Ein rätselhafter Patient Warum weinst du, Kleine?

Ein 18 Monate altes Mädchen hört über Stunden nicht auf zu heulen. In der Notaufnahme stellen die Ärzte fest, dass der Mutter etwas fehlt - und stellen so die rettende Diagnose.

Weinendes Baby (Symbolbild)
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Weinendes Baby (Symbolbild)

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Eigentlich ist die Eineinhalbjährige gesund und munter, doch an diesem Tag hört sie einfach nicht auf zu weinen. Vier, fünf, sogar sechs Stunden lang versucht die Mutter die Kleine zu beruhigen. Doch nichts hilft. Auch Essen und Trinken verweigert das Kind. Schließlich fährt die Frau in die Notaufnahme, wie ein US-Ärzteteam um Noah Konamundi von der Rutgers New Jersey Medical School in Newark berichtet.

Es gibt viele mögliche Ursachen, die die Ärzte nun abklären müssen. Die Mutter vermutet, es könne wieder eine Mittelohrentzündung sein. Eine solche hat das Mädchen schon mehrmals geplagt, heißt es im Fachbericht im "Journal of Emergency Medicine".

Die kleine Patientin hat keine erhöhte Temperatur - das spricht dagegen, dass sie an einer Infektion leidet, also auch gegen die Mittelohrentzündung. Die Atemfrequenz des Mädchens ist normal, und die Atmung klingt beim Abhören auch so, wie es sein soll.

Eine genauere Untersuchung des Herzens zeigt keine größeren Auffälligkeiten, abgesehen von einem leichten Herzrasen: Das Herz des Kindes schlägt 148-mal pro Minute. Der Blutdruck ist im normalen Bereich. Auch beim Abtasten von Brust- und Bauchbereich stellen die Ärzte nichts Ungewöhnliches fest.

Die Mediziner können auch eine sehr ernste mögliche Ursache ausschließen: Bei dem Mädchen finden sich keine Anzeichen einer Hirnhautentzündung. Die neurologische Untersuchung fördert nichts Auffälliges zutage.

Die Ärzte inspizieren den Kopf, die Augen, die Ohren, die Nase und den Rachen des Kindes: alles normal, keinerlei Anzeichen für eine Mittelohr- oder Mandelentzündung.

Der Mutter fehlt etwas

Das Mädchen klammert sich während der Untersuchungen so gut wie möglich an seine Mutter - und so fällt den Ärzten schließlich etwas auf: Die Frau trägt einen Ohrring im rechten Ohr, aber keinen im linken. Wo das zweite Schmuckstück sei? Erst aufgrund dieser Frage fällt der Frau auf, dass der Ohrring fehlt. Sie vermutet, ihn auf dem Weg ins Krankenhaus verloren zu haben.

Weil das Mädchen normal atmet und anscheinend keine Schmerzen im Brustbereich hat, haben die Mediziner zunächst nicht mit einem verschluckten Gegenstand gerechnet. Doch nun vermuten sie hier den Grund für die Beschwerden.

Ein Röntgenbild bestätigt den Verdacht. Der Ohrring sitzt im oberen Bereich der Speiseröhre fest.

Ein Gastroenterologe wird gerufen. Er holt das Schmuckstück mithilfe eines Endoskops heraus, wofür das Mädchen sediert wird. Nach dem Eingriff erholt sich die kleine Patientin schnell: Sie weint nicht mehr, isst wieder mit Begeisterung und kann vollständig genesen aus dem Krankenhaus entlassen werden.

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insgesamt 9 Beiträge
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Seite 1
silberwoelfin 30.10.2016
1. Und genau
aus diesen Gründen ist es so wichtig, dass ich Ärzte bei der Diagnosestellung alle Optionen offen halten und auch eher ungewöhnliche Gründe mit einbeziehen.
CancunMM 30.10.2016
2.
Schöne Geschichte, aber wo ist das Rätselhafte ? Ich denke ähnliche Geschichten kann jeder Kinderarzt, der in der Klinik arbeitet, erzählen.
CancunMM 30.10.2016
3.
Zitat von silberwoelfinaus diesen Gründen ist es so wichtig, dass ich Ärzte bei der Diagnosestellung alle Optionen offen halten und auch eher ungewöhnliche Gründe mit einbeziehen.
Ja aber was ist daran ungewöhnlich, dass sich eine 18-monataltes Kind alles mögliche in den Mund steckt. Ich kann mich erinnern, dass es in der Kinderheilkunde immer eine der ersten Fragen war ob es sein kann, dass das Kind etwas verschluckt hat.
ace.of.spades 30.10.2016
4. Guter und wichtiger Artikel, finde ich!
Ich denke, die Autorin Nina Weber hat diesen Fall durchaus bewusst und klug ausgesucht. So erinnert es doch einmal mehr daran, wie wichtig es ist, sich alle Optionen offenzuhalten - auch die zunächst völlig undenkbaren. Und beide Seiten sollten das tun, sowohl Ärzte als auch Eltern. Es wäre ja nicht das erste Mal, daß Kleinkinder (oder auch Erwachsene) aus Nachlässigkeit oder Denkfaulheit sterben, weil die Ursache nicht erkannt wurde, und wenn überhaupt, dann erst auf dem Seziertisch.
postit2012 30.10.2016
5. Wohl wahr,
Zitat von CancunMMJa aber was ist daran ungewöhnlich, dass sich eine 18-monataltes Kind alles mögliche in den Mund steckt. Ich kann mich erinnern, dass es in der Kinderheilkunde immer eine der ersten Fragen war ob es sein kann, dass das Kind etwas verschluckt hat.
und vor 60 Jahren, als Kinder noch Kinder gehütet haben, war's das erste, was die (großen) lernen mussten, dass NICHTS kleines Buntes, vor allem Glänzendes herumlag. Die (kleinen) haben wirklich alles gefressen; wir hatten damals nur keinen Schmuck ;-)
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