Arzneimittelpreise Gesundheitspolitiker stellen Zwangsrabatte in Frage

Was darf ein Medikament kosten? Pharmafirmen müssen den Kassen einen gesetzlich vorgeschriebenen Nachlass gewähren und den Nutzen ihrer Wirkstoffe belegen. Zum Jahresende laufen die Zwangsrabatte jedoch aus. Ob sie verlängert werden, ist fraglich.

Medikamente: Wird der Zwangsrabatt für Arzneimittel verlängert?
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Medikamente: Wird der Zwangsrabatt für Arzneimittel verlängert?


Berlin - Fluch für die Pharmaindustrie, Segen für die Krankenkassen: Der seit Jahren gültige Zwangsrabatt auf Arzneimittel läuft Ende des Jahres aus. Wie geht es danach weiter? Wegen eines befürchteten Kostenschubs bei den Arzneimitteln debattiert die Politik, ob die Hersteller weiter zu großen Preisnachlässen gezwungen werden können.

Auch aufwendige Verfahren, die den Nutzen von millionenfach angewendeten Medikamenten neu hinterfragen, könnten eingestellt werden. "Wir werden uns alles anschauen, was Sinn macht", sagte der CSU-Gesundheitsexperte Johannes Singhammer am Rande der Koalitionsverhandlungen zu Gesundheit am Donnerstag in Berlin.

Die solide Finanzierung der Krankenversicherung sei wichtig, auch Einsparmöglichkeiten würden bewertet, so Singhammer. Doch zu bedenken sei auch, dass der Standort Deutschland seine Rolle als Apotheke der Welt bereits heute verloren habe.

Pharmafirmen müssen den Krankenkassen seit 2003 einen gesetzlich vorgeschriebenen Nachlass auf Medikamente gewähren. 2010 hatte Schwarz-Gelb den Zwangsrabatt wegen der damals schlechten Finanzlage der Krankenversicherung von 6 auf 16 Prozent erhöht - zum Leidwesen der Pharmabranche.

Verlängerung des Rabatts ist fraglich

Ein Sprecher des Gesundheitsministeriums sagte: "Der Rabatt läuft Ende des Jahres aus." Das weitere Vorgehen werde zu entscheiden sein. In Branchenkreisen hieß es, die scheidende FDP-Führung des Ministeriums werde den Rabatt nicht mehr verlängern. Ob eine schwarz-rote Koalition rechtzeitig handlungsfähig ist, gilt als fraglich. Schätzungen der Kassen zufolge drohen Mehrkosten von 1,5 Milliarden Euro.

Hoffnungen, die Arzneimittelüberprüfungen gemäß der schwarz-gelben Medikamentenreform Amnog könnten den Rabatt rasch ersetzen, erfüllten sich nicht. Seit Einführung des Amnog (siehe Grafik) müssen Hersteller den Preis eines neuen patentgeschützten Medikaments abhängig von seinem Nutzen für den Patienten mit den Kassen verhandeln. Allerdings blieben die erwarteten Milliardeneinsparungen bisher aus. Zwar wurden bereits viele neue Medikamente auf ihren Zusatznutzen geprüft - und in der Folge niedrigere Erstattungspreise zwischen Hersteller und Kassen ausgehandelt.

Preisverhandlungen: So funktioniert das Amnog (für Großansicht klicken)
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Doch laut GKV-Spitzenverband betragen die Einsparungen durch das im Gesetz festgeschriebene Prüfverfahren für neue Medikamente bisher lediglich 120 Millionen Euro. Zudem hat sich auf dem sogenannten Bestandsmarkt, jenem Milliardenmarkt der älteren Mittel, die noch Patentschutz haben, bisher wenig getan. Noch in diesem Jahr will der zuständige Gemeinsame Bundesausschuss (G-BA) von Kassen, Ärzten und Kliniken die nächste Stufe zünden und weitere bereits breit angewendete Mittel auf den Prüfstand stellen, wie es aus dem Gremium hieß.

Das Problem: Dazu müssen eine Vielzahl Studien ausgewertet werden. Zudem drohen Klagen der betroffenen Pharmakonzerne, wenn ein Mittel schlecht abschneidet. Erbittert wird darüber gestritten, ob der Bestandsmarkt als Teil des Amnog sinnvoll ist, oder ob man diesen Teil des Gesetzes wieder kippen sollte.

Wegen der Schwierigkeiten meinen die Kassen, statt diesem komplizierten Verfahren könne einfach der Zwangsrabatt fortgesetzt werden. Dies sei als pragmatischer und unbürokratischer Weg denkbar, sagte ihr Verbandssprecher Florian Lanz.

Dagegen wandte sich die Industrie. Wenn die Bewertung des Marktes etablierter Mittel Probleme mache, sei dazu kein Tausch gegen andere Maßnahmen möglich, sagte die Hauptgeschäftsführerin des Pharmaverbands vfa, Birgit Fischer. Dem "Handelsblatt" sagte sie: "Es gibt keinen Deal und Pharma lässt sich auf keinen Kuhhandel ein."

cib/dpa

insgesamt 7 Beiträge
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dorfneurotiker 31.10.2013
1. Zwangsrabatt der Apotheker
Was ist damit? Wird wieder nur die Pharmaindustrie entlastet? Wir haben die höchsten Arzneimittel Preise in Europa und das liegt am Abgabepreis der Pharmaindustrie. Bei einem 100 ? Medikament kassiert übrigens allein der Staat mehr Umsatzsteuer als der Apotheker damit einnimmt.
maxxi12 31.10.2013
2. Jammern auf hohem Niveau
Sowohl die Pharmaindustrie mitnihren Milliarden-Umsätzen und beträchtlichen Gewinnen als auch die Apotheker mit ihren Apotheken-Mondpreisen und gleichfalls beträchtlichem Einkommen jammern auf hohem Niveau - und das seit Jahren.
hkm 31.10.2013
3. optional
Ein feiner Erfolg der Lobby. Mehreinnahmen der Pharmaindustrie erhöhen doch nur die Gewinne, werden aber nicht der Forschung zugeführt. Das ist modernes Wirtschaften. Die Rendite muß steigerungsfähig sein und die Bedürftigen zahlen.
dorfneurotiker 31.10.2013
4.
Apotheker mit beträchtlichem Einkommen sind vielleicht noch 1%. Dafür sind etwa 30% von der Pleite bedroht. Fragen Sie mal bei der Apo-Bank nach. Die haben schon viele Abschreibungen in den Büchern.
chb_74 31.10.2013
5. Beträchtliches Einkommen?
Zitat von maxxi12Sowohl die Pharmaindustrie mitnihren Milliarden-Umsätzen und beträchtlichen Gewinnen als auch die Apotheker mit ihren Apotheken-Mondpreisen und gleichfalls beträchtlichem Einkommen jammern auf hohem Niveau - und das seit Jahren.
Das "beträchtliche Einkommen" einer Apotheke liegt im Mittel etwa auf dem Niveau von Aldi oder Lidl - dafür ist das Geschäftsrisiko ein bisschen höher (persönliche Haftung und so weiter...). Wie schon erwähnt: der Finanzminister kassiert anteilig mehr Umsatzsteuer am Endpreis, als in der Apotheke an Rohertrag hängenbleibt - kein Wunder bei 19% USt., die hinsichtlich Arzneimitteln zu den höchsten in der EU zählt. Vielfach werden nur 5-7% oder gar 0% erhoben (deswegen dürfen zwischen EU-Staaten seriöserweise auch nur Nettopreise verglichen werden). Ich habe nicht den Eindruck, dass Sie wirklich die Kalkulationen kennen, sonst würden Sie nicht die üblichen Klischees einfach nur nachplappern...
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