Ein rätselhafter Patient Drei Ärzte, vier Antibiotika, fünf Monate - und alle Fragen offen

Eine Frau reist nach Thailand und Marokko, danach bilden sich Wunden auf ihrer Haut. Monatelang suchen Ärzte nach der Ursache. Dann finden sie am Arm der Patientin keinen Puls mehr. Was hat sie?

Elefant als Krankheitsüberträger
Getty Images

Elefant als Krankheitsüberträger

Von


Die junge Frau aus den USA liebt es zu reisen. Schon während ihres Studiums hat sie viel Zeit im Ausland verbracht. Nun steht eine große Tour an: Zwei Monate lang lebt sie in Marokko, reitet auf Kamelen. Dann geht es für zwei weitere Monate nach Thailand. Die 27-Jährige versorgt Elefanten, schwimmt unter Wasserfällen. Schließlich macht sie noch einen Abstecher nach Südkorea.

Die ganze Reise über geht es ihr gut, auch nach ihrer Rückkehr fühlt sie sich gesund. Fünf Monate später jedoch beginnen die Probleme - und mit ihnen ein monatelanger Arztmarathon.

Zunächst erscheinen die Beschwerden harmlos: Am Kinn der 27-Jährigen bildet sich eine kleine rote Stelle, die geschwollen ist und schmerzt. In der nächsten Woche fühlt sie sich ein bisschen fiebrig. Dann tauchen weitere kleine Stellen an ihrem Kinn auf, die mit der ersten verschmelzen. Als die Frau eine zweite, ähnliche Wunde auf ihrem rechten Unterarm entdeckt, geht sie zum Hausarzt.

Erstes Antibiotikum, zweites Antibiotikum, drittes Antibiotikum

Der Mediziner dokumentiert eine ein Zentimeter große Wunde ohne Eiterung am Kinn und eine 1,5 Zentimeter große, eiternde Wunde am rechten Unterarm, berichten Mediziner des Massachusetts General Hospital im "New England Journal of Medicine". Fieber hat die Patientin nicht mehr, auch der Blutdruck ist normal. Der Mediziner verschreibt ihr ein Antibiotikum und schickt sie nach Hause.

Drei Tage später steht die junge Frau wieder in der Praxis. An ihrem linken Unterarm hat sich eine dritte Wunde gebildet. Der Arzt entnimmt eine kleine Menge Flüssigkeit aus einer der Stellen und lässt eine Kultur anlegen - Hinweise auf Bakterien findet er nicht. Auch eine Blutkultur bleibt ohne Ergebnis.

Hat sich die Patientin mit seltenen Erregern infiziert, die in Bakterienkulturen nicht ausreichend wachsen? Der Arzt versucht es noch mal mit Antibiotika, diesmal verschreibt er ihr zwei andere Mittel. Es folgen Besuche beim Gastroenterologen und Dermatologen, eine Ursache finden auch sie nicht.

Als die Wunden auch nach der mittlerweile dritten Antibiotikaeinnahme weiter wachsen, schabt der Hausarzt Gewebe vom Kinn seiner Patientin ab. Unterm Mikroskop zeigen sich kleine, knötchenartige Zellansammlungen. Doch die Untersuchung bringt den Mediziner nicht weiter, auch Färbetechniken geben keine Hinweise auf Bakterien. Der Hausarzt weiß sich nicht anders zu helfen: Er verschreibt seiner Patientin noch einmal ein Antibiotikum.

Gewebeprobe
The New England Journal of Medicine 2017

Gewebeprobe

Vier Monate Jordanien, jetzt auch noch die Genitalien

Ihre Lust am Reisen lässt sich die junge Frau nicht verderben, für vier Monate bricht sie nach Jordanien auf. In der Zeit bilden sich jedoch schmerzhafte Geschwüre in ihrem Genitalbereich, die erst wachsen und dann wieder schwinden. Der Hausarzt weiß nicht mehr weiter. Nach der Rückkehr seiner Patientin schickt er sie in eine Spezialklinik für Infektionskrankheiten im Massachusetts General Hospital.

Die Bilanz zu diesem Zeitpunkt: fünf Monate, sieben Arztbesuche, Bluttests, Ultraschall, MRT, Gewebeproben, vier Antibiotikaeinnahmen. Aber keine Idee, um was es sich bei den Beschwerden handeln könnte.

Im Krankenhaus beginnen die Mediziner mit einer Inventur ihrer Patientin. Sie dokumentieren Vorerkrankungen von ihr und ihrer Familie: In der Vergangenheit Probleme mit ADHS, der Vater Diabetes, die Mutter eine rheumatische Erkrankung. Ihnen fällt auf, dass der Blutdruck der Patientin mit 90 zu 52 ziemlich niedrig ist.

Im Gewebe der Frau befinden sich spezielle Abwehrzellen, die Krankheitserreger bekämpfen - sogenannte neutrophile Granulozyten. Die Mediziner wollen daher eine Infektion auf jeden Fall ausschließen. Sie starten eine Testreihe: HIV? Hepatitis B? Tuberkulose? Alles negativ. Was folgt, sind CT-Aufnahmen von der Brust, dem Bauchraum, dem Becken, ohne Ergebnis.

Der Puls ist weg, die Hand bleibt warm

Vier Wochen nachdem die 27-Jährige erstmals in der Klinik war, verschlimmern sich ihre Beschwerden plötzlich: Ihr linker Arm hat keine Kraft mehr, er fühlt sich taub an, kribbelt. Die Ärzte können den Blutdruck der Frau nicht mehr messen, auch der Puls ist am Handgelenk nicht mehr spürbar. Die Hände aber sind noch warm und haben ihre normale Farbe.

Fieberhaft arbeiten die Ärzte daran, eine Diagnose zu finden. Der Infektiologe Michael Monsour beginnt, verschiedene exotische Erreger abzuklären. Hat sich die Patientin beim Ritt auf den Kamelen Brucellose eingefangen? Sich nach längeren Regenfällen in Thailand infiziert? Oder beim Kontakt mit dem Elefanten? Auch an bakterielle Erreger aus den USA denkt der Mediziner, an Syphillis etwa. Außerdem sucht er nach Hinweisen auf eine Pilzinfektion, Parasiten oder Viren. Alles ohne Erfolg.

"Jede Infektion fällt flach"

"Jede der Infektionen, die ich in Betracht gezogen habe, fällt als Erklärung flach", schreibt er im Fallbericht. Der Infektiologe beginnt, die nicht infektiösen Ursachen zu ergründen - und kommt der Lösung des Falls endlich näher. Könnte es sich um eine Erkrankung handeln, die mit den Reisen der Patientin nichts zu tun hat? Etwa um eine Krankheit, bei der sich zum Beispiel das Immunsystem gegen die Arterien richtet? Eine schlechte Durchblutung würde die Probleme in den Armen erklären.

Zwei seltene Erkrankungen kommen demnach infrage: eine Riesenzellarteriitis und eine Takayasu Arteriitis. Bei beiden entzünden sich große Blutgefäße, daneben sind jedoch auch andere Organe betroffen. Sie schreiten langsam fort, ihre Beschwerden können leicht mit denen verschiedener infektiöser Krankheiten verwechselt werden. Die Riesenzellarteriitis tritt vor allem bei Erwachsenen über 50 auf, die Takayasu Arteriitis vor allem bei Frauen unter 40. Mansour ist sich sicher: Er hat die Ursache der Beschwerden gefunden.

Ein Mensch pro eine Million Einwohner

Verengtes Gefäß
The New England Journal of Medicine 2017

Verengtes Gefäß

Der Arzt ordnet eine Angiografie an, eine radiologische Untersuchung, bei der die Blutgefäße sichtbar werden. Und tatsächlich: Auf den Bildern zeigt sich, dass die linke Arteria Subclavia an ihrem Ursprung verengt ist. Die Arterie ist für die Blutversorgung des gesamten Arms zuständig, was den fehlenden Puls erklärt. In Deutschland erkrankt pro Jahr etwa ein Mensch pro eine Million Einwohner an Takayasu Arteriitis, schreibt die Deutsche Rheuma-Liga.

Das Einzige, was nicht in die Diagnose passt, sind die Geschwüre im Genitalbereich der Patientin. Die Mediziner gehen mittlerweile davon aus, dass diese eine andere Ursache haben. Die Frau hat Glück: Die Stellen bilden sich von allein zurück.

Weil die Patientin die übliche Behandlung bei Takayasu Arteriitis mit sogenannten Glukokortikoiden nicht gut verträgt, geben sie ihr Interleukin-6-Inhibitoren. Das sind Medikamente, die auch bei anderen rheumatischen Erkrankungen angewendet werden und Entzündungsreaktionen bremsen.

Sie wirken: Die Hautprobleme der Patientin entwickeln sich zurück. Ob es so bleibt, können die Mediziner jedoch noch nicht sagen. Sie werden weiter beobachten, wie es der Patientin geht, schreiben sie am Ende ihres Berichts. Die Arztbesuche, sie gehen weiter. Aber mit weniger offenen Fragen.

Mehr zum Thema
Newsletter
Ein rätselhafter Patient


© SPIEGEL ONLINE 2017
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.