Eine rätselhafte Patientin Alarm im Arm

Als eine Krankenpflegerin immer wieder Abszesse am linken Arm entwickelt und von Fieber geplagt wird, wird sie selbst zur Patientin. Wieso gelingt es nicht, die 24-Jährige zu heilen?

Immer wieder entwickelt die Patientin schlagartig Entzündungen (Symbolbild)
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Immer wieder entwickelt die Patientin schlagartig Entzündungen (Symbolbild)

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Im Laufe des Vorjahres musste sich die 24-jährige Japanerin Operationen an der Schulter unterziehen - wegen eines Knochenbruchs sowie wegen eines sogenannten Engpasssyndroms ("Impingement"), bei dem die Schulter bei bestimmten Bewegungen stark schmerzt. Nach diesen Eingriffen bildeten sich mehrfach Abszesse am linken Arm, wo ihr Blut abgenommen wurde.

Zwar hat die 24-Jährige, die als Krankenpflegerin arbeitet, bereits eine ganze Reihe Antibiotika eingenommen, doch die Beschwerden sind nie richtig abgeklungen. Stattdessen hat sich ihr Zustand weiter verschlechtert, die Haut am linken Arm ist großflächig entzündet. Wegen der damit verbundenen Schwellungen kann das Gewebe nicht mehr ausreichend durchblutet werden, Muskeln und Nerven könnten dauerhaft Schaden nehmen. Mediziner sprechen von einem Kompartmentsyndrom.

Als die Frau deswegen einen Arzt aufsucht, setzt dieser Schnitte an Ober- und Unterarm, um entzündetes Gewebe und Eiter abzusaugen und den Druck im Gewebe zu reduzieren. Er überweist sie zudem an die Uniklinik im japanischen Nagasaki, wo die Frau sich dem Ärzteteam um Kazuko Yamamoto vorstellt.

Eine erste körperliche Untersuchung offenbart keine weiteren Entzündungen neben jenen am linken Arm. Die Blutwerte deuten auf eine leichte Störung der Leberfunktion und auf eine systemische, also den ganzen Körper betreffende Entzündung hin.

Leidet die Frau möglicherweise an einem Immundefekt? Dies kann dazu führen, dass eigentlich harmlose Infektionen schwerwiegende Folgen haben. Allerdings sprechen weitere Testergebnisse dagegen. Zum Beispiel sind die Mengen der verschiedenen Immunzellen im Körper der Patientin alle im Normalbereich. Zudem ist die Frau nicht mit HIV infiziert, was eine Immunschwäche auslösen kann.

Keine weiteren Entzündungsherde im Körper

Die Ärzte führen nun mehrere Untersuchungen durch, wie sie im "Journal of Medical Case Reports" berichten - und zwar

  • eine Computertomografie des gesamten Körpers,
  • eine Magnetresonanztomografie von Wirbelsäule und Herz,
  • einen Ultraschall des Herzens mittels einer in die Speiseröhre geschobenen Sonde,
  • eine Punktion des Knochenmarks.

Nichts liefert Anhaltspunkte für weitere Entzündungen im Körper oder gibt Hinweise auf die Krankheitsursache. Die Mediziner legen Bakterienkulturen an, um die Mikroben im entzündeten Gewebe am Arm sowie im Blut zu identifizieren. Im Blut sind keine zu finden, im Wundgewebe dagegen unter anderem verschiedene Streptokokken, das Bakterium Prevotella buccae sowie Mikroben der Gattung Mobiluncus.

Das Ärzteteam verordnet der Patientin zwei Antibiotika, woraufhin sich die Entzündung prompt bessert. Doch schlagartig entwickelt sich erneut hohes Fieber. Die Frau berichtet von starken Schmerzen im zuvor entzündeten Bereich.

Erneut setzen die Ärzte einen Schnitt und entdecken eine Eiteransammlung in einem Unterarmmuskel, dem sogenannten Musculus supinator. Sie geben der Frau ein anderes Antibiotikum, analysieren, welche Bakterien im Eiter zu finden sind und passen die Medikamente entsprechend an. Leider reagiert die Patientin allergisch auf das neue Antibiotikum, sodass das Mittel gewechselt werden muss.

Zusätzlich erhält die Frau eine sogenannte hyperbare Sauerstofftherapie, bei der für eine Zeit reiner Sauerstoff eingeatmet wird, was die Wundheilung fördern soll.

Erneut erkrankt die Frau

Die Therapie wirkt. Jedoch bildet sich kurz vor der Entlassung aus der Klinik erneut ein Abszess am linken Arm, die Patientin hat erneut Fieber.

Das macht das Ärzteteam so stutzig, dass es nun in Betracht zieht, dass die Patientin ihre Beschwerden selbst verursacht. Beim sogenannten Münchhausen-Syndrom spielen Menschen Krankheiten vor oder sie schädigen sich selbst, um bestimmte Beschwerden auszulösen.

Ein Psychiater wird hinzugezogen und spricht mit der Patientin und ihrer Familie. Die Schwester der Frau durchsucht daraufhin eine Tasche der Patientin und findet darin drei Spritzen, eine enthält eine trübe Flüssigkeit.

Im Labor zeigt sich: In dieser Flüssigkeit schwimmen Bakterien der Arten Enterobacter cloacae und Enterococcus faecalis, beide Spezies sind unter anderem im menschlichen Darm zu finden. Eine erneute Analyse einer Eiterprobe der Patientin zeigt: Darin enthaltene Enterococcus-faecalis-Bakterien sind vom Erbgut her identisch mit jenen aus der Spritzenflüssigkeit.

Das bestätigt den Verdacht, dass die Frau das Münchhausen-Syndrom hat und die Infektionen selbst verursachte. Nun fügen sich auch andere Details: So wirkte die Patientin immer am glücklichsten, wenn es ihr körperlich schlecht ging und ihre Laune sank, je besser es um ihre Gesundheit stand.

In den folgenden drei Wochen wird die Frau eng überwacht und entwickelt keine neuen Gesundheitsprobleme. Allerdings verlässt sie danach abrupt die Klinik und versucht, sich das Leben zu nehmen.

Anschließend wird sie für eine Zeit in die geschlossene Psychiatrie eingewiesen. Dort erzählt sie schließlich, dass sie die Spritzen mit Spucke und Toilettenwasser gefüllt und sich diese Flüssigkeit in den Arm injiziert hat. Sie sagt, sie habe sich extrem einsam gefühlt, sobald sie keine medizinische Betreuung erhalten habe.

Nach und nach geht es der Patientin psychisch besser, nach zwei Monaten wird sie aus der Psychiatrie entlassen, in den folgenden Jahren wird sie allerdings weiter psychiatrisch betreut.

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