Antibiotika-resistente Keime Die Gefahr durch globalisierte Erreger

Indien, Thailand, Ägypten: Auf Reisen fangen sich Menschen häufig antibiotikaresistente Keime ein. Oft ist das unproblematisch. Ein aktueller Fall an der Uniklinik Kiel offenbart jedoch die Gefahr, die von solchen Bakterien ausgeht.
Bakterien: Mit der Zeit entwickeln Mikroorganismen Resistenzen gegen Antibiotika

Bakterien: Mit der Zeit entwickeln Mikroorganismen Resistenzen gegen Antibiotika

Foto: SUZANNE PLUNKETT/ REUTERS

Am Uniklinikum Kiel haben sich mehrere Patienten mit gefährlichen multiresistenten Bakterien infiziert. Fünf Verstorbene hatten neben ihren teils schweren Erkrankungen auch den gefährlichen Keim im Körper. Der sogenannte Acinetobacter baumannii sei gegen vier Antibiotikagruppen resistent, berichtet das Krankenhaus.

Der Erreger führe zwar nur relativ selten zu schweren Infektionen, die überwiegend auf Intensivstationen, bei schwerkranken Patienten vorkommen. Dann jedoch sind schwere Verläufe bis hin zur lebensbedrohlichen Sepsis möglich, besser bekannt als Blutvergiftung. Die Resistenzen verschlechtern die Chancen, dass die Betroffenen kuriert werden können.

Die 14 infizierten Patienten wurden isoliert, so die Uniklinik. Einige seien erkrankt, bei anderen sei das Bakterium nur nachgewiesen, verursache aber aktuell keine Symptome. Bis auf Weiteres werde der Campus Kiel keine internistischen Notfallpatienten aufnehmen, die künstlich beatmet werden müssten.

Der Keim wurde vermutlich von einem Patienten ins Klinikum gebracht, der aus dem Mittelmeerraum nach Kiel verlegt worden war.

Wie oft bringen Reisende multiresistente Keime mit?

Die Frage treibt Infektionsforscher schon seit längerem um. Ein Team um Christoph Lübbert, Leiter des Fachbereichs Infektions- und Tropenmedizin am Universitätsklinikum Leipzig, hat gerade eine Forschungsarbeit zum Thema  veröffentlicht: Die Wissenschaftler haben gut 200 gesunde Fernreisende auf eine Besiedelung des Magen-Darm-Trakts mit multiresistenten Mikroorganismen untersucht. Besonderes Augenmerk galt ESBL-bildenden Bakterien. Sie produzieren Enzyme, die die Mehrzahl der verfügbaren Antibiotika wirkungslos machen.

Vor Abreise fanden sich bei knapp sieben Prozent (14 Teilnehmern) ESBL-Keime. Nach der Rückkehr trugen rund 30 Prozent der Reisenden, die vorher ESBL-negativ waren, solche Keime im Darmtrakt. "Frühere Studien gingen von Raten zwischen 14 und 25 Prozent aus", sagt Lübbert.

Antibiotikaresistenzen

Multiresistente Erreger werden nicht nur importiert, sie entstehen auch in Deutschland. Das liegt am zu häufigen oder falschen Antibiotikaeinsatz beim Menschen sowie am Gebrauch der Medikamente in der Massentierhaltung. Verschärft wird das Problem dadurch, dass seit vielen Jahren keine neuen Antibiotika entwickelt wurden.

Besonders auffällig: Mehr als 70 Prozent der Indienreisenden und fast 50 Prozent der Südostasien-Reisenden importierten ESBL-bildende Bakterien nach Deutschland. Und das, obwohl sich die meisten nach eigener Aussage an die Empfehlungen der Ärzte gehalten hatten, regelmäßig die Hände zu waschen und nur abgepackte Getränke zu konsumieren. "Das macht deutlich, dass diese multiresistenten Erreger in der Umwelt und in der Nahrungskette dieser Länder angekommen sind", warnt der Leipziger Infektiologe.

Für Gesunde sind die Keime meist ungefährlich

ESBL-bildende Bakterien machen nicht jeden krank, die Besiedelung kann völlig unbemerkt ablaufen. Wer unterwegs unter Durchfall leidet, muss jedoch in Betracht ziehen, dass er sich mit den problematischen Erregern infiziert hat. Der Experte rät davon ab, in diesem Fall ohne genaue Abklärung Antibiotika zu nehmen, da die Standardmittel bei multiresistenten Erregern nicht helfen. Die Behandlung könnte die Besiedlungsdauer sogar verlängern.

Dieser Rat wird durch eine aktuelle Studie finnischer Forscher  gestützt. Sie zeigte, dass sich Reisende häufiger multiresistente Keime einfangen, wenn sie Antibiotika einnehmen. Besser wäre es laut Studienleiter Anu Kantele, bei nicht zu schwerem Durchfall zunächst nichtantibiotische Medikamente zu nehmen.

Eine weitere Erkenntnis der Leipziger Studie: Keiner der relativ jungen, gesunden Probanden erkrankte innerhalb von sechs Monaten nach der Rückkehr aufgrund der ESBL-Besiedelung. Nach einem halben Jahr waren lediglich neun Prozent noch Träger der importierten Bakterien. Lübbert sagt allerdings, es sei nicht sicher, dass bei diesen Probanden die Besiedlung mit dem Problemkeim vollständig verschwindet. "Im Krankenhaus können sie zu einer Gefahr für andere Patienten werden, wenn es zum Beispiel aufgrund von Hygienefehlern zu einer Übertragung der multiresistenten Erreger auf besonders gefährdete Patienten wie Empfänger von Organtransplantaten kommt", warnt Lübbert.

Insbesondere auf der Neugeborenenstationen, in der Hämatologie, bei der Behandlung von Krebserkrankungen, in der Transplantationsmedizin und auf der Intensivstation stellen multiresistente Erreger eine große Gefahr für die Patienten dar.

Risikofaktoren bei Patienten abfragen

Im Universitätsklinikum Leipzig wird inzwischen bei jedem neu eingelieferten Patienten vorab geklärt, ob er Risikofaktoren für multiresistente Erreger aufweist, also zum Beispiel

  • in den vergangenen sechs Monaten eine Fernreise unternommen hat,
  • aus einem Senioren- oder Pflegeheim kommt
  • oder in einer anderen Klinik war.

Wer als Träger multiresistenter Bakterien infrage kommt oder länger als 14 Tage im Leipziger Krankenhaus bleiben muss, dessen Stuhl wird bei Aufnahme und im weiteren Verlauf dann einmal wöchentlich auf entsprechende Erreger untersucht. Fällt das Screening positiv aus, werden entsprechend verschärfte Hygienemaßnahmen umgesetzt. "Das Screening kostet das Klinikum zwar zunächst viel Geld. Langfristig wird es sich aber auszahlen, weil so Krankenhausinfektionen vermieden werden", sagt Lübbert.

Mit Material von dpa