Arzneimittel Wichtiges Krebsmedikament geht aus

In deutschen Kliniken geht das am häufigsten verwendete Krebsmittel aus. Die Arznei kann nach SPIEGEL-Informationen nur noch von einem deutschen Hersteller geliefert werden. Für die Produzenten lohnt sich die Produktion der lebensnotwendigen Medikamente häufig nicht mehr.
Brustkrebspatientin bei der Therapie: Häufig benötigte Wirkstoffe werden knapp

Brustkrebspatientin bei der Therapie: Häufig benötigte Wirkstoffe werden knapp

Foto: Justin Sullivan/ Getty Images

Krebsmediziner befürchten in Deutschland einen dramatischen Engpass in der Versorgung mit dem Zytostatikum 5-Fluorouracil (5-FU). Das weltweit am häufigsten verwendeten Krebsmittel wird vor allem gegen Darm- und Brustkrebs eingesetzt.

Von den sechs im Arzneimittelverzeichnis "Rote Liste" aufgeführten Anbietern des Mittels ist derzeit nur noch der norddeutsche Pharmahersteller Medac lieferfähig - in kleinen Mengen.

"Die Situation macht uns Apothekern langsam Angst", sagte Torsten Hoppe-Tichy, Leiter der Apotheke des Universitätsklinikums Heidelberg und Präsident des Bundesverbandes Deutscher Krankenhausapotheker, dem SPIEGEL. "Es ist nur eine Frage der Zeit, bis wir gravierende Probleme bekommen", konstatierte Wolf-Dieter Ludwig, Onkologe und Vorsitzender der Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft.

Deutscher Hersteller produziert unprofitabel weiter

Vergangenen Herbst hat der israelische Generika-Konzern Teva, mit einem Umsatz von mehr als 16 Milliarden Dollar die Nummer eins im weltweiten Generika-Geschäft, die Produktion von 5-FU in seinem Werk im holländischen Haarlem aus wirtschaftlichen Gründen eingestellt. Zuvor hatte er jährlich 200.000 Ampullen 5-FU nach Deutschland geliefert, das ist ein knappes Drittel des Jahresbedarfs. "Doch die Abnehmer in Deutschland zahlten 2011 im Schnitt nur noch 3,90 Euro für eine Flasche", sagte Teva-Deutschland-Chef Sven Dethlefs. "Damit kann man ein steril gefertigtes Produkt dieser Art nicht wirtschaftlich vermarkten."

Mit den freigewordenen Kapazitäten des Werks in Haarlem werden jetzt andere, rentablere Krebsmedikamente produziert. Viel besser sieht es auch für den FU-Hersteller Medac nicht aus. "Die Produktion von 5-FU ist auch für uns nicht mehr profitabel", sagte Geschäftsführer Nikolaus Graf Stolberg. "Aber wir verfolgen eine andere Strategie am Markt: Wir wollen unseren Kunden ein möglichst breites Portfolio anbieten, dabei nehmen wir auch in Kauf, dass einzelne Präparate nicht mehr profitabel sind."

Neben dem Krebsmedikament 5-FU gibt es auch bei anderen Wirkstoffen Lieferengpässe, berichtet der SPIEGEL. Betroffen sind vor allem Generika, also Medikamente, bei denen der Patentschutz abgelaufen ist und mit denen die Hersteller deshalb nicht mehr so viel Geld verdienen können. Es geht um in der täglichen Praxis millionenfach eingesetzte Wirkstoffe wie das Antibiotikum Amoxicillin oder den Aspirin-Wirkstoff Acetylsalicylsäure als Infusion.


Mehr zur Arzneimittelknappheit in deutschen Kliniken lesen Sie im aktuellen SPIEGEL, aus dem diese Meldung stammt. Hier können Sie das neue Heft direkt kaufen, digital lesen oder ein Abo abschließen.

Hier lesen Sie alle Vorabmeldungen des aktuellen SPIEGEL.

dba