Antibiotikaresistenz Auf der Spur des Superkeims

Gegen das Darmbakterium Klebsiella pneumoniae sind Ärzte meist machtlos. Die Zahl der Todesfälle hat sich in Europa innerhalb weniger Jahre versechsfacht. Nun haben Forscher den Ursprung des Übels ausgemacht.

Selbst Notfallantibiotika können oft nichts gegen Klebsiella pneumoniae ausrichten
Centers for Disease Control and Prevention/ DPA

Selbst Notfallantibiotika können oft nichts gegen Klebsiella pneumoniae ausrichten


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Begonnen hatte alles mit einem harmlosen Knochenbruch, doch am Ende war die Patientin tot. Im Körper der Rentnerin hatten sich Klebsiella-pneumoniae-Keime ausgebreitet, alle zugelassenen Medikamente blieben wirkungslos. Ganze 26 verschiedene Antibiotika hatten Ärzte der Frau verabreicht - ohne Erfolg. Der Fall aus den USA von vor knapp drei Jahren zeigt, wie gefährlich Klebsiella pneumoniae ist.

Die Bakterien kommen im menschlichen Darm vor, wo sie in der Regel keine Probleme verursachen. Ist das Immunsystem jedoch geschwächt und breiten sich die Erreger aus, beispielsweise in die Lunge, können sie lebensgefährliche Infektionen verursachen. Das Fatale: Medikamente können gegen sie oft nichts ausrichten.

"Dringende Gefahr für die Gesundheit"

Die Erreger gelten deshalb als die am schnellsten wachsende Bedrohung durch resistente Keime in Europa. Zwischen 2007 und 2015 stieg die Zahl der dokumentierten Todesfälle um das Sechsfache - von etwa 340 auf knapp 2100. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) stufte den Klebsiella-pneumoniae-Keim als "dringende Gefahr für die Gesundheit des Menschen" ein.

Forscher haben nun untersucht, wie sich die Erreger ausbreiten. Dafür analysierten sie mehr als 1700 Proben aus 244 Krankenhäusern in 32 Ländern, darunter auch Deutschland. Die Auswertung ergab, dass nur wenige Gene für die Resistenzen verantwortlich sind. Insgesamt gingen 70 Prozent aller Proben auf nur vier Erregerlinien zurück, berichten die Forscher im Fachblatt "Nature Microbiology".

Die Daten zeigen, dass diese Linien sich vor allem in Krankenhäusern verbreiten - also genau dort, wo viele Antibiotika verabreicht werden. In mehr als der Hälfte der Fälle fanden die Forscher in verschiedenen Proben aus einer Klinik ähnliche genetische Varianten. "Je resistenter die Erreger sind, desto besser verbreiten sie sich in Krankenhäusern", sagt einer der Studienautoren, Hajo Grundmann von der Uniklinik Freiburg. "Das ist sehr beunruhigend." Besonders häufig treten solche Erreger in Südeuropa auf, wo besonders oft Reserveantibiotika verordnet werden.

Einen der größten bisher dokumentierten Ausbrüche in Deutschland gab es zwischen 2010 und 2013 an der Uniklinik Leipzig. Damals wurde der Erreger bei mehr als hundert Patienten nachgewiesen, mindestens 30 starben.

Bei solchen Ausbrüchen greifen Ärzte häufig auf sogenannte Carbapeneme zurück - Reserveantibiotika, die erst dann zum Einsatz kommen, wenn andere Antibiotika versagen. Mediziner sprechen dann - im Unterschied zu resistenten oder multiresistenten Bakterien - von extrem resistenten Bakterien (XDR; extreme drug resistent). "Wir können dann noch auf experimentelle oder teilweise sehr alte Antibiotika ausweichen, die aber mit vielen Nebenwirkungen verbunden sind", sagt Grundmann, der in Freiburg das Institut für Infektionsprävention und Krankenhaushygiene leitet.

"Diese Erreger bekommt man nicht in der Straßenbahn"

In seltenen Fällen können sich die Erreger auch über Landesgrenzen hinweg ausbreiten, wie eine Analyse der Erregerlinie ST258/512 zeigt. Die Erregervariante entstand in den Neunzigerjahren in den USA, von dort gelangte sie nach Griechenland und breitete sich von dort weiter aus - unter anderem in Deutschland und Großbritannien. Der eng verwandte Stamm ST512 kam demnach wohl von Israel nach Italien und verbreitete sich von dort nach Spanien, Belgien und Österreich.

"Diese Erreger bekommt man nicht in der Straßenbahn, durch Essen von Fleisch, Baden im Baggersee oder an der Ägäisküste", betont Grundmann. "Unsere Beobachtungen sprechen dafür, dass sich extrem resistente Bakterien vor allem innerhalb einzelner Krankenhäuser sowie bei der Verlegung von Patienten zwischen geografisch nahe liegenden Krankenhäusern verbreiten." Patienten, die vorher in anderen Krankenhäusern im In- und Ausland waren, sollten deshalb gezielt auf Resistenzen hin untersucht werden.

Dass Bakterien Resistenzen entwickeln, ist ein natürlicher Prozess und Teil der Evolution: Treffen die Erreger auf Antibiotika, sollten eigentlich alle absterben. Durch zufällige Mutationen im Erbgut kann es jedoch sein, dass ein paar wenige überleben und Schutzmechanismen gegen die Antibiotika aufgebaut haben. Der viel zu hohe Gebrauch der Medikamente bei Menschen und in der Tiermast beschleunigt diesen Prozess.

Im Kampf gegen Antibiotikaresistenzen haben Wissenschaftler bereits wirksame Strategien entwickelt. Dazu zählen:

  • Strenge Hygienevorschriften in den Krankenhäusern, um bereits resistente Erreger nicht von einem Patienten zum nächsten zu tragen.
  • Gezielter Einsatz von Antibiotika. Viel zu häufig verordnen Ärzte die Medikamente, obwohl die Patienten sie gar nicht brauchen. Viele Erkältungskrankheiten etwa werden von Viren ausgelöst, gegen die Antibiotika unwirksam sind.
  • Richtige Einnahme von Antibiotika. Hier sind die Patienten in der Verantwortung: Wer das verordnete Antibiotikum zu kurz oder falsch einnimmt, verbessert für Bakterien die Chance, sich an die Wirkstoffe so anzupassen, sodass diese die Erreger nicht mehr abtöten können.

Zusammengefasst: Bakterien der Art Klebsiella pneumoniae gehören zu den gefährlichsten Erregern der Welt, weil sie häufig selbst gegen Reserveantibiotika resistent sind. Laut einer aktuellen Untersuchung verbreiten sie sich vor allem in Krankenhäusern. Konsequente Krankenhaushygiene und der bedachte Einsatz von Antibiotika könnten weitere Ausbrüche verhindern.

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Im Video: Multiresistente Erreger - Kampf gegen Killerkeime

NZZ Format

koe/dpa

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wenger.weine 30.07.2019
1. Hygiene
in den KKH ist der Knackpunkt. Als Ärztin i. R. habe ich so manchen gesehen (und reklamiert), was gar nicht ging. Mit dem selbem feudel alles durchgeputzt; Kollegen & Pflegepersonal, die den Steriliumspender für eine nette Wanddeko gehalten haben, Patientien mit MMRS-Keimen, die trotz Zimmergebot munter durch das KKH in die Cafete spazierten, deren Angehörige alle Anweisungen misachteten, letzere unbelehrbar, einsperren durfte man die nicht, Kontaktverbot kaum durchsetzbar, etc. etc. Unbedingt notwendig bei Aufnahme von Infektionspat. aus Ländern mit bekannten Resistenzproblemen Behandlung als Quarantänepat., bis Resistenzstatus geklärt ist Die beiden o.a. anderen Punkte sehe ich nicht so bedeutend an , man züchtet sich eine Klebsielle, wie im Artikel aufgeführt, nicht daheim an.
Harry Callahan 30.07.2019
2. Umgang mit Antibiotika
Es ist schön zu sagen, dass Ärzte zu leitfertig mit Antibiotika umgehen. Wahrscheinlich ist das auch so. Das Problem ist nur die Juristerei. Bekommt ein Patient kein Antibiotikum und verstirb dann an einem Infekt, dann finden die Angehörigen garantiert einen Anwalt und einen Gutachter, die argumentieren, dass der Patient noch leben könnte, wenn er ein Antibiotikum bekommen hätte. Ein vernünftiger Umgang mit Antibiotika wird dadurch verhindert, dass wir nur noch Defensivmedizin betreiben. Ähm..... außerdem werden doch 2/3 der Antibiotika in D in der Tierhaltung eingesetzt. Vielleicht könnte man da ja mal kritisch hinterfragen, ob da jede Gabe notwendig ist.
gratiola 30.07.2019
3. Ja die Hygiene
Ich kann sagen, dass die Hygienestandards z. B. in Brasilien(Rio St. Vicente) um ein vielfaches besser und auch sinnvoller sind als in Deutschland (z. B. Bergmannsheil oder JK WAF). Auf der anderen Seite verzichtet Deutschland ums "Verrecken" nicht auf seine unsinnige Massentierhaltung und die schlägt definitiv durch bis in die KH Betten. Also wird sich auch nichts ändern und die Coli, Klwbsiellen und Citrobakter klatschen in die Hände.
Bernd.Brincken 30.07.2019
4. Resistent - aber nur gegen Medikamente
Die Super-Erreger mögen resistent gegen alle möglichen Medikamente sein - gegen die Immunabwehr sind sie es nicht. In dem Zusammenhang darf man fragen, wodurch das Immunsystem der Opfer so weit geschwächt wurde. Bekanntlich stärkt der Kontakt mit Erregern auch die Immunabwehr. Das Problem des Antibiotika-Overkill wirkt sich dann nicht nur über die Evolution der Keime aus, sondern damit verbunden auch durch die Unterdrückung der (Evolution der) menschlichen Immunabwehr.
hannibalanteportas 30.07.2019
5. Wie der Klimawandel
Es funktioniert nur, wenn der größere Teil der Menschheit mitmacht. Leider nehme ich bei vielen Menschen wahr, dass es für sie ein "Grundrecht" auf Antibiotika (ebenso wie Umweltverschmutzung u.ä.) gibt. Es gibt in meinem Bekanntenkreis die, die (sowie ich) Antibiotika als "last resort" sehen und die, die nicht schnell genug möglichst viel davon haben wollen. Ein Extrembeispiel ist eine Bekannte, die sehr oft eine Mittelohrentzündung hat und sich jedes Mal Antibiotika verschrieben lässt. Einmal hat sie sich sogar beschwert, als der HNO-Arzt ob der Häufigkeit der Entzündungen den Sinn der Antibiotika (inkl. Resistenzen) mit einer Kosten/Nutzen-Analyse in Frage gestellt hat, wollte sie aber dennoch "Sicherheitshalber" Antibiotika haben. Nasensprays, Fiebersenkende Medikamente, etc. reichten einfach nicht. Was hat's gebracht? Sie muss wohl demnächst einen Eingriff haben, in der das angestaute Sekret aus dem Ohr abgesaugt werden muss....klar könnte man sagen (wie sie es tut), dass es ohne Antibiotika schlimmer hätte kommen können, naja. Die Ärzte auf der anderen Seite...mein alter Hausarzt war auch immer recht schnell mit Antibiotika dabei, selbst bei kleineren Sachen. Hinzu kommen die Tiermast und die erwähnten hygienischen Bedingungen. Leider scheint die Menschheit in solchen langfristig bedeutsamen Themen wie Umwelt, Antibiotikagabe, etc. nur kurzfristig denken zu können. Ich hoffe nur, dass wir was draus lernen, wenn sich das rächt.
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