Patientensicherheit Wie Ärzte aus Fehlern lernen können

Das falsche Knie, fehlende Laborwerte, eine zu hohe Dosis: Viele Behandlungsfehler könnten vermieden werden. Ein aktueller Bericht zeigt, dass Verdachtsfälle zunehmen. Doch wie können Ärzte aus ihren Fehlern lernen?

Arzt mit Stethoskop: "Wer hat Schuld?" ist eine heikle Frage
DPA

Arzt mit Stethoskop: "Wer hat Schuld?" ist eine heikle Frage


"Wer hat Schuld?" ist eine heikle Frage. Eine, die die Aufdeckung von Behandlungsfehlern in Kliniken und Arztpraxen über Jahre behindert hat - und auch heute noch behindert. Da niemand gerne schuld ist, liegt Vertuschen und Verschweigen nahe. Hilfreicher, sagt Stefan Gronemeyer, leitender Arzt des Medizinischen Dienstes des Krankenkassen-Spitzenverbands (MDS), wäre jedoch vielmehr die Frage: "Was können wir aus Fehlern lernen?" Viele Probleme entstünden aus einer Verkettung vieler kleiner und oft vermeidbarer Fehler.

Kleine Fehler - große Wirkung. Insgesamt rund 3700 Mal erkannten die Prüfer des Medizinischen Diensts der Krankenversicherungen (MDK), dessen Jahresstatistik zu Behandlungsfehlern jetzt in Berlin veröffentlicht wurde, bei ihren 14.600 Gutachten im vergangenen Jahr einen Fehler an - allein 1065 Mal nach einem orthopädischen oder unfallchirurgischen Eingriff und 556 Mal im Bereich der Chirurgie. Einzelfälle aus der Arbeit der Gutachter im Kassen-Auftrag zeigen das Ausmaß für die Betroffenen und die Möglichkeiten zur Abhilfe.

Beispiel Kniespiegelung: Bei einem Patienten Mitte 20 wollten die Knieschmerzen einfach nicht aufhören. Eine Spiegelung des betroffenen Kniegelenks sollte helfen. Doch im Krankenhaus wurde das falsche Knie gewaschen, vorbereitet - und gespiegelt. Noch im Operationssaal merkten die Ärzte, was los ist, und operieren das richtige Knie. Doch in Folge des Fehlers hatte der junge Mann nun länger anhaltend Schmerzen am zuvor gesunden Knie.

Beispiel Darmspiegelung: Eine Frau Anfang 50 litt bereits seit Längerem unter Verstopfung, Übelkeit, Erbrechen und Schluckauf. Um die Ursache herauszufinden, wurde ambulant eine kombinierte Magen- und Darmspiegelung vorgenommen. Die Frau erhielt dazu ein starkes Beruhigungsmittel. Doch wegen einer Überdosierung kam es zum Atemstillstand. Die erforderliche Beatmung gestaltete sich schwierig und gelang dem Gastroenterologen nicht ausreichend erfolgreich - wegen des Sauerstoffmangels blieb das Gehirn geschädigt.

Beispiel Herz-OP: Eine Patientin Anfang 70 sollte an der Herzklappe operiert werden. Die Frau litt zugleich an einer depressiven Störung, die mit Lithium behandelt wurde. Nach der Operation geriet sie in einen Verwirrtheitszustand, der sich bis zur Bewusstseinstrübung steigerte. Sie fiel ins Koma. Erst nach Tagen wurden die Blutwerte der Frau im Labor bestimmt - und festgestellt, dass eine starke Unterfunktion der Schilddrüse sie ins Koma fallen ließ. Diese konnte durch das Lithium mitverursacht worden sein. Die Frau erlitt einen schweren Hirnschaden - ein Schilddrüsenmedikament hätte gereicht.

Beispiel Armbruch: Ein Schulkind bekam nach dem Bruch des Oberarms einen Gips. In der Nachkontrolle des eingegipsten Armes wurde eine zu starke Fehlstellung des Bruches festgestellt, die jedoch so belassen wurde. Entsprechend schief verheilte der Arm. Der junge Patient erlitt dadurch eine dauerhafte Einschränkung seiner Beweglichkeit.

Zwar bewege sich die Zahl der Behandlungsfehler angesichts von jährlich fast 700 Millionen Behandlungsfällen im Promillebereich, sagt Frank-Ulrich Montgomery, Präsident der Bundesärztekammer. Gleichwohl ist jeder tragische Fall einer zu viel. Im Fall des Jungen etwa stellt sich auch Laien sofort die Frage: Warum wurde der Arm nicht noch einmal anders eingegipst?

Auch bei den anderen genannten Fällen wäre es nicht schwer gewesen, die Fehler zu vermeiden. So gibt es gegen eine Verwechslung der Körperseiten im OP Vorgaben, dass die zu operierende Stelle beim wachen Patienten markiert werden soll. Dieser kann rechtzeitig Alarm schlagen. Checklisten sollen verhindern, dass Ursachen von Leiden übersehen werden. So kann es durchaus vorkommen, dass gerade ältere Patienten nach einem Eingriff verwirrt sind - doch eine Unterfunktion der Schilddrüse müsste den Ärzten eigentlich auffallen, meinen die Kassen-Prüfer. Wenn die Gutachter einen Behandlungsfehler feststellen, wächst die Chance der Patienten auf Schadenersatz.

Trainings, kritisches Hinterfragen der Medikamente, die Möglichkeit zur anonymen Fehlermeldung oder Hand-Hygiene gegen Klinikinfektionen zählen zu den Forderungen für mehr Patientensicherheit. "In den vergangenen fast zehn Jahren hat sich eine ganze Menge bewegt", sagt AOK-Vorstand Uwe Deh.

Doch Experten wie der Geschäftsführer des Aktionsbündnisses Patientensicherheit, Hardy Müller, kritisieren auch: Es gibt weder einen aktuellen Überblick darüber, was in den einzelnen Häusern zur Fehlervermeidung tatsächlich umgesetzt ist. Noch weiß man, wie oft Patienten jedes Jahr wirklich zu Opfern in Klinik oder Praxis werden. Umfassende Register, mit deren Hilfe auch Lehren gezogen werden könnten, gibt es nicht.

Basil Wegener, dpa

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Emil Peisker 06.05.2014
1. können Ärzte aus ihren Fehlern lernen?
Zitat von sysopGetty ImagesDas falsche Knie, fehlende Laborwerte, eine zu hohe Dosis: Viele Behandlungsfehler könnten vermieden werden. Ein aktueller Bericht zeigt, dass Verdachtsfälle zunehmen. Doch wie können Ärzte aus ihren Fehlern lernen? http://www.spiegel.de/gesundheit/diagnose/behandlungsfehler-wie-aerzte-aus-den-fehlern-lernen-koennen-a-967903.html
Mittelhandknochen gebrochen, schräger Bruch, unterbliebene Richtigstellung des Bruchs, dadurch Verkürzung des Mittelhandknochens. Nach Feststellung des Problems durch einen anderen Chirurgen, meinte der Produzent des Kunstfehlers: "Sie werden doch bald 60 Jahre, da würde ich ihnen von einer chirurgischen Korrektur abraten. Außerdem arbeiten sie doch nicht körperlich, da ist diese geringe Fehlstellung doch nicht so erheblich" Bei einer Krümmung des Mittelfingers kann ich nun das letzte Fingerglied nicht mehr Richtung Handfläche beugen. Auch beim Schreiben (Tastatur) stört diese Behinderung. Auf meine Frage, warum er den Bruch nicht gerichtet habe, kam die lakonische Antwort, dass er es vergessen hätte, da an dem Tag viel zu tun gewesen wäre. Mein Problem ist sicher ein unbedeutender. Einer Cousine wurde vor einigen Jahren bei einer Magenspiegelung die Magenwand durchstossen. Die vorgebrachten Klagen über Schmerzen wurden vom Arzt auf dem Helikobakter geschoben. Nach 3 Tagen war die Frau tot. Diese Art Kunstfehler und deren nicht erfolgende Behandlung sind "nicht hinnehmbar". Hier müssen Freiheitsstrafen her, damit die Ignoranten an ihre Sorgfaltspflicht erinnert werden.
didi2212 06.05.2014
2. Behandlungsfehler..
.... sind überwiegend auf mangelndes handwerkliches Geschick, Fehldiagnosen, oder falsches Handeln bei Komplikationen zurückzuführen. Als Privatpatient, der ja über die erbrachte Leistungen und Gebühren Einblick hat, stelle ich fest, dass der Abrechnungsbetrug ein nicht minder großes Problem darstellt. Da werden nach der Gebührenordnung Positionen gelistet, die nie erbracht wurden. Wenn die Krankenkasse die Erstattung verweigert, trete ich denen auf die Füße und es folgt immer das gleiche Spiel - entweder eine Entschuldigung oder sie ändern die Gebührenziffer, die für diese Krankheit passt. Manche sagen auch schon mal, um den Patienten nicht zu verlieren, "Zahlen sie nur, was ihnen die Kasse erstattet hat. " Bei "Wiederholungstäter" , auch wenn ich den Eigenanteil erstattet bekomme, gehe ich grundsätzlich zu einem anderen Arzt. Nach 40 Jahren muss ich feststellen, dass überwiegend Fachärzte rustikale Rechnungen erstellen und sich solche Fälle in den letzten Jahren häufen.
Wolverine 06.05.2014
3. optional
Bevor jetzt wieder die ganzen Anschuldigungen gegen Ärzte losgehen, bitte ich mal alle eines zu bedenken. Irren ist absolut menschlich und passiert in allen Berufgruppen. Der Unterschied ist lediglich, dass die Fehler der Automechaniker oder Klempner meist ohne Probleme korrigiert werden können. Dass Ärzte Fehler machen ist natürlich tragisch aber nicht zu verhindern. Ich denke in keinem anderen Beruf wird so viel daran gearbeitet, dass weniger Fehler passieren. Aber während LKW Fahrer gesetzliche Ruhezeiten einhalten muss, kümmert es niemanden wie es dabei um Ärzte bestellt ist. Es existieren immer noch 24 Stunden Schichten. Wen wundert es denn, dass der Chirurg um 3 Uhr nachts nicht mehr voll konzentriert arbeiten kann?? Wenn dann das Op-Ergebnis nicht zu 100% stimmt, wird wieder von ''Kunstfehlern'' gesprochen. Kein Arzt macht absichtlich Fehler! Sie liegen in der großen Belastung und der unglaublichen komplexität des medizinischen Alltags begründet. Und jeder der jetzt auf Ärzte schimpft, sollte sich mal selbst fragen, wann ihm der letzte Fehler unterlaufen ist.....
lotoseater 06.05.2014
4.
Zitat von WolverineBevor jetzt wieder die ganzen Anschuldigungen gegen Ärzte losgehen, bitte ich mal alle eines zu bedenken. Irren ist absolut menschlich und passiert in allen Berufgruppen. Der Unterschied ist lediglich, dass die Fehler der Automechaniker oder Klempner meist ohne Probleme korrigiert werden können. Dass Ärzte Fehler machen ist natürlich tragisch aber nicht zu verhindern. Ich denke in keinem anderen Beruf wird so viel daran gearbeitet, dass weniger Fehler passieren. Aber während LKW Fahrer gesetzliche Ruhezeiten einhalten muss, kümmert es niemanden wie es dabei um Ärzte bestellt ist. Es existieren immer noch 24 Stunden Schichten. Wen wundert es denn, dass der Chirurg um 3 Uhr nachts nicht mehr voll konzentriert arbeiten kann?? Wenn dann das Op-Ergebnis nicht zu 100% stimmt, wird wieder von ''Kunstfehlern'' gesprochen. Kein Arzt macht absichtlich Fehler! Sie liegen in der großen Belastung und der unglaublichen komplexität des medizinischen Alltags begründet. Und jeder der jetzt auf Ärzte schimpft, sollte sich mal selbst fragen, wann ihm der letzte Fehler unterlaufen ist.....
Die Fehldiagnosen und Fehlbehandlungen, die an mir und meinen Familienmitgliedern in den letzten Jahren begangen wurden, kamen allesamt nicht nachts um 3 vom übermüdeten Chirurgen zustande, sondern nachmittags um 3 vom ahnungslosen Allgemeinmediziner. In mehreren Fällen durfte der Chirurg allerdings die Kunstfehler wieder "ausbessern". Danke, lieber Chirurg! Was ich den betreffenden Allgemeinmedizinern an den Hals wünsche, behalte ich dagegen lieber für mich... Mir ist der letzte Fehler vor einem Jahr unterlaufen, er hat mich meinen letzten Jahresbonus gekostet. Dabei hat das der Firma noch nicht mal Geld gekostet, lediglich ne Kennzahl versaut.
wpstier 06.05.2014
5. Wir sollen alle nur bei wirklich ..
.. notwendigen Fällen zum Arzt gehen. Dann wären die Ärzte etwas entlastet und hätten mehr Zeit für die Problemfälle. So, aber ist es in deutschen Praxen, als ob dort ein Ausflugsziel vorhanden ist. Die Wehleidigen bekommen dann noch die Möglichkeit zum Facharzt und werden zudem die OP-Termine auslasten. Unnötig operiert und gepflegt, aber mit schönen Stories aus dem OP und der Pflege. Die echten Kranken sind zwangsläufig vernachlässigt. Und alles zahlt das Solidarsystem und die Fehlerquote wird hoch und höher.
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