Langzeitstudie Antibiotika für Babys erhöhen Risiko für Übergewicht

Viele Eltern fürchten schädliche Nebenwirkungen, wenn ihr Säugling mit Antibiotika behandelt werden muss. Doch manchmal sind die Medikamente unerlässlich. Bei der Verabreichung sollte man aber Vorsicht walten lassen. Jetzt sind Ärzte einer weiteren möglichen Spätfolge auf der Spur: Übergewicht.

Pulver quillt aus Medikamentenkapsel: Vor dem fünften Monat scheint die Antibiotikagabe Folgen für das Gewicht zu haben
Corbis

Pulver quillt aus Medikamentenkapsel: Vor dem fünften Monat scheint die Antibiotikagabe Folgen für das Gewicht zu haben


Antibiotika sind ein Segen, ohne sie hätten Ärzte bakteriellen Infektionen kaum etwas entgegenzusetzen. Seit Jahren ist aber auch bekannt, dass Antibiotika häufig unbedacht, ohne genaue Diagnose und zu großzügig eingesetzt werden - auch bei Kindern. Mikrobiologen fürchten vor allem die Ausbreitung von Bakterien, die gegen sämtliche bekannten Antibiotika resistent sind.

US-Wissenschaftler der New York University haben jetzt in zwei Studien sowohl an Kindern als auch in Mäuseversuchen einen möglichen Zusammenhang zwischen der Einnahme von Antibiotika im frühen Kindesalter und späterem Übergewicht aufgedeckt.

In der ersten Untersuchung konnte ein Forscherteam zeigen, dass Kinder im Alter von drei Jahren eher zu Übergewicht neigen, wenn sie schon vor ihrem sechsten Lebensmonat mit Antibiotika behandelt werden mussten, schreiben der Infektiologe Martin Blaser und seine Kollegen im "International Journal of Obesity".

Die Studien im Detail
Studienziele
In der ersten Studie, in der die Daten von mehr als 10.000 britischen Kindern ausgewertet wurden, suchten die Forscher nach statistischen Zusammenhängen zwischen der Gabe von Antibiotika in den ersten zwei Lebensjahren und der späteren Gewichtsentwicklung bis zum siebten Lebensjahr.

In der zweiten Studie an Mäusen fütterten die Wissenschaftler die jungen Nager mit antibiotikahaltigem Wasser und überprüften bis zum Tod der Mäuse, wie sich deren Körperfettanteil und Körpergewicht entwickelte.
Antibiotika bei Kindern
In der britischen ALSPAC-Studie wird seit Anfang der neunziger Jahre nach Einflussfaktoren für die Entwicklung von Kindern bis ins Erwachsenenalter gesucht. Aus dieser Studie betrachteten die Wissenschaftler für die aktuelle Untersuchung 11.532 Kinder, die bei der Geburt mehr als 2500 Gramm wogen. Kinder mit geringerem Geburtsgewicht schlossen die Forscher aus, weil diese Babys mit einer höheren Wahrscheinlichkeit an weiteren Krankheiten litten, die die Ergebnisse verzerren könnten.

Die Wissenschaftler befragten die Eltern in drei Fragebögen, in denen es um mögliche Antibiotikagaben in den Alterszeiträumen bis 5 Monaten, zwischen 6 und 14 Monaten und zwischen 15 und 23 Monaten. Das Geburtsgewicht der Kinder und ihr Gewicht mit knapp zwei Monaten, etwa zehn Monaten, circa 20 Monaten, 38 Monaten und sieben Jahren konnten die Forscher aus den ALSPAC-Datensätzen der Kinder entnehmen.

Um das Körpergewicht ins Verhältnis zur Körpergröße zu setzen, berechneten die Forscher angepasste Punktewerte, die ähnlich dem Body-Mass-Index (BMI) für Erwachsene funktionieren.

Um Verzerrungen bei den Ergebnissen zu vermeiden, berücksichtigten die Wissenschaftler verschiedene Störfaktoren, unter anderem die soziale Schicht und Bildung der Eltern, den BMI der Eltern, Rauchen während des ersten Schwangerschaftstrimesters und ob das Kind jemals oder dauerhaft gestillt wurde. Die Teilnehmer der ALSPAC-Studie sind im Schnitt weniger häufig übergewichtig als die britische Durchschnittsbevölkerung.
Ergebnisse bei Kindern
Das mittlere Geburtsgewicht der Kinder lag bei 3477 Gramm. Knapp ein Drittel der Kinder bekam in den ersten fünf Lebensmonaten Antibiotika, im Alter von zwei Jahren hatten nur 25,7 Prozent der Kinder noch nie Antibiotika bekommen. Am Geburtsgewicht der Kinder konnten die Forscher statistisch nicht erkennen, ob die Kinder bis zum zweiten Geburtstag Antibiotika bekommen würden oder nicht. Dagegen kann vom Geburtsgewicht durchaus darauf geschlossen werden, ob ein Kind innerhalb der ersten fünf Lebensmonate Antibiotika benötigen wird: je geringer das Geburtsgewicht, desto wahrscheinlicher eine Antibiotikagabe.

Im Alter von sieben Jahren waren 17,6 Prozent der untersuchten Kinder übergewichtig, 8,3 Prozent massiv zu dick (adipös). Kinder, die in den ersten fünf Lebensmonaten Antibiotika bekommen hatten, lagen beim für Kinder angepassten Body Mass Index im Alter von 10 und 38 Monaten statistisch wahrnehmbar über dem Durchschnitt. Bei Antibiotikagaben in höherem Alter konnten die Forscher keinen statistischen Zusammenhang erkennen.

Werden die möglichen Störfaktoren eingerechnet, so steigt das statistische Risiko für Übergewicht im Alter von 38 Monaten durch die erste Antibiotikagabe im Leben eines Kindes vor dem sechsten Lebensmonat um 22 Prozent. Im Alter von sieben Jahren war kein solcher Zusammenhang mehr erkennbar.

In einer Kontrolle konnten die Wissenschaftler keinen Zusammenhang zwischen der Gabe entzündungshemmender Medikamente oder Augensalbe und dem Körpergewicht der Kinder feststellen.
Schwächen der Kinder-Studie
Es gibt verschiedene Störfaktoren, die von den Forschern nur unzureichend berücksichtigt werden konnten. Der angepasste BMI von Kindern hängt von vielen verschiedenen Faktoren ab, unter anderem davon, ob die Mutter raucht oder in der Schwangerschaft geraucht hat, wie das Kind schläft und wie viel es sich bewegt. Viele der Störfaktoren versuchten die Wissenschaftler, zu berücksichtigen, nicht alle konnten sie einrechnen.

Ob, und falls ja zu welcher Zeit, die Kinder Antibiotika bekommen haben, erfragten die Forscher bei den Eltern. Solche Fragebögen, die aus der Erinnerung ausgefüllt werden, sind fehleranfällig.

Die Festlegung, wann ein Säugling oder Kleinkind übergewichtig ist, wie also ein angepasster BMI berechnet werden soll, ist umstritten.

Kinder unter 2500 Gramm Geburtsgewicht wurden aus der Studie ausgeschlossen. Ein höheres Geburtsgewicht könnte schon als solches ein größeres Risiko für Übergewicht im Leben darstellen, was die Ergebnisse verzerren würde.

Die Studie kann nur einen statistischen, keinen kausalen Zusammenhang zwischen der Antibiotikagabe und dem Übergewicht später im Leben herstellen. Sie gibt keine Antwort auf die Frage, ob die Antibiotika selbst für das Übergewicht verantwortlich sind.
Eine mögliche Erklärung dafür liefert die zweite Studie, ebenfalls unter Blasers Leitung: Selbst geringe Dosen Antibiotika verändern die Darmflora und damit den Stoffwechsel junger Mäuse so drastisch, dass diese in ihrem späteren Leben deutlich mehr Fett einlagern als ihre unbehandelten Artgenossen. Der Zusammenhang erklärt außerdem, warum Antibiotika dabei helfen, Nutztiere zu mästen, schreibt das Team im Wissenschaftsjournal "Nature".

Für die erste Analyse werteten die Wissenschaftler Daten von mehr als 11.000 Kindern aus, die in den Jahren 1991 und 1992 in Großbritannien geboren worden waren. Erfasst wurde, ob die Kleinen im Alter bis zu 5 Monaten, zwischen 6 und 14 Monaten oder zwischen 15 und 23 Monaten mit Antibiotika behandelt worden waren. Zudem registrierten die Forscher die Körpermaße der Kinder zu verschiedenen Zeitpunkten ihres Lebens.

Hatten die Kleinen vor ihrem sechsten Lebensmonat ein Antibiotikum bekommen, was bei nahezu einem Drittel der Kinder der Fall war, stieg ihr Übergewichtsrisiko im Alter zwischen zehn Monaten und drei Jahren um bis zu 22 Prozent an. Bekamen die Kinder erst später die gegen bakterielle Infektionen gerichteten Medikamente, ließ sich kein solcher Zusammenhang mehr nachweisen. Der Effekt sei zwar nicht besonders groß, statistisch aber eindeutig gewesen, schreiben die Forscher. Und selbst wenn die Gewichtszunahme eines einzelnen Kindes nicht dramatisch ausfalle, spielten die Folgen der Antibiotikagabe für die gesamte Bevölkerung durchaus eine Rolle. Blaser und seine Kollegen betonen, die Ergebnisse belegten nicht, dass Antibiotika Übergewicht verursachen, sondern nur, dass ein Zusammenhang bestehe.

Antibiotika machen Mäuse in niedriger Konzentration dick

Wie dieser Zusammenhang zustande kommen könnte, zeigt die zweite Studie an Nagern. Darin hatten Blaser und seine Kollegen jungen Mäusen direkt nach der Entwöhnung verschiedene Antibiotika verabreicht, darunter die gängigen Wirkstoffe Penicillin, Tetracyclin und Vancomycin. Die Tiere bekamen jedoch nicht die Dosen, die für die Behandlung einer Infektionen nötig sind, sondern sehr viel geringere Mengen, wie sie in den USA typischerweise in der Tierzucht eingesetzt werden. Die Forscher schreiben, US-Bauern hätten schon in den vierziger Jahren begonnen, ihren Tieren niedrigdosierte Antibiotika zu verabreichen, um sie für den Verkauf zu mästen.

Blaser und seine Kollegen beobachteten, wie sich die Mäuse im Vergleich zu einer unbehandelten Kontrollgruppe entwickelten. Auch hier zeigte sich recht schnell eine Folge der Medikamenteneinnahme: Bereits nach sieben Wochen hatten die mit den Antibiotika behandelten Tiere mehr Körperfett eingelagert als ihre unbehandelten Artgenossen, auch wenn ihr Körpergewicht zu diesem Zeitpunkt noch keine Auffälligkeit zeigte.

Nach 26 Wochen gab es dann jedoch einen klaren Unterschied beim Gewicht und auch bei der Fettverteilung zwischen den Antibiotika-Gruppen und den Kontrolltieren. Auch die Darmflora hatte sich nach der Behandlung deutlich verändert: Zwar blieb die Anzahl der Bakterien im Verdauungstrakt der Tiere konstant, die Anteile der verschiedenen Mikrobenarten verschoben sich jedoch. Veränderungen gab es zudem bei der Aktivität bestimmter Schlüsselgene, die für die Umsetzung von Kohlenhydraten in Fettsäuren zuständig sind. Die Leber zeigte ebenfalls ungewöhnliche Werte, insbesondere was das Verarbeiten von Fettsäuren und Cholesterin anging. Insgesamt, hatten sich Darmflora und Stoffwechsel so umgestellt, dass mehr Nährstoffe aus der Nahrung gewonnen werden konnten und damit mehr Kalorien pro Mahlzeit in den Körper gelangten.

Antibiotika in einem frühen Lebensstadium stellten demnach offenbar verschiedene Weichen für die körperliche Entwicklung, was schließlich in einem höheren Übergewichtsrisiko münde, lautet das Fazit der Forscher. Sie betonen, dass das Übergewicht weltweit in etwa parallel mit dem Gebrauch von Antibiotika zugenommen habe.

Möglicherweise gebe es hier einen kausalen Zusammenhang, daher sollte den Wissenschaftlern zufolge die übermäßige Verwendung der Medikamente in der Medizin ebenso wie in der Tierzucht überdacht werden. Während die Besiedelung des Darms erwachsener Menschen relativ stabil sei, könne das Gleichgewicht der Mikroben im kindlichen Darm wesentlich anfälliger für Störungen sein. Bereits in früheren Studien waren Zusammenhänge zwischen der Antibiotikagabe im Kindesalter und dem Risiko für Neurodermitis, Asthma und ein Reizdarmsyndrom gefunden worden.

dba/dapd

insgesamt 12 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
fred_krug 24.08.2012
1. Kindswohl
Es geht doch ums Kindswohl. Was ist schlimmer? Fettleibigkeit mit der sozialverträglichen medizinischen Versorgung der Folgen der Fettleibigkeit durch die Solidargemeinschaft? Oder das Risiko für die Pharma- und Krankenversorgungsindustrie, einen gesunden Menschen nicht versorgen zu können - und zwar mit der Folge geringerer Umstätze und des Verlustes von Arbeitsplätzen in allen Bereichen der Krankenversorgung? Wer glaubt, Gesundheit sei etwas wünschenswertes in 'unserer' Gesellschaft, der irrt doch wohl gewaltig ... Es geht bei dem überbordenden Ausbau der medizinischen Versorgung ja nun auch um das Kindswohl ...
bohrendeworte 24.08.2012
2. Bald eh erledigt
Die rasante Resistenzentwicklung macht die Antibiose bald überflüssig. Es sind Wohlstandsprobleme, die hier beschrieben werden. Und noch immer sind in deutschen Krankenhäusern lausige Hygienestandards an der Tagesordnung. Who cares?
Gerdtrader50 24.08.2012
3. Antibiotika für ein Baby
wird ein Kinderarzt wohl nur dann verschreiben, wenn eine akute Lebensgefahr für das Kind besteht. Antibiotika wird nicht einfach mal so verordnet. Sofern die Verordnung indiziert ist und das Baby die Infektion übersteht, ist das doch in Ordnung und die Spätrisiken mit eventuellen Übergewichtsentwicklungen würde das Kind doch gar nicht erleben, wenn es an der Infektion gestorben wäre. Insofern ist die Studie mit zweierlei Mass zu messen. Und unnötige Verordnung von Antibiotika ist sowieso unverantwortlich, egal welches Lebensalter.
forkeltiface 24.08.2012
4.
Zitat von sysopCorbisViele Eltern fürchten schädliche Nebenwirkungen, wenn ihr Säugling mit Antibiotika behandelt werden muss. Doch manchmal sind die Medikamente unerlässlich. Bei der Verabreichung sollte man aber Vorsicht walten lassen. Jetzt sind Ärzte einer weiteren möglichen Spätfolge auf der Spur: Übergewicht. http://www.spiegel.de/gesundheit/diagnose/0,1518,851743,00.html
Infektionen erhöhen das Risiko auf chronische bis tödliche Erkrankungen. Was ist schlimmer? Aber solange man "kritisch" gegen die "Pharmabranche" sein kann, reicht das wohl für einen Artikel.
blablabla! 24.08.2012
5. Korrelation ist nicht gleich Kausalität
Oh ihr lieben Ärzte. Macht ihr wieder einen auf Wissenschaftler? Wenn man den Unterschied zwischen Korrelation und Kausalität nicht kennt kommen immer tolle Studienergebnisse wie dieses hier dabei raus. Jetzt kennen wir endlich den wahren Grund für die hohe Fettleibigkeitsrate bei Kindern von heute. War doch klar, dass das mit dem Bewegungsmangel und dem Fast-Food Konsum nur eine Verschwörungsaktion der Pharmaindustrie sein musste! Die Fast-Food Industrie dankt euch für eure Forschung.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.