Patientensicherheit Wenn der Arzt einen Fehler macht

Mehr als 2200 Behandlungsfehler haben die Ärztekammern für das Jahr 2013 bestätigt. Die Ärzteschaft stellt sich ein gutes Zeugnis aus. Sozialverbände und Politiker haben jedoch Zweifel.

Operation: Die meisten Gutachten betrafen Unfallchirurgen und Orthopäden, gefolgt von anderen Chirurgen und Internisten
DPA

Operation: Die meisten Gutachten betrafen Unfallchirurgen und Orthopäden, gefolgt von anderen Chirurgen und Internisten


Berlin - Auf ein Wort reagieren Vertreter von Deutschlands Medizinern allergisch: Ärztepfusch. Das macht der Vorsitzende der Gutachterkommissionen der Mediziner, Andreas Crusius, bei der Präsentation der neuen Fehlerstatistik klar: "Wir Ärzte machen Fehler, wir sind aber keine Pfuscher."

Trotz immer mehr Behandlungen in einer älter werdenden Gesellschaft sind die von den Gutachtern der Ärzteschaft anerkannten Fehler 2013 leicht auf 2243 zurückgegangen. 77 Menschen starben durch diese Fehler, etwas weniger als im Vorjahr. Bei einer Operation an Knie, Hüfte oder Sprunggelenk werden Patienten besonders häufig Opfer von Fehlern. Rund drei Viertel der geprüften Behandlungen betrafen Krankenhäuser, der Rest Praxisärzte.

Die Ärzte sehen es so: Krankenkassen wie die AOK, die vor Risiken in Kliniken warnen, wollten Stimmung gegen die Ärzte machen. Die Mediziner selbst aber machten fast alles richtig - und mit den Fehlern, die trotzdem passieren, halten sie nicht hinterm Berg.

Ist das so? Tatsächlich gibt es Anstrengungen in vielen Krankenhäusern im Kampf gegen Fehler. Der Vorsitzende der norddeutschen Schlichtungsstelle, Walter Schaffartzik, berichtet davon, dass Kliniken mit auffälligen Problemen von Expertengruppen aus anderen Häusern besucht werden. Im Internet sind brenzlige Situationen und Fehler dokumentiert, die das Klinik-Personal anonym meldet - zum Zweck des Lernens. Auch Fälle aus der Arbeit der Gutachterkommissionen der Ärzteschaft sind öffentlich. Sie können bei der Lektüre teils erschrecken.

Infektion nach Injektion

Zwei Beispiele: Ein 67-jähriger Patient hatte nach einer längeren Gehstrecke einen Muskelfaserriss. Ein Schmerzmittel brachte keine Besserung. Ein Chirurg spritzte örtlich ein Betäubungsmittel. Es kam zu einer Infektion und einer Entzündung. Ein erwogener Eingriff blieb aus. Ergebnis: eine Dauerschädigung mit eingeschränkter Beweglichkeit. Die Gutachter: Es sei nicht mehr nachprüfbar, ob es bei der Injektion an Hygiene mangelte. Der Arzt habe aber die falsche Therapie gewählt. Eine bessere Schmerzbehandlung und ein Muskelaufbau mit Training wären die richtige Wahl gewesen - und hätten nach drei bis vier Monaten eine volle Genesung gebracht.

Eine 47-jährige Frau ging wegen einer Schwellung im Bereich der linken Hüfte zu einem niedergelassenen Chirurgen, der einen Weichteiltumor feststellte. Der Arzt operierte. Er entfernte flüssige und feste Bestandteile, wenn auch nicht vollständig, ließ das Gewebe aber nicht untersuchen. Erst nachdem die Wunde nach fünf Wochen nicht verheilt war, wurde Gewebe ins Labor geschickt - Ergebnis: ein bösartiger Tumor, der bereits eine Lungenmetastase nach sich gezogen hatte. Die Gutachter gaben der Frau recht: Der Arzt hätte schon vor der OP Verdacht auf den bösartigen Tumor haben und den Weg für eine andere Behandlung ebnen müssen. Auch hätte er, wenn er schon operiert, das entfernte Material zur Untersuchung geben lassen müsse.

Register gefordert

Der Berliner Patientenanwalt Frank Teipel weist den Verdacht zurück, die ärztlichen Gutachter wollten den begutachteten Ärzten möglichst wenig vorwerfen. Die Expertisen seien meist gut, meint der Anwalt. Auch andere Experten haben daran nicht viel zu meckern - doch für sie ist in Klinik und Praxis trotzdem nicht alles in Ordnung.

Die Deutsche Stiftung Patientenschutz fordert ein Register für die Behandlungsfehler - wie viele davon es gibt, weiß heute niemand. Die Grünen vermissen eine Verpflichtung für die Kliniken, bestehende Ansätze gegen Fehler wirklich anzuwenden. Wo dies gemacht wird und wo nicht, ist heute weitgehend im Dunkeln. Der Sozialverband VdK macht sich für einen unabhängigen Entschädigungsfonds stark: Dann könne auch Patienten geholfen werden, die Beschwerden über die bisher offenstehende Wege bei Gericht, Krankenkassen oder Ärztestellen scheuen. "Und solange die Beweislast bei den Betroffenen liegt", sagt Linke-Gesundheitsexpertin Kathrin Vogler, "ist es auch nicht verwunderlich, dass sie dort selten Recht bekommen."

Der medizinische Dienst der Krankenkassen hat seine Statistik bereits vorgelegt: Er erstellte 2013 rund 14.600 Gutachten wegen Verdachts auf Fehler. Knapp 3700 Mal wurde der Verdacht bestätigt. Wie viele Patienten sich direkt an die Gerichte wenden, wird nicht gezählt. Insgesamt gebe es geschätzt pro Jahr rund 40.000 Anträge von Patienten, die einen Fehler vermuten, sagte der Chef der Gutachtergremien, Andreas Crusius.

Basil Wegener, dpa

insgesamt 2 Beiträge
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querdenker1234 23.06.2014
1. Gerade die AOK...
trägt bei Behandlungsfehlern eine große Schuld. Gerade sie zahlt Krankenhäusern die Rechnungen nicht oder unvollständig, setzt damit Personalabteilungen unter Druck und die Ärzte/Schwestern unter Zeitdruck. Gerade die AOK ist hauptverantwortlich dafür, dass für Patientenbehandlungen beim Arzt nur noch Mini-Sparbudgets pro Quartal zur Verfügung stehen. Med.Qualität braucht vor allem ZEIT und Zeit kostet Geld. Die AOK will mittels Dumpingzahlungen mit ihrer Macht Krankenhäuser, Ärzte und Pflegekräfte ausbeuten und spart -mittelbar- rücksichtslos an der Versorgung ihrer Versicherten. Bin gespannt, ob die AOK auch guter Werbekunde des Spiegels ist...
kuschl 24.06.2014
2. Arzt und Verwaltung
Natürlich werden Fehler gemacht, passiert in jedem Beruf und ist menschlich. Wenn ich sehe, was im Baugewerbe oder in Autowerkstätten herumgepfuscht wird, so erwarte ich auch in der Medizin nichts anderes, nur da sind die Konsequenzen größer, weil u.U. ein Fall für die Staatsanwälte. Solange die Krankenhäuser immer mehr von BWLern regiert werden, die den ärztlichen Bereich und die Plegebereiche immer mehr "verschlanken", wird sich an der Problematik nichts ändern. Ich kenne einige Chefärzte, die unter den heutigen Umständen diesen Job nicht mehr antreten würden.
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