Deutschland Bei diesen Krankheiten verordnen Ärzte zu oft Antibiotika

Halsschmerzen, Mandel- oder Mittelohrentzündungen: Bei einigen Krankheitsbildern greifen Ärzte zu häufig zum Antibiotikum. Bei anderen verschreiben sie die Mittel aber zu selten, zeigt eine umfassende Auswertung von Patientendaten.
Thermometer und Tabletten: Von Fieber begleitete Infekte können von Viren ausgelöst werden - dann nutzt ein Antibiotikum nichts

Thermometer und Tabletten: Von Fieber begleitete Infekte können von Viren ausgelöst werden - dann nutzt ein Antibiotikum nichts

Foto: Armin Weigel/ picture alliance / dpa

Ob das Kind, das mit einer Mittelohrentzündung zum Arzt geht, die Praxis mit einem Rezept für ein Antibiotikum verlässt, hängt in Deutschland auch von einem überraschenden Faktor ab: seinem Wohnort.

Denn weiterhin verordnen Mediziner in Ostdeutschland die Medikamente seltener als ihre Kollegen im Westen. Dieser Unterschied ist bei einigen Diagnosen besonders stark ausgeprägt, wie das Zentralinstitut für die kassenärztliche Versorgung in Deutschland (ZI) berichtet. Seinen Daten zufolge erhalten 38 Prozent der Patienten mit Mittelohrentzündung im Westen ein Antibiotikum, im Osten sind es lediglich 28 Prozent. Aktuellen Empfehlungen zufolge können die Medikamente allerdings nur bei bis zu 20 Prozent der Erkrankten sinnvoll sein - dies ist der maximale Anteil der Fälle, bei denen Bakterien die Entzündung verursachen. Die restlichen Fälle werden von Viren ausgelöst, gegen die Antibiotika nichts bewirken.

Experten raten nicht nur zum sparsamen Umgang mit Antibiotika, um Patienten die Nebenwirkungen und dem Gesundheitssystem die Kosten zu ersparen: Auch weil Bakterien Resistenzen gegen die Mittel entwickeln können, sollten Antibiotika immer nur dann eingesetzt werden, wenn dies wirklich sinnvoll ist.

Das ZI hat - bundesweit und kassenübergreifend - Daten aus dem Jahr 2009 ausgewertet, die zeigen, wie häufig niedergelassene Ärzte bei einer Reihe von Diagnosen ein Antibiotikum verschreiben. Insgesamt werden die Medikamente zu oft eingesetzt, geht aus dem sogenannten Versorgungsatlas  hervor.

Infektionen der oberen und unteren Atemwege, inklusive Bronchitis: Diese werden meist von Viren verursacht, in bis zu 30 Prozent der Fälle liegt jedoch eine bakterielle Infektion vor. 29 Prozent (Ost) beziehungsweise 31 Prozent (West) der Patienten mit diesen Diagnosen bekamen Antibiotika verschrieben - also etwas zu viele.

Rachenentzündung (Pharyngitis) und Mandelentzündung (Tonsillitis): Antibiotika sind bei bis zu einem Fünftel der Fälle sinnvoll, Ärzte haben sie in 57 Prozent (Ost) beziehungsweise 60 Prozent (West) der Fälle verschrieben - also deutlich zu häufig.

Scharlach: Die Krankheit wird von Streptokokken, einer Bakterien-Art, ausgelöst. Eine Antibiotika-Gabe wird empfohlen, um Komplikationen vorzubeugen. Sie muss aber nicht immer notwendig sein. 81 Prozent der Scharlach-Patienten erhielten ein Antibiotikum. Es zeigte sich kein Unterschied zwischen Ost und West.

Lungenentzündung (Pneumonie): Hier ist der Einsatz von Antibiotika unumstritten, schreiben die ZI-Forscher. Dennoch verschreiben niedergelassene Ärzte nur 48 Prozent (Ost) beziehungsweise 55 Prozent (West) der Patienten nach der Diagnose ein entsprechendes Mittel. Ein Teil der Betroffenen wurde wahrscheinlich in ein Krankenhaus eingewiesen und dort behandelt, was in dem Bericht nicht erfasst wird. "Die tatsächliche Verordnungsrate liegt vermutlich wesentlich höher", schreiben die Forscher.

Unkomplizierte Harnwegsinfektionen: Eine frühe Gabe von Antibiotika wird zum Teil empfohlen, um die Symptome zu lindern - zum Teil wird jedoch zum Abwarten geraten, da die Entzündungen meist ohne Komplikationen abheilen. 49 Prozent (Ost) beziehungsweise 59 Prozent (West) der vor allem weiblichen Patienten bekamen ein Antibiotika-Rezept.

Bereits 2012 hatte das ZI einen Bericht vorgelegt, der starke regionale Unterschiede bei der Antibiotika-Verschreibung aufzeigte. "Wir vermuten, dass die Erwartungen der Patienten und die Einstellung der Ärzte zu einer Antibiotika-Therapie wesentliche Einflussfaktoren sind", sagt Dominik von Stillfried, Geschäftsführer des ZI, damals. Die nun vorliegende Auswertung zeigt, dass die Unterscheide zwischen West und Ost je nach Diagnose variieren.

wbr