empfehlen würde

Kerscher: Das würde unseren Kriterien für eine wissenschaftliche Studie nicht entsprechen. Dafür reicht es eben nicht, dass Frau X ihre Haut befühlt und sagt, dass diese schön weich geworden ist. Wir bevorzugen zusätzlich objektivierbare Fakten - per Ultraschall kann man etwa messen, ob die Hautdicke zunimmt. Acht Wochen sollte eine solche Studie mindestens dauern.

SPIEGEL ONLINE: Haben Substanzen einen Effekt, die einen Schutz vor freien Radikalen versprechen?

Kerscher: Stress, UV-Strahlung und Zigaretten setzen freie Radikale in der Haut frei. Diese bewirken wiederum, dass Kollagenasen (Enzyme, die Kollagen abbauen - d. Red.) hochreguliert werden. Das heißt, wenn ich mich vor diesen freien Radikalen schütze, kann ich mich auch vor einem vermehrten Kollagenabbau schützen.

SPIEGEL ONLINE: Viele Produkte enthalten die Substanz Q10. Was ist von ihr zu halten?

Kerscher: Auch das ist ein Antioxidans, das über den eben beschrieben Weg bewirkt, dass weniger Kollagen abgebaut wird.

SPIEGEL ONLINE: Wie testen Sie Kosmetik am Menschen?

Kerscher: Am liebsten durch randomisierte kontrollierte Studien - das heißt: Bei Versuchspersonen wird eine Gesichtshälfte mit der Grundlage der Creme behandelt, die andere mit jener Grundsubstanz plus Wirkstoff. Dann werden zum Beispiel die Elastizität, die Dicke der Haut und die Faltentiefe objektiv gemessen. Weder der Proband, der die Creme aufträgt, noch der Untersucher weiß, welche Creme auf welcher Seite aufgetragen wurde. Am Ende prüft man, ob signifikante Unterschiede zwischen den beiden Hälften zu sehen sind.

SPIEGEL ONLINE: Sind teurere Cremes besser als günstige?

Kerscher: Nicht immer. Das entscheidende ist, welcher Wirkstoff in welcher Konzentration enthalten ist.

SPIEGEL ONLINE: Die steht ja normalerweise nicht auf der Verpackun

Kerscher: Nein, aber die INCI Deklaration, also die Liste der Inhaltsstoffe, und die Position, an der ein Inhaltsstoff auf dieser Liste steht, gibt Aufschluss über die enthaltene Menge.

SPIEGEL ONLINE: Wie findet man die richtige Creme?

Kerscher: Präventiv wirken Lichtschutz in Kombination mit Antioxidantien wie etwa Vitamin C. Wenn die Haut schon Kollagen abbaut, dann sollte man zusätzlich auf Produkte mit Retinol, Wachstumsfaktoren und Peptiden zurückgreifen. Aber: Auf welche Produkte man am Ende setzt, sollte man unbedingt ausprobieren - auch Hautgefühl und Geruch sind wichtige Faktoren.

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