Resistente Bakterien WHO warnt vor Ära tödlicher Infektionen

Alarmierender Bericht der Weltgesundheitsorganisation: Weltweit hat sich die Antibiotika-Resistenz so verbreitet, dass gewöhnliche Infektionen wieder tödlich enden könnten.
Forscher im Labor: Antibiotika-Resistenzen sind weltweit verbreitet

Forscher im Labor: Antibiotika-Resistenzen sind weltweit verbreitet

Foto: © Suzanne Plunkett / Reuters/ REUTERS

Genf/Hamburg - Antibiotika sind extrem wichtige Medikamente. Bei bakteriellen Infektionen können sie den Unterschied ausmachen, ob diese nach ein paar Tagen abklingen - oder im schlimmsten Fall lebensbedrohlich werden. Deshalb warnen Mediziner eindringlich vor den Folgen sich verbreitender Resistenzen gegen die Mittel.

Die Weltgesundheitsorganisation WHO fasst nun erstmals in einem Bericht zusammen , was über die Häufigkeit von Antibiotika-Resistenzen weltweit bekannt ist. Zwar widmet sich der Report auch Medikamentenresistenzen im weiteren Sinne, etwa bei HIV- und Malaria-Therapie, doch der Schwerpunkt liegt bei den Antibiotika.

Die Organisation hat sich dabei auf sieben häufig vorkommende Bakterien und deren Resistenzen konzentriert. In vielen Regionen allerdings sind die gesammelten Daten lückenhaft.

Anlässlich der Vorstellung des Berichts in Genf erinnert Keiji Fukuda, Generaldirektor für Gesundheitssicherheit bei der WHO, daran, wie wichtig diese Medikamentengruppe ist: "Wirksame Antibiotika sind einer der Grundpfeiler, die es ermöglichen, dass wir länger und gesünder leben, und von denen die moderne Medizin profitiert." Der Mediziner warnt eindringlich vor der Gefahr durch resistente Bakterien: "Wenn jetzt nicht schnell und koordiniert gehandelt wird, bewegt sich die Welt in eine postantibiotische Ära, in der gewöhnliche Infektionen und kleine Verletzungen, die für Jahrzehnte behandelbar waren, wieder tödlich sein können."

Multiresistente Keime finden sich überall

Überall auf der Welt finden sich zum Beispiel Darmbakterien der Art Klebsiella pneumoniae, die nicht auf sogenannte Cephalosporine der dritten Generation oder Carbapeneme ansprechen. Die Bakterien können unter anderem Atem- und Harnwege infizieren, gefährlich sind sie insbesondere für immungeschwächte Patienten und für Frühchen. K. pneumoniae ist häufig für Krankenhausinfektionen verantwortlich, auch nosokomiale Infekte genannt. Carbapeneme sind Reserve-Antibiotika, sie werden also nur eingesetzt, wenn Standard-Antibiotika, zu denen die Cephalosporine zählen, nicht helfen. Zum Teil haben sie stärkere Nebenwirkungen als die gewöhnlichen Antibiotika.

In den meisten Regionen finden sich bei mehr als 30 Prozent der untersuchten K.-pneumoniae-Proben Resistenzen gegen diese Medikamente. "Für viele Patienten, die mit diesen Bakterien infiziert sind, gibt es keine klinisch wirksamen Behandlungsmöglichkeiten", schreibt die WHO.

In den achtziger Jahren, als die Wirkstoffgruppe der Fluorchinolone auf den Markt kam, fanden sich praktisch keine E.-coli-Stämme, die nicht auf eine Behandlung ansprachen. Heute sind Fluorchinolone laut WHO-Report in vielen Ländern bei mehr als der Hälfte der Patienten wirkungslos, weil die Bakterien resistent sind.

Langes Warten auf neue Wirkstoffe

Das spiegelt das grundlegende Problem der Antibiotika wider: Bakterien entwickeln Abwehrmechanismen. Manchmal dauert es länger, aber irgendwann sind die Resistenzen da. Dass die Medikamente zum Teil auch in der Tiermast eingesetzt werden, verschärft das Problem. Die WHO schlägt Gegenmaßnahmen vor:

  • Antibiotika sollten von Ärzten nur dann verschrieben werden, wenn es wirklich notwendig ist. Patienten sollten die Einnahme nicht frühzeitig abbrechen. Beides trägt dazu bei, dass Bakterien weniger Gelegenheiten haben, Gegenwehr zu entwickeln.
  • Wir brauchen neue Antibiotika. Doch in den vergangenen 30 Jahren sei keine neue Wirkstoffklasse entwickelt worden, beklagt der Report.
  • Infektionen verhindern, statt sie zu behandeln: Neben verbesserter Hygiene, auch in Kliniken, kann dies gelingen, wenn Menschen weltweit Zugang zu sauberem Wasser und sanitären Einrichtungen haben. Impfungen tragen weiter zum Infektionsschutz bei.

Die WHO sieht den Bericht als einen Startschuss für ein weltweites Programm, Antibiotika-Resistenzen besser entgegenzuwirken.

Ob bei unterernährten Kindern in Niger oder bei schwerverletzten Patienten in Jordanien - überall sehe man entsetzlich hohe Raten von Antibiotika-Resistenzen, kommentiert die Organisation Ärzte ohne Grenzen den WHO-Bericht. "Die Länder müssen Antibiotika-Resistenzen genauer erfassen", so die Forderung. Der WHO-Report sollte die Regierungen wachrütteln, damit sie der Industrie Anreize bieten, neue günstige Antibiotika zu entwickeln.