Kindergesundheit Das komplexe Zusammenspiel von Antibiotika und Asthma

Kinder, die schon im Babyalter Antibiotika bekommen haben, erkranken überdurchschnittlich oft an Asthma. Heißt das auch, dass die Medikamente dafür verantwortlich sind? Eine aktuelle Studie versucht sich an einer Antwort.

Medikamentenkapsel: Ist das Risiko für Asthma bei Babys erhöht, die Antibiotika bekommen?
Corbis

Medikamentenkapsel: Ist das Risiko für Asthma bei Babys erhöht, die Antibiotika bekommen?

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Wer darauf hofft, dass die Frage, ob Antibiotika das Asthma-Risiko erhöhen, einfach mit "Ja" oder "Nein" zu beantworten ist, wird leider enttäuscht. Obwohl sich ein Team von britischen Forschern im Fachblatt "The Lancet Respiratory Medicine" genau mit dieser Fragestellung beschäftigt, bleibt es erst einmal bei einem "wahrscheinlich nicht, möglicherweise aber doch". Insofern zeigt diese Untersuchung, was für ein mühsamer Prozess es bisweilen ist, neue medizinische Erkenntnisse zu gewinnen, zu untermauern oder auch wieder zu verwerfen.

Dass im ersten Lebensjahr eingenommene Antibiotika das Asthma-Risiko erhöhen, ist ein seit vielen Jahren gehegter Verdacht. Mehrere Studien hatten Daten geliefert, die diesen Zusammenhang nahelegen. Auch die jetzt von Adnan Custovic von der Manchester University und Kollegen veröffentlichte Arbeit weist den reinen Daten nach in diese Richtung.

Das Forscherteam wollte ergründen, ob bestimmte Gen-Varianten das Risiko für beides erhöhen: Infektionen, die eine Antibiotika-Therapie im Babyalter nach sich ziehen, und Asthma. Auf diese Weise wollten sie klären, ob nicht vielleicht ein dritter, bisher unentdeckter Faktor beiden scheinbar ursächlich verknüpften Beobachtungen zugrunde liegt.

Dazu analysierten die Wissenschaftler Daten von mehr als 900 in Manchester geborenen Kindern. Bei der Erbgut-Analyse konzentrierten sie sich auf den sogenannten 17q21-Locus, da bestimmte Variationen in diesem Bereich mit einem erhöhten Asthma-Risiko verknüpft sind.

Wer hat es bezahlt?
    Finanziert wurde die Arbeit vom britischen Medical Research Council und der Moulton Charitable Foundation. Mehrere Studienautoren geben an, Gelder verschiedener Pharmafirmen erhalten zu haben, allerdings nicht für diese Untersuchung.
Das Asthma-Risiko erhöht, aber nicht das für Heuschnupfen

Anhand von Krankenakten vollzogen die Wissenschaftler nach, wann und weswegen die Kinder erstmals Antibiotika erhalten hatten, wie oft sie wegen Atemwegsinfekten behandelt wurden und ob sie Asthma entwickelten. Zudem nahmen die Kinder regelmäßig an Allergietests teil. Rund ein Viertel der Kinder ließ sich im Alter von elf Jahren Blut abnehmen, sodass die Forscher anhand der Blutzellen untersuchen konnten, wie gut die Immunantwort der Probanden gegenüber verschiedenen Viren und Bakterien war.

Insgesamt 71 Prozent der Kinder erhielten bereits im ersten Lebensjahr erstmals Antibiotika, 15 Prozent sogar schon in den ersten drei Monaten; in mehr als der Hälfte der Fälle wurden diese gegen Infektionen der oberen Atemwege verschrieben. Die Kinder, die bereits im ersten Lebensjahr ein Antibiotikum schluckten, waren im Schnitt früher abgestillt worden, hatten häufiger ältere Geschwister und wurden in einer Krippe betreut, hatten Verwandte mit Asthma, und es waren häufiger Jungen. Zwei bestimmte Genvarianten im 17q21-Locus fanden sich bei ihnen tatsächlich überdurchschnittlich oft.

Ihr Risiko, in den kommenden Jahren Asthma oder schwere Atemprobleme zu entwickeln, war deutlich erhöht - aber nicht das Risiko für allergische Erkrankungen wie Heuschnupfen und Neurodermitis.

Der eingängigste Mechanismus, wie Antibiotika das Asthma-Risiko erhöhen könnten, ist deren Wirkung auf die vielen auch nützlichen Bakterien im Körper, das sogenannte Mikrobiom, was wiederum die Entwicklung des Immunsystems beeinträchtigen könnte. Doch dann müsste die frühzeitige Antibiotika-Einnahme auch das Risiko für Allergien steigern, was sie aber nach Angaben der Forscher nicht tut.

Schlechte Immunantwort gegenüber Viren

Die Zelltests zeigten: Kinder, die früh Antibiotika bekommen hatten, hatten mit elf Jahren eine schlechtere Immunantwort gegenüber Viren, aber nicht gegenüber Bakterien.

Die Wissenschaftler vermuten, dass diese zuerst da war - und zur frühen Gabe von Antibiotika führte, weil die Medikamente leider in der Praxis sehr oft bei viralen Infekten verschrieben werden, obwohl sie dort gar nicht helfen. Aufgrund ihres Studienaufbaus können die Forscher jedoch nicht ausschließen, dass die frühe Antibiotikagabe zu der später verschlechterten Immunantwort geführt hat. Das müssten weitere Studien untersuchen, schreiben sie selbst.

In einem Kommentar im Fachblatt fragen sich Julian Crane und Kristin Wickens von der Otago University im neuseeländischen Wellington: "Kann sich jetzt aber ein Antibiotika verschreibender Arzt sicher sein, dass Antibiotika nicht mit der Entstehung von Asthma verknüpft sind?" Die vorliegende Studie helfe da nicht wirklich weiter, urteilen sie.

Was könnte helfen? Eine randomisierte Studie, in der Kinder zufällig in eine Gruppe gelost werden, in der entweder die übliche, freigiebige Verschreibungspraxis herrsche oder der Einsatz von Antibiotika strenger reglementiert sei, meinen die Kommentatoren. Wenn man bedenke, dass Antibiotika zu häufig verordnet werden, resistente Bakterien vermehrt Probleme bereiten und viele Eltern sich sorgen, dass ihre Kinder zu viel Medikamente einnehmen, sollte man so eine Studie zumindest in Betracht ziehen. Zumindest könnte an deren Ende eine etwas entschlossenere Antwort stehen als ein "wahrscheinlich nicht, möglicherweise aber doch" - vielleicht.



insgesamt 15 Beiträge
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SchnurzelPuPu 16.05.2014
1. Manchester ? Armut
Die Studie sagt doch nur, dass Kinder von armen Rauchern eher Asthma bekommen als Kinder von Nichtrauchern, die sich bewusster ernähren können. Wer hilflos ist, lässt den Arzt häufiger Antibiotika verschreiben. Nix gut gegen Antibiotika, gegen Pest z.B. Ist das Super, aber im ersten Lebensjahr? PS: Hab zwanzig Jahre geraucht...
mkuben 16.05.2014
2. Manchester??
@SchnurzelPuPu: wo lässt sich diese Aussage in dem Text ableiten?? - Bewusste Ernährung ist zum Glück keine Sache des Geldbeutels (frische Kost vom Marktstand ist billiger, als der Fertig-Mist im Discounter!), sondern vielmehr eine Frage des Intellekts. Aber ein Erklärungsmodell: die Antibiotika greifen in die Darmflora ein und der Darm ist nun einmal unser größtes immunogenes Organ! Fazit: nicht immer gleich Antibiotika geben/nehmen/verlangen! - Meine Kids sind mit inzwischen 11 und 9 Jahren mit je einmal Antibiotikatherapie ausgekommen!
MrWitzig 16.05.2014
3. einfach...
...mal bei diversen "Zippeleins" auf die Selbstheilungskräfte vertrauen und nicht sofort die schulmedizinischen "Bomben" verabreichen, dann gibts auch ein gutes Immunsystem! Lasst die Kinder auch immer etwas "Dreck fressen" das ist die beste Desensibilisierungs-Therapie! Ich könnt k.... wenn ein Arzt einem Kleinkind bei einer Halsentzündung direkt ein Antibiotikum verschreibt!
Jens_78 16.05.2014
4. Ich bin erschrocken ...
.. über "Insgesamt 71 Prozent der Kinder erhielten bereits im ersten Lebensjahr erstmals Antibiotika, 15 Prozent sogar schon in den ersten drei Monaten" ... Unverantwortlich in meinen Augen, die mikrobielle Entwicklung des Verdauungstraketes schon in der "Findungsphase" derart früh mit einem "Vorschlaghammer" klein zu klopfen. Ich bezweifele arg, dass bei all diesen Verordnungen von Antibiotika an Kleinkinder und Säuglinge (!) die Verschreibung medizinisch wirklich notwendig war. Sollten diese doch notwenidig gewesen sein, frage ich mich ernsthaft, wie es unsere Speziez erfolgreich durch Zeiten mit deutlich geringerem hygienischen Standards schaffen konnte ...
SchnurzelPuPu 16.05.2014
5. Also wieder mal die Eltern alles falsch gemacht?
Zitat von mkuben@SchnurzelPuPu: wo lässt sich diese Aussage in dem Text ableiten?? - Bewusste Ernährung ist zum Glück keine Sache des Geldbeutels (frische Kost vom Marktstand ist billiger, als der Fertig-Mist im Discounter!), sondern vielmehr eine Frage des Intellekts. Aber ein Erklärungsmodell: die Antibiotika greifen in die Darmflora ein und der Darm ist nun einmal unser größtes immunogenes Organ! Fazit: nicht immer gleich Antibiotika geben/nehmen/verlangen! - Meine Kids sind mit inzwischen 11 und 9 Jahren mit je einmal Antibiotikatherapie ausgekommen!
Haben sie sich mal die sozialen Verhältnisse in Großbritannien angeschaut? Können Sie schon bei Marx und Engels nachlesen, nur dass die Armen da heute einen Fernseher haben. Soso, gesunde Ernährung ist keine Frage des Geldbeutels? Wenn Sie denn einen Marktstand finden. Neulich wurde über amerikanische Innenstädte berichtet, die keinen Supermarkt mehr haben aber dafür MacDoof an jeder Ecke. Das Eltern die rauchen, die Gesundheit ihrer Kinder beeinflussen ist auch bekannt und wo war noch mal geringste Lebenserwartung Europas zu finden - Birmingham glaube ich und so was um 56 Jahre. Wie soll man da kein Asthma bekommen, wenn man als Kind mangelernährt ist und man unter ständigen schweren Atemwegsinfekten leidet und Antibiotika statt frischer Luft verschrieben bekommt.
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