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29. Mai 2019, 10:58 Uhr

Hochrechnungen für 2018

Millionen Versicherte bekamen bedenkliche Antibiotika

Fluorchinolone können heftige Nebenwirkungen auslösen, trotzdem verschreiben Ärzte die Antibiotika häufig. Allein 2018 erhielten mehr als drei Millionen Patienten in Deutschland die Medikamente.

In Deutschland werden immer noch häufig Fluorchinolone verschrieben. Dabei handelt es sich um bestimmte Antibiotika, die schwerwiegende Nebenwirkungen haben können. Obwohl diese Risiken schon seit Jahren bekannt sind, erhielten 2018 mehr als drei Millionen gesetzlich krankenversicherte Patienten hierzulande entsprechende Präparate.

Das entspricht etwa fünf Prozent aller gesetzlich Krankenversicherten, wie aus Berechnungen des Wissenschaftlichen Instituts der Krankenkasse AOK (WIdO) hervorgeht. 40.000 der Patienten könnten demnach infolge der Antibiotika-Einnahme von Sehnenrissen, Schädigungen des Nervensystems sowie der Hauptschlagader betroffen sein.

Antibiotika der Gruppe Fluorchinolone gelten als hochwirksam und werden häufig eingesetzt, etwa bei Harnwegsinfekten, Mandelentzündungen oder akuter Bronchitis. Ärzte verordnen die Mittel auch dann, wenn andere Medikamente versagen. Sie wirken beispielsweise bei dem gefürchteten Krankenhauskeim Pseudomonas aeruginosa, bei nekrotisierender Bauchspeicheldrüsenentzündung oder beim Milzbranderreger.

Allerdings können die Antibiotika heftige Nebenwirkungen auslösen, die vor allem Muskeln, Gelenke und das Nervensystem betreffen. Dazu gehören Sehnenentzündungen, Sehnenrisse, Muskelschmerzen, Nervenstörungen, Schlaflosigkeit, Depressionen, Ermüdungen oder eingeschränktes Erinnerungsvermögen. Einige der Nebenwirkungen treten über Monate bis Jahre hinweg auf und könnten möglicherweise dauerhaft bestehen bleiben. (Mehr dazu lesen Sie hier.)

Anfang April wurden Ärzte in einem sogenannten Rote-Hand-Brief vor "die Lebensqualität beeinträchtigenden, lang anhaltenden und möglicherweise irreversiblen Nebenwirkungen" gewarnt und dazu aufgefordert, die Antibiotika nur noch in Ausnahmefällen zu verschreiben. Einige Mittel wurden ganz vom europäischen Markt genommen.

Hohe Dunkelziffer

Zwar sind nur wenige Fälle von Nebenwirkungen dokumentiert. Allerdings ist von einer hohen Dunkelziffer auszugehen, da die Symptome längst nicht immer als Nebenwirkung erkannt werden. In Deutschland sind folgende Wirkstoffe betroffen:

Bei Mandelentzündungen, akuter Bronchitis oder zur Vorbeugung von Harnwegsinfektionen dürfen die Mittel nicht mehr eingesetzt werden. Bei chronischen Lungenerkrankungen oder Harnblasenentzündungen kommen sie nur noch infrage, wenn andere Antibiotika versagen oder beispielsweise wegen Unverträglichkeiten ausgeschlossen werden müssen. Ärzte sollten auch ältere Menschen nicht mit Fluorchinolon behandeln. Das gilt ebenso für Patienten mit eingeschränkter Nierenfunktion oder nach Organtransplantationen.

Im vergangenen Jahr verordneten Ärzte in Deutschland laut WIdO rund 310 Millionen Antibiotika-Tagesdosen - davon entfielen 8,2 Prozent auf Fluorchinolon-Antibiotika.

Mehr zum Thema: Die Antibiotika-Falle - Wenn das Wundermittel nicht mehr wirkt

koe/dpa

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