Neue Metastudie Antidepressiva bei Jugendlichen weitgehend wirkungslos

Die meisten Mittel helfen depressiven Jugendlichen nicht - zu diesem Ergebnis kommen Forscher bei der Auswertung von Studiendaten. Ihre Ergebnisse untermauern bereits veröffentlichte Analysen.

"Kein klarer Vorteil" für die Behandlung
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"Kein klarer Vorteil" für die Behandlung


Es hatte bereits früher Erkenntnisse zur Behandlung von depressiven Kindern und Jugendlichen gegeben - nun wurden sie durch eine neue Studie bestätigt: Gängige Medikamente zur Behandlung der psychischen Erkrankung sind bei schwer depressiven Kindern und Jugendlichen weitgehend wirkungslos oder können sogar gefährlich sein. Denn in Einzelfällen könnten sie suizidale Tendenzen der minderjährigen Patienten steigern, heißt es in der Studie eines internationalen Forscherteams, die das Fachblatt "The Lancet" veröffentlichte.

Für die Studie hatten die Wissenschaftler die Befunde aus 34 klinischen Tests an mehr als 5000 Patienten im Alter zwischen neun und 18 Jahren bewertet - 22 dieser Untersuchungen wurden sogar von Pharmaunternehmen finanziert.

Von den 14 Mitteln habe alleine das Antidepressivum Fluoxetin bei der Behandlung der Minderjährigen eine positive Wirkung gezeigt, heißt es in der Untersuchung. Der ebenfalls zur Depressionsbehandlung eingesetzte Wirkstoff Venlafaxin habe sogar stärker ausgeprägte Suizidgedanken bewirkt. Weitere Mittel seien weitgehend wirkungslos geblieben.

Mangel an gesicherten Erkenntnissen

Bei einer Abwägung von Risiken und potenziellem Nutzen zeichne sich "kein klarer Vorteil" für die Behandlung schwer depressiver Minderjähriger mit den gängigen Antidepressiva ab, resümieren die Autoren. Sie empfehlen eine genaue Beobachtung der minderjährigen Patienten, die mit solchen Mitteln behandelt werden. Die Studienautoren beklagten auch, dass es einen Mangel an gesicherten Erkenntnissen über die Auswirkung von Antidepressiva speziell bei Minderjährigen gebe.

Schwere Depressionen treten bei etwa drei Prozent der Kinder von sechs bis zwölf Jahren und bei sechs Prozent der Jugendlichen von 13 bis 18 Jahren auf. In den USA stieg der Anteil der Minderjährigen, die mit Antidepressiva behandelt werden, zwischen 2005 und 2012 von 1,3 Prozent auf 1,6 Prozent.

Schon früher waren Zweifel an der Wirksamkeit von Psychopharmaka bei Kindern und Jugendlichen aufgekommen. So hatten Forscher im vergangenen Jahr in einer Untersuchung festgestellt, dass zwei Antidepressiva für Jugendliche weder wirksam noch sicher seien.

Überraschend rät Studienautor Andrea Cipriani von der University of Oxford trotz all der Einschränkungen Medizinern dazu, zumindest die wirksamen Mittel zu verschreiben. Denn die Ergebnisse seiner Untersuchung hätten letztlich gezeigt, dass die analysierten Studien erhebliche Mängel aufwiesen.

Das würde aber bedeuten, dass man nicht genau sagen könne, ob die Mittel wirksam seien oder nicht und welche Nebenwirkungen tatsächlich auftreten würden - hierzu bedarf es weiterer Studien. Es gäbe aber auch ein Risiko, dass Patienten keine Medikamente verschrieben bekommen, die wirklich welche benötigen würden.

joe/AFP/AP

insgesamt 14 Beiträge
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viconia 09.06.2016
1.
na dann bis zur nächsten Studie, die aufzeigt, dass die meisten Antidepressiva auch den Erwachsenen nicht wirklich helfen. Ob SNRI, SSRI oder SSNRI - alles für die Tonne. das einzige Antidepressivum, was mir zumindest ein wenig geholfen hat, war ein trizyklisches. wirklich rausgerissen hat's erst die EKT - aber dafür musste nat erstmal so ziemlich jedes auf dem markt erhältliche Antidepressivum ausprobiert werden. verstehe bis heute nicht, warum EKT erst als letztes Mittel angewandt wird. Ich habe -ganz ernsthaft- in meinen Jahren(netto)! in der Psychiatrie nicht einen Patienten getroffen, der wirklich den Eindruck hatte, von SSRI etc zu profitieren.
iimzip 09.06.2016
2. Was für eine sinnvolle Diskussion
soll denn hier stattfinden? Wenn selbst der Studienautor auf "erhebliche Mängel in den analysierten Studien" hinweist. Und von uns wohl keiner diese Studien kennt. - Sinnvoll hätte hingegen eine Kommentierung zu http://www.spiegel.de/reise/aktuell/anschlaege-fast-ein-drittel-weniger-urlauber-reisen-in-die-tuerkei-a-1096341.html sein können, die aber nicht angeboten wird. Denn es springen nicht nur Urlauber ab, sondern uns ist vom RSD eine bereits angezahlte 2wöchige Türkei-Reise für November wegen angeblich zu geringer Buchungszahlen storniert worden. Sollte vielleicht auch mal erwähnt werden...
moritz1989 09.06.2016
3.
Man sollte aufhören Anti-depressiva zu verteufeln. Es gibt viele Beispiele bei denen Patienten empfänglicher für Therapie geworden sind oder Symptome der psychischen Erkrankung gelindert worden sind. Das wird dann die nächste Studie wieder feststellen. Wichtig ist es den Leuten die Angst zu nehmen, damit man offen für jede Art von Hilfe ist.
steffen.ganzmann 09.06.2016
4. EKT=Elektrokrampftherapie
Wäre ja nett gewesen, die Abbreviation EKT auszuschreiben, sodass auch Ärzte, die sich ihren Psychiatrieschein im Studium nur erbettelt haben, wissen, um was es denn eigentlich geht ... P.s.: Eine ultima ratio sollte in der Medizin auch eine ultima ratio bleiben. Ich zitiere einmal: ---Zitat--- Ein Einsatz ist erst nach sorgfältiger Überprüfung mehrerer Kriterien angezeigt. Entscheidend für eine entsprechende Beurteilung sind die Diagnose, die Schwere der Symptome, die Behandlungsvorgeschichte sowie die Abwägung zwischen Nutzen und Risiken unter Berücksichtigung anderer Behandlungsoptionen. ---Zitatende--- https://www.aerzteblatt.de/pdf/PP/2/3/s141.pdf
oidahund 09.06.2016
5.
Wer einmal die Packungsbeilage von Antidepresiva gelesen hat weiß, dass diese auch gegenteilig wirken können und suizidale Tendenzen verstärken können. Deswegen muss man sich auch bei der Einnahme dieser Medikamente gut beobachten und das Umfeld sollte es auch tun. Nicht jeder verträgt ein Medikament gleich gut. Wenn der Autor der Studie schon auf Mängel in den zu gunde liegenden Arbeiten hinweist, dann sollte man auch Inder Berichterstattung vorsichtig sein.
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