Mysteriöses Beinkribbeln RLS Nightwalker wider Willen

Die Beine zucken nachts unter der Bettdecke. Sie kribbeln, sobald sie spätabends ein paar Minuten auf dem Sofa liegen. Wer am Restless Legs Syndrom leidet, kommt nur selten zur Ruhe. Neben Bewegung helfen Medikamente gegen die Beschwerden. Doch nicht alle sind gleich verträglich.
Gestörter Schlaf durch kribbelnde Beine: Immer dann, wenn man zur Ruhe kommt

Gestörter Schlaf durch kribbelnde Beine: Immer dann, wenn man zur Ruhe kommt

Foto: Corbis

Jeden Abend wartete dieselbe Qual. Kaum lag Hilde Krüger* im Bett, fingen ihre Beine an zu kribbeln und zu brennen. Auch wenn sie noch so müde war blieb ihr keine Wahl. Sie musste aufstehen und herumlaufen. "Durch die Bewegung wurde es wieder besser", erzählt sie. Manchmal reichten wenige Minuten, manchmal brauchte es eine endlose Stunde. Mitunter schreckte sie mitten in der Nacht wieder hoch und spürte, wie ihre Muskeln unter der Bettdecke zucken. "Am nächsten Morgen war ich oft völlig gerädert", sagt sie.

Die knapp 50-jährige Frau fand Hilfe bei einem Neurologen in der nächstgelegenen größeren Stadt: Er diagnostizierte das Restless Legs Syndrom (RLS). Die Beine der Betroffenen zucken, schmerzen, kribbeln oder ziehen, sobald sie zur Ruhe kommen. Schätzungsweise zwei Millionen Menschen - mehr Frauen als Männer - in Deutschland leiden an der neurologischen Erkrankung. Auch ein bis zwei Prozent der Schulkinder sind betroffen. Nicht immer erkennen Eltern und Ärzte das Problem - mitunter werden die Beschwerden bei Kindern auf eine Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung (ADHS) geschoben.

"Im Nachhinein ist mir bewusst geworden, dass ich wahrscheinlich schon als Kind RLS hatte. Damals hieß es immer, das sind Wachstumsschmerzen", sagt Krüger. Im Erwachsenenalter verschlimmerten sich die Beschwerden allmählich. Im Bett, im Konzertsaal, im Kino, bei längeren Autofahrten oder Langstreckenflügen - immer wieder spürte sie das unangenehme Kribbeln. Hilde Krüger begann, ruhige Situationen zu meiden. Ihre Lebensqualität litt.

Medikamente können die Beschwerden lindern

Heute ist sie nicht nur froh, dass ihre Beschwerden endlich einen Namen haben. Sie nimmt auch Medikamente, die ihr ruhige Stunden verschaffen. Früher behandelten die Ärzte RLS vor allem mit dem Parkinsonmedikament Levodopa, kurz L-Dopa. Dabei handelt es sich um eine Vorstufe des Nervenbotenstoffs Dopamin. Seit 2006 sind zudem Dopaminagonisten zugelassen, die eine ähnliche Wirkung auf das Nervensystem haben wie Dopamin.

Wie wichtig diese Alternative zu L-Dopa ist, zeigte jüngst eine Übersichtsstudie im Fachmagazin JAMA . Für ihre Untersuchung hatten die Forscher 29 Studien zur Behandlung vom RLS ausgewertet. Demnach wirken Dopaminagonisten und sogenannte Kalziumkanalblocker, zu denen die Antiepileptika Gabapentin und Pregabalin zählen, stärker als Placebos. Sie steigern die Lebensqualität und verbessern den Schlaf, schließen die Forscher aus ihrer Untersuchung.

Zwar kann es bei beiden Therapieformen zu Nebenwirkungen kommen. Bei Dopaminagonisten drohen vor allem Übelkeit, Schläfrigkeit und Erbrechen; bei den Kalziumkanalblockern sind auch Schwindelgefühle und Unruhe möglich, wenn die Dosis zu schnell gesteigert wird. Im Vergleich zu L-Dopa haben beide jedoch einen entscheidenden Vorteil: Sie führen seltener zur Augmentation - einem Zustand, bei dem sich die Beschwerden verschlimmern und früher im Tagesverlauf auftreten oder sich auf weitere Körperteile wie die Arme ausweiten.

Ein Spaziergang am Abend kann helfen

Wer nur geringe Mengen nimmt, verträgt in der Regel auch L-Dopa gut und profitiert von der Wirkung. "Aber insbesondere Patienten mit schweren RLS-Symptomen tendieren dazu, die Dosis von Levodopa über die tägliche Gesamtdosis von maximal 200 bis 300 Milligramm hinaus zu steigern. Und dann kann es zu einer Augmentation kommen, insbesondere dann, wenn der Wert des Eisenspeicherproteins Ferritin niedrig ist", warnt Jörn-Peter Sieb, Chefarzt der Neurologischen Klinik am Helios Hanseklinikum Stralsund und Autor des Buches "Restless Legs: Wirksame Hilfe bei unruhigen Beinen".

"Zu L-Dopa raten wir heute nur bei gelegentlicher Einnahme, zum Beispiel vor einem Konzertbesuch, auch wenn L-Dopa sehr gut wirkt", sagt der Neurologe weiter. Neben den genannten Medikamenten gibt es noch eine Reihe weiterer, die bei der Erkrankung helfen. RLS gilt insgesamt als gut behandelbar. Haben Patienten nur leichte Beschwerden, arrangieren sich allerdings auch viele mit der Krankheit und verändern ihre Lebensgewohnheiten entsprechend. So kann etwa ein Spaziergang am Abend helfen, den Beschwerden vorzubeugen.

Grundsätzlich kann RLS in jedem Alter auftreten, meist beginnen die Probleme allerdings in einem Alter zwischen 30 und 50 Jahren. Die Diagnose basiert vor allem auf dem Beschwerdebild. "Ganz typisch ist, dass Bewegung die Beschwerden lindert", sagt Sieb. Ebenfalls helfen kann eine Test-Behandlung: Bei etwa 85 Prozent der RLS-Patienten verbessern niedrige Dosen Levodopa die Symptome innerhalb weniger Stunden. Reagieren die Betroffenen nicht auf das Medikament, sollte der Arzt die Diagnose überdenken.

*Name von der Reaktion geändert
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