Corona-Nebenwirkungen Krankenkasse meldet 20-Jahres-Tief bei Antibiotika-Verschreibungen

43 Prozent weniger als 2019: Weil sich Menschen seltener mit anderen Infekten anstecken und Arztbesuche meiden, gibt es einen enormen Rückgang bei Antibiotika-Verschreibungen. Das ist eine gute Nachricht.
Tabletten: Antibiotika werden seltener verschrieben

Tabletten: Antibiotika werden seltener verschrieben

Foto: Lorna Rande / Design Pics / imago images

Während der ersten Corona-Welle im Frühjahr 2020 wurden so wenige Antibiotika verschrieben wie seit 20 Jahren nicht mehr. Das ergab eine Erhebung der Techniker Krankenkasse (TK). Sie wertete Medikamentenverschreibungen der mehr als fünf Millionen TK-Versicherten aus, wie das Unternehmen mitteilte.

Die Zahl der ausgestellten Antibiotika-Rezepte ging demnach im April und Mai im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um 43 Prozent zurück. Hochgerechnet auf die rund 34 Millionen sozialversicherungspflichtig Beschäftigten in Deutschland seien rund 11,7 Tagesdosen verschrieben worden. Im Vorjahreszeitraum waren es demnach hochgerechnet noch 20,5 Millionen.

"Ein Teil des starken Rückgangs könnte daher kommen, dass in dieser Zeit weniger Menschen mit leichten Beschwerden zum Arzt gegangen sind", sagte Jens Baas, Vorstandsvorsitzender der TK. Gleichzeitig hätten die Maßnahmen zur Eindämmung der Corona-Pandemie dazu beigetragen, dass sich andere Infektionserkrankungen weniger verbreiten konnten.

Corona verstärkt den allgemeinen Trend

Die Entwicklung folgt den Angaben zufolge dem generellen Trend, weniger Antibiotika bei leichten Erkältungen zu verschreiben. Demnach erhielten im Jahr 2010 noch 30 Prozent der Patienten mit leichten Atemwegserkrankungen Antibiotika, 2019 waren es nur noch knapp 15 Prozent.

"Bei schweren Infekten kann ein Antibiotikum das Mittel der Wahl sein. Bei viralen Infekten helfen Antibiotika nicht nur nicht, sie können sogar kontraproduktiv sein, weil sie langfristig zu Resistenzen führen können", sagte Baas. Der rückläufige Trend der Verschreibungspraxis sei daher sehr zu begrüßen, da er die Wirksamkeit von Antibiotika erhalte.

Antibiotikaresistenzen gelten schon länger als große Bedrohung. Weil die Mittel in der Tiermast eingesetzt und auch bei vergleichsweise milden Beschwerden häufig verschrieben werden, haben sich in den vergangenen Jahren immer mehr ultraresistente Bakterien, sogenannte "Superkeime" entwickelt. Sie können mit Antibiotika nicht mehr bekämpft werden.

So sind Ärzte derzeit gegen das Darmbakterium Klebsiella pneumoniae meist machtlos. Die Zahl der Todesfälle hat sich in Europa innerhalb weniger Jahre versechsfacht. In den USA werden jährlich rund 35.000 Todesfälle auf "Superkeime" zurückgeführt.

mhe/dpa