Medikamente Frauen erhalten öfter Antibiotika als Männer

Daten aus einem Dutzend Industrienationen zeigen: Ärzte verschreiben Frauen öfter Antibiotika als Männern. Medizinische Unterschiede können das laut einer aktuellen Studie nicht erklären.
Apotheke (Archivbild): Antibiotika werden zu oft verordnet

Apotheke (Archivbild): Antibiotika werden zu oft verordnet

Foto: Adam Berry/ Getty Images

Mediziner mahnen, Antibiotika sparsam einzusetzen. Dafür gibt es gute Gründe.

Zum einen helfen die Mittel, die sehr effektiv gegen Bakterieninfektionen sind, nicht gegen Viren. Trotzdem werden sie in der Praxis oft verordnet, ohne dass abgeklärt wurde, was etwa die hartnäckige Erkältung verursacht. Zum anderen existiert immer das Risiko, dass Bakterien Resistenzen gegen Antibiotika entwickeln. Deshalb ist ein gezielter, sparsamer Einsatz wünschenswert. Und da die Medikamente auch Nebenwirkungen haben, sollten Patienten sie nur nehmen, wenn sie sie wirklich benötigen.

Vor diesem Hintergrund ist es sinnvoll herauszufinden, wann und wo zu viele Antibiotika verordnet werden. Im "Journal of Antimicrobial Chemotherapy"  berichten Forscher von einem deutlichen Unterschied, den sie ermittelt haben: Frauen bekommen die Mittel viel öfter als Männer.

Das Team um Evelina Tacconelli von der Uniklinik Tübingen hat Studien sowie unveröffentlichte Daten aus rund einem Dutzend Industrienationen ausgewertet, darunter auch Deutschland.

Die wichtigsten Ergebnisse:

  • Die Zahl der verordneten Antibiotika-Tagesdosen steigt mit dem Alter stetig an.
  • Frauen hatten insgesamt eine 27 Prozent höhere Wahrscheinlichkeit, ein Antibiotikum verschrieben zu bekommen als Männer.
  • Besonders ausgeprägt war der Unterschied bei den 16- bis 54-Jährigen. So erhielten beispielsweise bei den 35- bis 54-Jährigen knapp 20 von 1000 Frauen pro Tag eine Tagesdosis Antibiotikum - bei den Männern dagegen nur rund 13.
  • Insbesondere sogenannte Cephalosporine und Makrolide wurden Frauen häufiger verschrieben.

Wie lässt sich das erklären?

"Das wichtigste Ergebnis unserer Studie ist, dass kein medizinischer Grund für diesen Unterschied erkennbar ist", schreibt Tacconelli in einer E-Mail an SPIEGEL ONLINE. Denn Cephalosporine und Makrolide würden vor allem bei Atemwegsinfektionen verschrieben - und diese plagten Männer öfter als Frauen.

Eine naheliegende Erklärung wäre gewesen, dass Frauen öfter als Männer an Blasenentzündungen leiden: Doch dann werden andere Antibiotika verordnet, sodass dieser Unterschied nicht die Ursache sein kann.

Die Forscher vermuten deshalb einen anderen Grund für die Unterschiede: Frauen gehen häufiger zum Arzt. Wer öfter wegen der hartnäckigen Erkältung zum Mediziner geht, bekommt wohl auch öfter ein Antibiotikum verschrieben.

In einer 2012 veröffentlichten Befragung  sagten 91 Prozent der Frauen, aber nur 84 Prozent der Männer, sie seien in den vergangenen zwölf Monaten beim Arzt gewesen. Etwas ältere Daten aus dem "Versorgungsatlas"  zeigten, dass gesetzlich krankenversicherte Frauen im Schnitt 20-mal im Jahr beim Arzt waren, Männer dagegen 14-mal. Besonders groß waren die Unterschiede in den Altersgruppen ab 15 bis 55. Ein Teil des Unterschieds lässt sich durch Frauenarztbesuche (Krebsfrüherkennung, Schwangerschaftsvorsorge) erklären, aber eben nur ein Teil.

Nun müsse man herausfinden, ob bei Frauen aufgrund der höheren Verschreibungsrate auch öfter Antibiotika-Resistenzen auftreten, so Tacconelli. Und es bleibt die Frage, wie sich der unnötige Einsatz von Antibiotika reduzieren lässt, ohne dass auf die Medikamente verzichtet wird, wenn sie wirklich sinnvoll sind.

Tacconelli schreibt, dass sich viele Initiativen zu diesem Themenfeld, die in ganz Europa laufen, nicht nur an die Bevölkerung wenden, sondern besonders an die Hausärzte sowie die Ärzte in Krankenhäusern.