Atemtherapie "Manche Menschen denken, sie atmen falsch"

Geatmet wird immer, doch bewusst darüber nachdenken - das passiert erst, wenn die Atmung Probleme bereitet. Dann können Physiotherapeuten helfen.
"Die meisten gesunden Menschen atmen völlig natürlich"

"Die meisten gesunden Menschen atmen völlig natürlich"

Foto: dpa-tmn/ Robert Günther

Der Atem versorgt den Körper mit Sauerstoff, den wir zum Leben benötigen. Er fließt dabei, ohne dass man darüber nachdenken muss. Dennoch kann das Atmen für manche zum Problem werden. Es gerät ins Stocken oder überschlägt sich geradezu.

Atemtherapeuten unterstützen Betroffene dabei, Blockaden zu lösen, sodass sie frei aufatmen können. Das hört sich ein bisschen nach Hokuspokus an - tatsächlich ist Atemtherapie aber ein zunehmend wichtiger Teil der Physiotherapie.

"Atemtherapie ist ein Pflichtfach in der Physiotherapieausbildung und gehört als Heilmittel zu den Leistungen der privaten und gesetzlichen Krankenkassen", sagt Dorothea Pfeiffer-Kascha, Vorsitzende der AG Atemphysiotherapie innerhalb des Deutschen Verbands für Physiotherapie. Es gibt sie also auf Rezept - etwa für Lungenkranke, also unter anderem für Menschen mit der angeborenen Krankheit Mukoviszidose.

"Aha, so fühlt sich Atmung vom Zwerchfell in Richtung Bauch an"

Immer häufiger sieht Pfeiffer-Kascha Patienten, bei denen keine Atemwegserkrankung vorliegt. Ein typischer Fall: die junge Leistungssportlerin. "Die kommen und sagen, sie bekämen nicht genug Luft, um ihre Leistung abzurufen." Häufig hätten sie sich mit der Zeit ein unphysiologisches Atemmuster angewöhnt, weil sie zum Beispiel permanent den Bauch anspannen und unter hohem Wettbewerbsdruck stehen.

Pfeiffer-Kascha geht es zunächst darum, dem Patienten das Problem vor Augen zu führen. Dafür legt er sich auf den Rücken, legt beide Hände auf den Bauch und stellt sich einen schönen Geruch aus der Kindheit vor. Er atmet schnuppernd ein - die Bauchdecke bewegt sich in Etappen. "Da merkt er idealerweise: Aha, so fühlt sich Atmung vom Zwerchfell in Richtung Bauch an." Das sei der erste Schritt.

Meist arbeitet die Therapeutin sechs Mal 20 Minuten mit ihren Patienten. Danach setzen sie die Arbeit selbst zu Hause fort.

"Wir Physiotherapeuten orientieren uns an Anatomie, Physiologie und Pathophysiologie - es geht uns nicht primär um das Erleben des Atmens oder um Atmung als Entspannungsweg", sagt Pfeiffer-Kascha.

Neben dieser Atemphysiotherapie gibt es noch eine andere Form der Atemtherapie. Manche sprechen von Atempädagogik. Susanne Menrad-Barczok, Atemtherapeutin aus Ulm, richtet sich mit ihrem Angebot an alle, die sich näher mit ihrem Atem beschäftigen wollen. Sie ist selbst gegen Tierhaare allergisch. Aufgewachsen auf einem Bauernhof, war ihre Nase immer blockiert: "Die Atmung durch den Mund geht oft nur in den Brustbereich, während das Atmen durch die Nase schnell ins Zwerchfell und in die Tiefe geht."

"Niemand atmet falsch"

In Gruppen- oder Einzelsitzungen leiten Therapeuten wie sie Übungen im Sitzen, Stehen oder Liegen an. Dabei schwingen die Klienten zum Beispiel die Arme wie beim Schwimmen in moderatem Tempo. Das mobilisiert sämtliche an der Atmung beteiligten Muskeln - der Atem soll frei fließen können.

Beim Runtergehen einatmen, beim Aufstehen ausatmen

Beim Runtergehen einatmen, beim Aufstehen ausatmen

Foto: dpa-tmn/ Robert Günther

Die Arbeit am Atem soll aber nicht kontrollieren oder leiten. Pfeiffer-Kascha: "Manche Menschen kommen zu mir und sagen, sie atmen bestimmt falsch. Aber niemand atmet falsch", stellt sie klar. Manche Menschen hätten fraglos Probleme mit dem Atmen. "Aber die meisten gesunden Menschen atmen völlig natürlich - sie sollten dann auch nicht so viel darüber nachdenken."

Die deutsche Atemwegsliga listet Physiotherapeuten auf , die eine Fortbildung im Bereich Atemtherapie absolviert haben.

wbr/Stefanie Michel, dpa
Mehr lesen über Verwandte Artikel