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Maschinenschnitt im Barbershop: Mangelnde Hygiene führt zu Hautpilzinfektionen
Maschinenschnitt im Barbershop: Mangelnde Hygiene führt zu Hautpilzinfektionen
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Tatsiana Volkava / Getty Images

High Fade, Undercut, juckende Kopfhaut Hautpilz verbreitet sich durch Trendfrisuren

Ein hochansteckender Fadenpilz sorgt bei jungen Männern für rote Entzündungen am Kopf. Der Grund ist wohl mangelnde Hygiene in Barbershops. Fachleute sprechen von einer »europaweiten Epidemie«.
Von Christopher Bonnen

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Plötzlich bilden sich im Nacken rötliche Flecken mit ringförmig verdicktem Rand, die rotgereizten Stellen schuppen und jucken. Die Flecken können sich verteilen, auf dem Kopf und über den Körper, in schlimmen Fällen führen sie zu eitrigen Abszessen und Haarausfall.

Hautärzte entdecken derzeit immer mehr solcher Infektionen, die sie auf einen Hautpilz zurückführen: Trichophyton tonsurans. Er löst eine Ringelflechte aus – die nicht nur unappetitlich ist, sondern sogar zu Narben und kahlen Stellen auf dem Kopf führen kann.

Lange Zeit war der Pilz vor allem ein Problem im Ringsport. Verschiedene Forschende fanden den Fadenpilz  bei Ringern aus der Türkei, dem Iran und den USA. Befallen waren bis zu 90 Prozent der Sportler. Im nationalen Kader in Leipzig haftete der »Ringerpilz« an Sportmatten  und grassierte jahrelang unter trainierenden Kindern und Jugendlichen.

Doch der aktuelle Anstieg der Fallzahlen scheint einen anderen Grund zu haben: Besuche in billigen Barbershops. Das glauben zumindest Fachleute. Aber warum breitet sich der Pilz jetzt aus? Wie gefährlich ist er? Und was sollte man beim nächsten Friseurbesuch beachten, um eine Infektion zu vermeiden? Antworten auf die wichtigsten Fragen.

Wie groß ist das Problem mit dem Hautpilz?

»Trichophyton tonsurans ist das Häufigste, was wir zurzeit sehen, direkt nach dem Fußpilz«, sagt Martin Schaller. Der Dermatologe der Uniklinik Tübingen beobachtet schon seit einigen Jahren, dass sich der Hautpilz ausbreitet. Schaller sagt auch, verlässliche Zahlen gebe es nicht, da die Fälle nicht meldepflichtig seien. Aber: »Wir weisen den Pilz bei uns inzwischen drei- bis fünfmal so oft nach wie noch vor fünf Jahren.« Die Dunkelziffer liege wohl deutlich höher, sagt Dermatologie-Professor Schaller. Patienten gingen eher zu niedergelassenen Hautärzten als in die Uniklinik – wenn sie sich überhaupt ärztliche Hilfe suchten.

Derzeit diagnostiziere man die Infektion immer häufiger, teilt auch die Charité in Berlin auf SPIEGEL-Anfrage mit. In Duisburg häuften sich die Fälle schon vor Jahren. Inzwischen hat sich der Pilz längst deutschlandweit verbreitet, Dermatologe Schaller spricht gar von einer »europaweiten Epidemie«.

Arbeitsgeräte im Barbershop: Wird schlampig oder gar nicht desinfiziert, steigt das Risiko für Infektionen

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Mike Harrington / Getty Images

»Bei uns ging der große Boom im März und April 2024 los«, erzählt Judith Warmuth. Die Friseurmeisterin betreibt seit Jahrzehnten in Erlangen einen eigenen Friseursalon. Als immer mehr Infektionsfälle in ihrer Region auffielen, habe das sie und ihr fünfköpfiges Team sehr verunsichert. »Ich habe alle angewiesen, bei jedem Kunden gleich zu Beginn einmal unauffällig über den Kopf zu schauen.«

Was macht Trichophyton tonsurans zum Problem?

»Ein Kollege hat es so formuliert: Der Pilz hat den Aufstieg von der Ringermatte in die Barbershops geschafft«, sagt Dermatologe Schaller. Der Pilz wird durch Kontakt übertragen, ist hochansteckend und überlebt mehrere Wochen auf Gegenständen. »Er stirbt nicht einfach von allein ab.« Das macht ihn zum Problem: Wer keine Symptome entwickelt, kann ihn unbemerkt verbreiten.

Bis die ersten Symptome auftreten, vergehen bis zu zwei Wochen, das erschwert die Ursachenforschung und Bekämpfung. Auch die Diagnose des Hautpilzes ist eine Herausforderung: Viele Fachleute diagnostizieren bei schweren Fällen fälschlich eine bakterielle Ursache und nicht gleich die Pilzinfektion.

Immerhin: Einmal erkannt, haben Ärzte leichtes Spiel. Terbinafin-Tabletten helfen verlässlich gegen Pilzerkrankungen wie jene Infektionen, die Trichophyton tonsurans auslöst. Allerdings kommen die Tabletten in Deutschland bei Kindern und Jugendlichen in solchen Fällen ohne offizielle Zulassung zum Einsatz. Zu früh absetzen sollte man die Medikamente jedoch auf keinen Fall. »Es wird so lange behandelt, bis der Pilz nicht mehr nachweisbar ist. Das hängt immer von der einzelnen Entzündung ab, aber der Regelfall sind zwei bis drei Monate«, sagt Dermatologe Schaller. So lange braucht es täglich Tabletten.

Wird die Infektion nicht behandelt, kann das Ergebnis ein dauerhaft kahler Kopf sein: Der Pilz führt nicht nur zu juckenden Ausschlägen, breitet er sich auch über den Kopf aus, greift die Infektion dort die Haarwurzeln an. »Der Pilz hat Hunger«, beschreibt Dermatologe Schaller den Angriff. »Und das Immunsystem löst die heftigen Entzündungen aus, um sich zu verteidigen und den Pilz loszuwerden.« Doch ist Gewebe einmal vernarbt, wachsen dort keine Haare mehr.

Was kann ich tun, wenn ich glaube, mich infiziert zu haben?

Engen Kontakt meiden und beobachten, ob sich innerhalb von ein bis zwei Wochen nach dem Haarschnitt erste Symptome entwickeln. Sobald das passiert, sollte man einen Hautarzt aufsuchen.

Zudem ist es sinnvoll, den Barbershop oder Salon zu informieren, aus dem der Pilz mutmaßlich stammt – eine Infektion entsteht ja nicht mit böser Absicht. Wird nicht reagiert, kann man eine Meldung ans örtliche Gesundheitsamt in Erwägung ziehen. Auch Freunde sollte man gegebenenfalls informieren, vor allem wenn man vor Kurzem etwa den eigenen Rasierer oder die Haarschneidemaschine geteilt hat.

Außerdem kann es sinnvoll sein, mit speziellen Desinfektionsmitteln aus dem Friseurbedarf den heimischen Rasierapparat zu reinigen. »Da braucht es extra Desinfektionsmittel für Profis, Sagrotan aus der Drogerie nützt da wenig«, sagt Friseurmeisterin Warmuth.

Warum verbreitet sich der Pilz in Barbershops?

Schuld ist mangelnde Hygiene – da sind sich die befragten Fachleute einig. Ihre Erklärung: In Läden, die als Barbershops firmieren, würden oftmals Scherköpfe und Klingen zu schlampig oder gar nicht gereinigt. »Und wenn keiner desinfiziert, wird halt der Pilz übertragen«, sagt Schaller. Er vermutet, dass ein infizierter Ringer den Pilz vor Jahren in einen der Läden gebracht hat, die für ihre raspelkurzen Maschinenschnitte bekannt sind.

An der Uniklinik Tübingen seien die Pilzpatienten gut zu erkennen, erklärt Schaller. Ihre Frisur werde für den Dermatologen beinahe zum diagnostischen Indiz. »80 Prozent der Patienten waren in einem Barbershop, meist sind es Männer zwischen 15 und 35 Jahren«, sagt Schaller.

»Für viele junge migrantische Männer sind die Barbershops ein kultureller Treffpunkt«, sagt Friseurmeisterin Warmuth.

Aber was macht Läden, die als Barbershop firmieren, so anfällig für den Pilz? Schuld seien am Ende vor allem die Schnitte zu Tiefstpreisen, sagt Warmuth. Sie wisse, dass manche Menschen jeden Euro zweimal umdrehen müssten. »Aber viele andere leben nach dem Motto: Geiz ist geil.« So bekämen Billigläden viel Zulauf.

Doch niemand könne für 15 Euro seriös und sauber schneiden, sagt Warmuth. Wer so billig frisiere, müsse möglichst viele Kunden schaffen und anderes hinten anstellen. Hygiene habe aber ihren Preis. »Der Herrenschnitt bei mir im Salon kostet zurzeit 32 Euro.«

Warum verbreitet sich der Pilz ausgerechnet jetzt?

Der Barbershop-Pilz verbreitet sich schon seit Jahren, doch seit dem Ende der Pandemie häufen sich die Meldungen. Im mittelfränkischen Erlangen sei der Pilz im Frühjahr 2024 so richtig angekommen – und zwar mit »Krawumms«, sagt Friseurin Warmuth. Sie betreibt in Erlangen nicht nur einen Salon, sondern ist auch Obermeisterin der dortigen Friseurhandwerksinnung. Warmuth sieht zwei große Gründe für die aktuelle Lage.

Vor allem sind Barbershop-Schnitte derzeit stark in Mode. Egal ob Low Fade, High Fade oder immer noch der Undercut – vor allem junge Kunden ziehen die Trendfrisuren in günstige Frisierläden. Tragen ihre Idole doch auch bei der Fußball-Europameisterschaft wieder genau diese Schnitte: Musiala, Havertz, Kimmich und Co. betraten den EM-Rasen auffallend einheitlich frisiert .

Deutsche Fußballnationalmannschaft: Havertz, Musiala und Co. tragen Trendfrisuren bei der EM

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Foto: Alexander Scheuber - GES Sportfoto / Getty Images

Der Barbershop-Boom ist nicht neu, schon vor der Pandemie eröffneten etliche Läden. »Spätestens nach Corona hat es dann eine echte Explosion gegeben: Immer mehr Barbershops haben aufgemacht«, sagt Innungsobermeisterin Warmuth. Besonders in Innenstädten falle das auf, aber auch in Kleinstädten gebe es inzwischen oft mehr als nur einen Barbershop, bestätigt der Handwerksverband: vor allem dort, wo man mit Leerstand der Ladenlokale stark zu kämpfen hatte.

Bei der Friseurinnung in Erlangen ist man sich sicher: Gäbe es die Daten und könnte man die Kurve der Pilzfälle und der Shop-Eröffnungen nebeneinanderhalten, dann sähe man eine fast deckungsgleiche Entwicklung. Dafür gebe es einen Hauptgrund. »Die Ausnahmebewilligungen sind gestiegen und mit ihnen die Möglichkeiten, einen Salon ohne Meisterbrief zu betreiben«, sagt Warmuth.

Was unterscheidet Barbershops und Friseursalons?

Der Name sagt es schon: Barbershops widmeten sich ursprünglich nur der Bartpflege und Rasur. So sprechen die Läden noch immer vor allem Männer an. Aber: Diese Trennung zwischen Barbier und Friseur, der eine für Bärte und der andere fürs Haupthaar, gibt es so in Deutschland im Grunde nicht. Die Grenzen sind fließend, fast jeder Barbershop bietet auch Haarschnitte an. Auch rein rechtlich unterscheidet das deutsche Handwerk nicht in Friseur und Barbier. In der Handwerksrolle, dem Verzeichnis der Handwerkskammer, führt man Barbershops bei den Friseursalons auf.

Apropos Rolle, der Barbershop ist vor allem eine Frage der Aufmachung: Draußen rotiert meist eine weiß-rot-blaue Barber’s Pole, drinnen dominieren vor allem dunkle Farben, Retrolook und Leder. Das Konzept verbreitet sich in Deutschland seit Jahren, höherpreisige Läden erfreuen sich vor allem in der Rockabilly-Szene schon lange großer Beliebtheit.

Ob nun Barbier oder Friseurin – für alle gilt: Sie müssen Hygienevorschriften einhalten. »Und es reicht nicht, für jeden neuen Kunden bloß eine frische Rasierklinge zu nehmen«, sagt Friseurmeisterin Warmuth. Bevor jemand Neues Platz nimmt, müsse großflächig desinfiziert werden. »Aber auch ein frisches Handtuch und ein neuer Umhang sind nicht überall selbstverständlich.« Warmuth schätzt, dass sie im Laufe jedes Arbeitstags 45 bis 60 Minuten mit Hygienemaßnahmen verbringe, vom Desinfizieren der Hände und Scherköpfe bis zum Waschen der Handtücher. Und da sei der obligatorische Großputz am Tagesende nicht miteingerechnet.

Wer in Deutschland Haare schneiden will, benötigt grundsätzlich einen Meistertitel oder zumindest eine Betriebsleitung mit Meistertitel im Salon. Doch die Meisterpflicht werde zunehmend umgangen oder unterwandert, sagt Warmuth, häufig würde ungelerntes Personal die Arbeit machen – ohne qualifizierte Anleitung.

Warmuth und die Innungsmitglieder in Erlangen berichten von Fällen, in denen sich eine Betriebsleiterin mit Meisterbrief als über 80 Jahre alte Pflegeheimbewohnerin entpuppte und ein Meister für drei bis vier Salons gleichzeitig als Betriebsleiter in den Unterlagen auftaucht. Teils vergingen Monate, bis schnell eröffnete Barbershops ohne jeglichen Qualifikationsnachweis wieder von den Behörden geschlossen würden. Es bedürfe mehr und intensiverer Kontrollen.

Woran erkenne ich einen sicheren Salon?

Das lässt sich nur schwer sagen, da man den Pilz nun mal nicht sieht. Es empfiehlt sich, auf die allgemeine Sauberkeit eines Ladens zu achten. »Wenn man schon auf dem Stuhl sitzt, kann man sich mal umschauen, wie sauber es im Salon ist«, rät Friseurin Warmuth. In den meisten der betreffenden Läden fände sich so schon etwas mit »Ach du meine Güte«-Faktor. Auch häufig wechselndes Personal sei kein gutes Zeichen, sagt sie.

Zum Schluss hat Warmuth noch einen einfachen Tipp: Niemals Läden ohne Terminvergabe besuchen – die sind vor allem auf hohen Durchsatz getrimmt und müssen möglichst schnell arbeiten, statt sauber und akribisch.

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