Medikamente Wann braucht das Kind wirklich ein Antibiotikum?

Kinder und Jugendliche in Deutschland erhalten zu oft Antibiotika. Wann sind die Medikamente ein Muss, wann sollte man lieber abwarten? Der Überblick.
Antibiotika bei Kindern: Voreilige Verschreibung vermeiden

Antibiotika bei Kindern: Voreilige Verschreibung vermeiden

Foto: Corbis

Wer Kinder hat, kennt die Situation: Der Sohn oder die Tochter fühlt sich schlecht, hat Fieber und weiße Stippchen auf den Mandeln. Der zu Rate gezogene Arzt verschreibt ein Antibiotikum. Vielleicht ist es genau das, was die Eltern sich vom Arztbesuch erhofft haben. Möglicherweise fragen sie sich aber, ob das wirklich sein muss.

Unbedingt nötig sind Antibiotika bei

  • einer bakteriellen Lungenentzündung,
  • einer Hirnhautentzündung,
  • Harnwegsinfektionen
  • sowie einer eitrigen Mandelentzündung mit Streptokokken vom Typ A, dem Scharlacherreger.

Besonders oft eingesetzt werden die Mittel allerdings bei

  • fiebriger Erkältung,
  • Hals- und Mittelohrentzündungen.

"Es werden noch immer zu oft und voreilig Antibiotika verschrieben und von einigen Eltern auch eingefordert", sagt Johannes Liese, Leiter der Pädiatrischen Infektiologie und Immunologie an der Universitätskinderklinik in Würzburg. Auf Eltern- und Ärzteseite bestehe oft der Wunsch und die Vorstellung, hundertprozentige Sicherheit durch die Einnahme eines Antibiotikums zu haben. Zumal laut Liese bei einem Teil der Eltern die Meinung besteht, Antibiotika seien relativ harmlos.

Die Erreger passen sich an

Falscher und häufiger Antibiotikaeinsatz bei Mensch und Tier führen jedoch zunehmend zu Resistenzen. Inzwischen hat sich die Situation so verschärft, dass die Weltgesundheitsorganisation (WHO) einen globalen Aktionsplan für den Kampf gegen Antibiotikaresistenzen verabschiedet hat.

Fachgesellschaften, wie die Deutsche Gesellschaft für Pädiatrische Infektiologie (DGPI), betonen, dass Kinder Antibiotika nur dann einnehmen sollten, wenn sie wirklich nötig sind, also unter anderem nur dann, wenn Bakterien im Spiel sind. Das gilt natürlich ebenso für erwachsene Patienten.

Gegen Viren, die oft Husten und Schnupfen auslösen, können Antibiotika nichts ausrichten.

US-Wissenschaftler warnen davor , dass ein übermäßiger Einsatz von Antibiotika bei Kleinkindern im Erwachsenenalter zu Gesundheitsproblemen wie Allergien und Übergewicht führen könnte. Es sei sehr wichtig, dass derartige langfristige Nebenwirkungen viel genauer untersucht werden, fordert Liese.

Hat ein Kind außer einer Mandelentzündung auch Husten und Schnupfen, sei das in der Regel eher ein Zeichen eines Virusinfekts. "Es ist grundsätzlich möglich, einen Test auf den Entzündungsmarker C-reaktives Protein, kurz CRP, zu machen, um abzuklären, ob es sich um eine bakterielle oder virale Infektion handelt. Doch nur, wenn das Ergebnis negativ ist, bedeutet es, dass es sich mit höherer Wahrscheinlichkeit um einen Virusinfekt handelt", sagt Liese. Bei einem positiven Testergebnis sei man nicht viel weiter, weil bestimmte Viren ebenfalls den CRP-Wert ansteigen lassen.

Manchmal ist Abwarten die bessere Alternative

Bei vielen Atemwegsinfektionen kann vor allem ab einem bestimmten Alter des Kindes erst einmal abgewartet werden. "Das ist zum Beispiel bei einem unkomplizierten fiebrigen Infekt der Fall. Die Eltern sollen ihr Kind zunächst ohne Antibiotikum für 48 Stunden beobachten. Etwa 80 bis 90 Prozent aller Infekte sind dann ausgeheilt", sagt der Würzburger Mediziner. Wenn das Kind danach weiter fiebere, sollten Eltern und Kind wieder zum Arzt gehen, damit dieser das Kind erneut untersucht und die Entscheidung für oder gegen eine Antibiotika-Therapie treffen kann.

Bei der akuten Mittelohrentzündung bestimmt das Kindesalter die Therapie mit. Ist der kleine Patient noch keine sechs Monate alt, muss laut Liese sofort ein Antibiotikum gegeben werden, weil das Risiko für schwere Infektionen und für später wiederholt auftretende Mittelohrentzündungen in diesem Alter größer ist. Bei Kindern zwischen einem halben und zwei Jahren sind die Medikamente nicht immer nötig. Ist das Kind älter als zwei, könne man in der Regel zunächst abwarten.

Ein großes Problem in Deutschland: In jedem vierten Fall, in dem ein Kind ein Antibiotikum bekommt, handelt es sich um ein sogenanntes Reserveantibiotikum. Diese sollten aber nur verwendet werden, wenn andere Mittel wirkungslos sind - und haben zum Teil stärkere Nebenwirkungen.

Zum Vergleich: In den Niederlanden erhalten Kinder nur in 0,3 Prozent der Fälle ein Reserveantibiotikum - das zeigte eine Vergleichsstudie des Leibniz-Zentrums für Präventionsforschung und Epidemiologie in Bremen (BIPS). "Altbewährte Medikamente wie Penicilline und Amoxicillin sind jahrelang fälschlicherweise bei vielen Ärzten in Ungnade gefallen - leider. Das muss sich möglichst rasch ändern", sagt Liese.


Tipps zum Umgang mit Antibiotika bei Kindern

Was Eltern den Arzt fragen sollten:

  • Ist ein Schmerzmittel während des Abwartens sinnvoll, und wenn ja, in welcher Dosierung?
  • Welche weiteren Maßnahmen können die Heilung unterstützen?
  • Welche Argumente sprechen für und welche gegen ein Antibiotikum?
  • Ist die Infektion wirklich durch Bakterien verursacht? Falls eine Unsicherheit besteht, ist ein CRP-Test (allerdings mit eingeschränkter Aussagekraft) möglich.
  • In welchem Fall, also wenn sich der Zustand des Kindes wie verändert, soll ein erneuter Arztbesuch erfolgen?
  • Wie kann bei einer Antibiotikaeinnahme eine mögliche Resistenzentwicklung verhindert werden?
  • Wie kann nach einer Antibiotikaeinnahme die geschädigte Darmflora möglichst schnell regeneriert werden?

Zur Autorin

Gerlinde Gukelberger-Felix ist Diplom-Physikerin und studierte eine Zeit lang Medizin, bis sie sich ganz dem Journalismus verschrieb. Besonders interessant findet sie alle Überschneidungen zwischen Medizin, Physik, Biologie und Psychologie. Sie arbeitet als freie Medizin- und Wissenschaftsjournalistin.