Bewertung etablierter Medikamente Arzneimittelkommission appelliert an neue Regierung

Die Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft übt scharfe Kritik an der neuen Regierung: Eigentlich sollten bereits auf dem Markt befindliche Medikamente auf ihren Nutzen geprüft werden, das soll nun gestoppt werden. Das schade nicht nur Patienten.
Zu viele Pillen im Regal: Der sogenannte Bestandsmarktaufruf sollte Medikamente auf ihren Nutzen prüfen

Zu viele Pillen im Regal: Der sogenannte Bestandsmarktaufruf sollte Medikamente auf ihren Nutzen prüfen

Foto: Oliver Berg/ picture alliance / dpa

Berlin - Der Onkologe Wolf-Dieter Ludwig ist bekannt für klare Worte. Nun hat der Vorsitzende der Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft (AkdÄ) die Bundesregierung eindringlich dazu aufgefordert, am sogenannten Bestandsmarktaufruf für Arzneimittel festzuhalten und den Nutzen etablierter Medikamente neu zu prüfen. "Die Nutzenbewertung für bereits auf dem Markt befindliche Arzneimittel ist für eine qualitativ hochwertige und wirtschaftliche Arzneimittelversorgung unentbehrlich", sagte Ludwig jetzt auf einer Tagung in Berlin.

Bislang kann der Gemeinsame Bundesausschuss (G-BA), das mächtigste Gremium von Ärzten, Kassen und Krankenhäusern, nicht nur neu entwickelte Arzneimittel auf deren Nutzen untersuchen lassen; geplant war auch, Wirkstoffe erneut zu überprüfen, die bereits vor dem 1. Januar 2011 zugelassen wurden. Nach dem Koalitionsvertrag der schwarz-roten Bundesregierung soll dies künftig nicht mehr möglich sein - dabei hatte es bereits eine Liste des G-BA für 25 Wirkstoffe gegeben, die bewertet werden sollten.

Wie sinnvoll derartige Prüfungen sein können, zeigt laut Ludwig eine bereits absolvierte Bewertung der sogenannten Gliptine, neuartiger Medikamente zur Behandlung von Diabetes Mellitus Typ 2. Nur bei zwei der auf dem Markt befindlichen Wirkstoffe gab es Hinweise auf einen "geringen Zusatznutzen" gegenüber der Standardtherapie. "Bedenkt man, dass die Gliptine etwa zehnfach teurer sind und ihre Verordnungszahlen rasant steigen, wird die potentielle Bedeutung des Verfahrens auch für die Kostenentwicklung deutlich", sagte Ludwig. Das Verfahren wieder zu beenden, bevor es richtig begonnen hatte, konterkariere die Zielsetzung einer rationalen Arzneimittelversorgung. Das erschwere die unabhängige Information von Ärzten und Patienten.

"Wir reiten ein totes Pferd"

Josef Hecken, Chef des G-BA, verteidigt hingegen seinen Entschluss, keine Bestandsmarktbewertung durchzuführen, so wie es jetzt auch im Koalitionsvertrag steht. Er sei nicht vor der Pharmaindustrie eingeknickt, er sei einfach pragmatisch, erklärt er jetzt im SPIEGEL-Interview (3/2014). "Mir war klar, mit der Bewertung von älteren Arzneimitteln reiten wir ein totes Pferd."

Das Landgericht Berlin-Brandenburg habe in einem Prozess gegen Novartis bereits angedeutet, dass eine Pharmafirma unter Umständen gegen den G-BA klagen könnte, wenn einer ihrer Blockbuster bei einer Überprüfung schlecht abschneidet. "Meine Rechtsabteilung wäre jahrelang mit Prozessen beschäftigt. Es gibt Wichtigeres zu tun", sagt Hecken. In fünf Jahren seien die meisten Patente dieser Mittel doch sowieso abgelaufen.

Preisverhandlungen: So funktioniert das Amnog (für Großansicht klicken)

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Foto: SPIEGEL ONLINE

Im Jahr 2010 war das Arzneimittelmarktneuordnungsgesetz (Amnog) gestartet. Es erlaubt dem G-BA prinzipiell, den Nutzen älterer Präparate, des sogenannten Bestandsmarkts, zu bewerten. Anschließend werden die Preise verhandelt (siehe Grafik). Der aktuelle Gesetzentwurf sieht jedoch vor, dass die Nutzenbewertung von Arzneimitteln im Bestandsmarkt rückwirkend zum 1. Januar 2014 beendet wird. Da die endgültige Verabschiedung dieses Gesetzes wahrscheinlich ist, werden die beim G-BA laufenden Verfahren vom April 2013 und vom November 2013 mit sofortiger Wirkung vorläufig ausgesetzt, erklärt ein Sprecher des Gemeinsamen Bundesausschusses.

Die Verfahren, die der G-BA bereits komplett abgeschlossen habe, also zu vier verschiedenen Gliptinen, bleiben von den Plänen zur Einstellung unberührt. Ihre Ergebnisse wurden bereits zur Preisverhandlung an den GKV-Spitzenverband übergeben.

nik
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