Babynahrung Fertigbrei enthält zu wenige Kalorien

Babys erste Mahlzeit stammt häufig aus einem Supermarkt-Gläschen. Britische Ernährungsforscher kritisieren jetzt den geringen Nährwert der Fertigbreie und empfehlen, Breikost lieber selbst zu kochen. Deutsche Experten sehen das nicht ganz so streng.

Essenszeit: Babybrei hat zu wenig Kalorien
Corbis

Essenszeit: Babybrei hat zu wenig Kalorien

Von


Wenn gestillte Babys mit vier, fünf Monaten nachts öfter aufwachen, ist der erste Gedanke: "Mein Kind hat Hunger, Zeit zuzufüttern." Brei, so die Annahme, deckt den wachsenden Energiebedarf des Säuglings besser ab als Muttermilch. Dem widersprechen britische Wissenschaftler jetzt nach einer Analyse von mehr als 400 kommerziellen Produkten.

In einer Studie in der Fachzeitschrift "Archives of Disease in Childhood" kamen die Forscher um Ada Garcia zum Ergebnis, dass Fertigkost nicht kalorienhaltiger ist als Muttermilch. Sie plädieren dafür, generell erst im Alter von sechs Monaten mit dem Zufüttern zu beginnen und dann auch gleich Familienkost einzuführen.

Für ihre Untersuchung verglichen die Ernährungsexperten der School of Medicine der University of Glasgow 462 Fertigprodukte aus britischen Supermarktregalen mit Muttermilch und Folgemilch. Dabei werteten sie anhand der Angaben auf dem Etikett den Nährstoff- und Energiegehalt aus. Auf ihrer Liste standen Fertig-Babybreie, Fingerfood sowie mit Wasser oder Milch anzurührende Breie der Hersteller Cow & Gate, Heinz, Boots, Hipp Organic, Ella's Kitchen und Organix.

Richtlinie erlaubt kaum Fett

Der Energiegehalt der Fertigbreie liegt demnach bei allen drei Varianten bei knapp über 280 Kilojoule (67 Kilokalorien). Das bedeutet, dass die Produkte nicht mehr sättigen als Muttermilch. Die Wissenschaftler räumten allerdings ein, dass dies hauptsächlich EU-Richtlinien geschuldet sei, die nur geringe Mengen Fett erlaubten.

"Mütter rechtfertigen das Zufüttern vor dem sechsten Monat häufig damit, dass ihre Babys Hunger hätten. Ernährungsberater sollten Mütter aufklären, dass die erste Fertigkost nicht mehr Kalorien enthält als Muttermilch", betonten die Autoren der Studie. Kochten die Wissenschaftler die Breie selbst nach in Großbritannien üblichen Rezepten, betrug der Nährwert zum Teil das Doppelte.

Ebenfalls kritisch bewerteten die Forscher den süßen Geschmack vieler Fertiggerichte. "Zwiebäcke und Kekse haben zwar einen höheren Energiegehalt, auch mehr Eisen und Kalzium, enthalten allerdings auch mehr Zucker", schreiben sie. Insgesamt stuften sie zwei Drittel der Fertigprodukte als süß ein, darunter vor allem trockene Snacks, aber auch Obstgläschen.

Auch bei Eisen, das Babys besonders ab dem zweiten Halbjahr brauchen, schnitten die Fertigprodukte nur mäßig ab. Der Eisengehalt der meisten Gläschen war zwar höher als der von Muttermilch, aber immer noch niedriger als der von Folgemilch. "Der relativ geringe Eisen- und Eiweißanteil in Fertigbreien, die laut Etikett Fleisch enthalten, spricht dafür, dass davon nicht gerade viel drin ist", schlussfolgerten die Wissenschaftler.

Gemüse hat nicht den Nährwert von Muttermilch

In Deutschland füttern knapp 60 Prozent der Familien Beikost aus dem Supermarkt zu, ermittelte die Donald-Studie der Universität Bonn. 21 Prozent geben ihren Babys ausschließlich selbstgemachten Brei, 19 Prozent kombinieren beides. Was bedeuten die Erkenntnisse der britischen Wissenschaftler nun für Eltern hierzulande?

Deutsche Experten empfehlen als Einstiegskost reinen Möhrenbrei. Dieser erreicht mit 30 Kilokalorien pro 100 Gramm allerdings nicht einmal die Hälfte des Nährwerts von Muttermilch. "Möhren und anderes Gemüse plus Kartoffeln sind auch keine volle Mahlzeit", sagt Mathilde Kersting, stellvertretende Leiterin des Forschungsinstituts für Kinderernährung (FKE) in Dortmund, das die wissenschaftlichen Standards für Kinderernährung in Deutschland festlegt. In einer Online-Datenbank hat das FKE rund 1200 kommerzielle Beikostprodukte mit Nährwertangaben sowie Empfehlungen zur Selbstzubereitung gelistet.

Kersting hält die Nährwertunterschiede der britischen Studie zwischen selbstgemachten und Fertigbreien nicht für eins zu eins auf deutsche Familienkost übertragbar. "Die Briten haben hier Rezepte zugrunde gelegt, die es bei uns so nicht gibt, zum Beispiel Reis mit Hühnchen und weißer Soße oder Kartoffelbrei mit Butter und Käse." Für selbstzubereitete Babykost in Deutschland werde ein Energiegehalt von etwa 90 Kilokalorien pro 100 Gramm empfohlen. Der etwas geringere Energiegehalt in Gläschen könne mit einem Teelöffel Rapsöl ausgeglichen werden.

Internationale Unterschiede bei der Empfehlung

Ebenfalls kritisch sieht Kersting, dass die Forscher Obstbreie in der Kategorie "Süßes" listeten und diese kalorienmäßig mit einer vollständigen Mahlzeit verglichen. "Ein solcher Vergleich wäre in Deutschland nicht haltbar, denn Obst ist im deutschen Ernährungsplan keine vollwertige Mahlzeit, sondern eine Zutat zu Breien", erläutert die Expertin. "Meines Wissens enthalten die allermeisten reinen Obstbreie hierzulande keinen zugesetzten Zucker, sondern pure Frucht."

Eine eindeutige Empfehlung für selbstgekochte Beikost, wie die britischen Wissenschaftler sie auf Grundlage der Studie gaben, existiert in Deutschland nicht. "Je nachdem, welche Argumente für Eltern wichtig sind, können sie sich ohne schlechtes Gewissen für Gläschen oder Selbsthergestelltes entscheiden", so Kerstings Fazit.

insgesamt 26 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
palmbacher 20.09.2013
1. ach nee
eine überraschung kommt ans licht. zuwenig kalorien im babybreigläschen. wenn ich mir so ein gläschen anschaue, mini in seiner form, dann lässt sich das ja wohl nur vermuten. wir haben immer selber gekocht (war total lustig), püriert, abgefüllt in gespülte marmeladengläser, dann noch heiss den deckel drauf und ab ins tiefkühlfach. das waren dann gläschen!! min doppelt so viel inhalt wie die zwergengläser von hipp und co und v.a. wo zucchini draufsteht war zu 100% BIO Zucchini drin (schaut mal auf die etiketten, was wirklich drin ist in den babyglässchen - immer irgendein träger, reis oder so was mit min 30-40%). wir hatten sogar erfolg mit rote beete (wobei ich nicht verstanden habe, warum beide unserer kinder das gegessen haben ;-) Kocht selber, ist easy, macht spass, ist billiger, und ist gesünder
jodohnern 20.09.2013
2.
Angesichts des Problems der Fettleibigkeit bei Kindern, sehe ich keinen Grund, sich über zu geringe Kalorienzufuhr durch Babybrei Sorgen zu machen. Allerdings muss ich zustimmen, dass ein Brei, der nur aus Obst oder Gemüse und Kartoffeln besteht, und fast kein Fett enthält, kein geeigneter Ersatz für eine volle Mahlzeit ist, auch nicht für ein Baby. Sehr gefährlich in dieser Hinsicht ist der Trend zum Veganismus, den manche Eltern hoffen, auf die Ernährung ihrer Babys übertragen zu können. Dies kann zu irreparablen Schäden führen, wenn es ohne Vorsicht und Hintergrundwissen gemacht wird.
JaguarCat 20.09.2013
3. Geht's noch?
Ärzte beklagen sich regelmäßig darüber, dass unser Essen zu kalorienreich ist und die Bürger immer dicker werden, und jetzt soll auch noch bei Babynahrung der Kaloriengehalt gesteigert werden??? Zitat SpON-Artikel: "Ernährungsberater sollten Mütter aufklären, dass die erste Fertigkost nicht mehr Kalorien enthält als Muttermilch". Und wo ist da bitte das Problem? Wenn das zwei Monate alle Baby sechs Mal am Tag die Brust nimmt, und das fünf Monate alte Baby sechs Mal am Tag die Brust nimmt und zusätzlich zwei bis drei Fertigmahlzeiten, dann bekommt es doch mehr Kalorien als mit der Brust allein? Und da die älteren Babys auch aktiver sind und folglich mehr schwitzen, steigt auch deren Flüssigkeitsbedarf. Somit gibt es überhaupt keinen Grund, das Kalorien-zu-Flüssigkeitsverhältnis über das von Milch zu steigern. Jag
Plasmabruzzler 20.09.2013
4.
Zitat von jodohnernAngesichts des Problems der Fettleibigkeit bei Kindern, sehe ich keinen Grund, sich über zu geringe Kalorienzufuhr durch Babybrei Sorgen zu machen. Allerdings muss ich zustimmen, dass ein Brei, der nur aus Obst oder Gemüse und Kartoffeln besteht, und fast kein Fett enthält, kein geeigneter Ersatz für eine volle Mahlzeit ist, auch nicht für ein Baby. Sehr gefährlich in dieser Hinsicht ist der Trend zum Veganismus, den manche Eltern hoffen, auf die Ernährung ihrer Babys übertragen zu können. Dies kann zu irreparablen Schäden führen, wenn es ohne Vorsicht und Hintergrundwissen gemacht wird.
Fettleibigkeit bei *Kindern* oder *Erwachsenen* hat überhaupt nichts mit *Baby*brei zu tun. Richtig, so habe ich auch verfahren. Vor allem hat man in Punkto Geschmack so eine nahezu unendlich große Auswahl.
Senf-Dazugeberin 20.09.2013
5. Deutsche Empfehlungen
Mir fehlen in dem Artikel Hinweise, dass es beim Zeitpunkt der Brei-Zufütterung nicht nur auf die Kalorienzufuhr ankommt sondern auch auf die Allergie-Vermeidung. Und da sind sich offenbar die deutschen und die Welternährungs-Experten einig, dass es ein Zeitfenster zwischen 5 und 7 Monaten gibt, wo Babys wohl am besten damit klarkommen, in geringen Mengen alles mögliche (neben vielen Gemüse- und Obstsorten auch glutenhaltiges Getreide) zu probieren. Sollte jemand neuere Erkenntnisse haben, möge er das bitte posten. Beim ersten Kind (2,5) hatte ich noch halbwegs die Zeit, alle Breie in Bio und selber zu kochen. Seitdem das zweite (7 Monate) dazu gekommen ist, kommt das Meiste aus dem Glas und nur noch wenig aus den eigenen Töpfen. Ich hoffe, er wird es überleben und genauso fit und gesund werden wie Kind 1... Aber auch bei Gläschen kann man drauf achten, wie die Zusammensetzung ist und mit ein paar Tropfen zusätzlichem Öl und Apfel- oder O-Saft die notwendigen Inhaltsstoffe hinzufügen.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.