Barmer-Pflegereport 2018 Pflegende Angehörige fühlen sich oft überlastet

Der "größte Pflegedienst der Nation" steht am Rande seiner Kräfte: Viele der 2,5 Millionen pflegenden Angehörigen sind einer Untersuchung zufolge überfordert, gestresst oder selbst krank.
Foto: FredFroese/ Getty Images

Viele der rund zweieinhalb Millionen Menschen, die Angehörige zu Hause pflegen, leiden unter Schlafmangel und sind körperlich und psychisch überfordert. Das zeigt der am Donnerstag in Berlin veröffentlichte Pflegereport 2018 der Krankenkasse Barmer.

Demnach gibt es in Deutschland rund 2,5 Millionen pflegende Angehörige, die meisten(1,65 Millionen) von ihnen sind Frauen. Nur ein Drittel aller Betroffenen geht der Studie zufolge arbeiten, jeder Vierte aber hat seine Arbeit aufgrund der Pflege reduziert oder ganz aufgeben müssen. Die Pflege bestimmt bei 85 Prozent der Betroffenen täglich das Leben. Die Hälfte von ihnen kümmert sich sogar mehr als zwölf Stunden täglich um pflegebedürftige Angehörige. Dazu gehören unter anderem Medikamentenversorgung, Unterstützung beim Essen, bei der Mobilität oder beim Toilettengang.

Für die vom Bremer Gesundheitsökonomen Heinz Rothgang erstellte repräsentative Studie wurden mehr als 1900 pflegende Angehörige befragt und die Ergebnisse auf Deutschland hochgerechnet. Demnach stehen 7,4 Prozent (185.000) der pflegenden Angehörigen kurz davor, diese Pflege einzustellen. Rund 164.000 (6,6 Prozent) wollen nur mit mehr Hilfe weiter pflegen.

Angehörige: Der "größte Pflegedienst der Nation"

Denn mit der Versorgung der Angehörigen sind Belastungen verbunden, die krank machen können . Auch wenn sieben von acht Hauptpflegepersonen angeben, meistens gut mit der Pflege zurechtzukommen, fehlt fast 40 Prozent von ihnen Schlaf, 30 Prozent fühlen sich in ihrer Rolle als Pflegende gefangen, und 20 Prozent ist die Pflege zu anstrengend. Ebenfalls knapp 20 Prozent haben zudem Zukunfts- und Existenzängste.

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Als Folge sinkt die Bereitschaft zur Pflege - und der Pflegenotstand in Deutschland droht, sich weiter zuzuspitzen. Denn mehr als die Hälfte der Pflegebedürftigen wird ausschließlich durch Angehörige ohne Beteiligung von Pflegeeinrichtungen versorgt. Die Angehörigen gelten deshalb auch als "größter Pflegedienst der Nation" . 60 Prozent von ihnen wünschen sich aber mehr Hilfe - allerdings findet mehr als die Hälfte der Hauptpflegepersonen niemanden, um sich für längere Zeit vertreten zu lassen.

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Die zahlreichen Unterstützungsangebote wie Kurzzeit- und Verhinderungspflege oder Haushaltshilfen werden zwar überwiegend positiv bewertet, allerdings zu wenig genutzt, wie die Umfrage zeigt. Als Begründung wird vielfach angegeben, es bestehe "kein Bedarf" oder "die Leistung ist unbekannt". Häufig werden aber auch andere Gründe genannt wie "geringe Qualität", "zu teuer", "zu viel Organisation" oder es "passt zeitlich nicht".

Staatlich finanzierter Lohnersatz für Pflegende?

Barmer-Chef Christoph Straub nannte die Ergebnisse "besorgniserregend". Das System sei auf die aufopferungsvolle Arbeit pflegender Angehöriger "schlicht und ergreifend angewiesen". "Wir können es uns nicht leisten, auf deren Dienste zu verzichten, weil sie an ihre Grenze kommen, sich allein gelassen fühlen, weil sie körperlich und psychisch völlig erschöpft sind", warnte Straub.

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Auch die Deutsche Stiftung Patientenschutz forderte eine "echte Entlastung" für pflegende Angehörige. "Der größte Pflegedienst Deutschlands geht am Stock", sagte Vorstand Eugen Brysch. Die bisherigen Angebote seien bei Weitem nicht ausreichend und liefen oft ins Leere. Besonders treffe es die Hunderttausenden pflegenden Angehörigen, die berufstätig sind. Brysch forderte eine staatlich finanzierte Lohnersatzleistung für Pflegende ähnlich dem Elterngeld.

Der Sozialverband VdK dringt ebenfalls auf mehr Entlastung für Angehörige. Allerdings gebe es in vielen Regionen bereits ein Versorgungsproblem etwa bei der Kurzzeitpflege oder selbst bei der ambulanten Pflege, warnte VdK-Präsidentin Verena Bentele.

hei/AFP/dpa
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