Badegewässer So gesundheitsschädlich sind Blaualgen

Der Hitzesommer 2018 führte zu einer Rekordzahl von Badeverboten wegen Blaualgen, auch in diesem Jahr schritten erste Landesämter ein. Ein starker Befall durch Cyanobakterien lässt sich auf dem Wasser leicht erkennen.

Blaualge Im Naherholungsgebiet Mainauen: "Ideale Voraussetzungen für das Bakterienwachstum"
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Blaualge Im Naherholungsgebiet Mainauen: "Ideale Voraussetzungen für das Bakterienwachstum"

Von Christine Leitner


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Vor zwei Wochen hatte ein Satellitenbild der Ostsee für Aufregung gesorgt: Es zeigt einen Algenteppich, der sich zwischen Schweden, Estland, Lettland und Litauen gebildet hatte. An den Kreidefelsen vor Rügen sei ein Teil des Algenteppichs bereits angespült worden, schrieben unter anderem "Nordkurier" und "Hamburger Morgenpost". Die Blaualgen hätten somit auch die Kieler und die Pommersche Bucht erreicht .

Schnell stellte sich heraus: Die Meldungen waren Fehlalarm. "In den Medien ist die Nachricht hochgekocht ohne jeglichen Anlass", sagt Anja Neutzling vom Landesamt für Gesundheit und Soziales in Mecklenburg-Vorpommern. Weder in Schleswig-Holstein, noch in Mecklenburg-Vorpommern lagen den Landesämtern solche Meldungen vor. Der Blaualgen-Teppich habe die norddeutsche Küste nicht erreicht. Dass Blaualgen zur Sommerzeit in der Ostsee vorkommen, sei normal, so Neutzling. Badegäste konnten ihren Strandurlaub wie geplant antreten.

Badeverbote gab es 2019 bislang selten

Anders sieht es dagegen bei den deutschen Binnengewässern aus, dort ist die Gefahr durch Blaualgen größer. In den meisten Fällen beschränken sich die zuständigen Behörden und Ämter allerdings darauf, lediglich Warnungen für Gewässer mit Blaualgenbefall auszusprechen. So hatte Niedersachsen im laufenden Jahr Warnungen für 19 Badestellen herausgegeben, in Brandenburg waren es neun.

Badeverbote gibt es dagegen eher selten. Das Landesamt in Schleswig-Holstein verhängte solche für sechs Seen, Niedersachen und Nordrhein-Westfalen beschränkten sich auf jeweils zwei Verbote. Damit dürfte die Gefahr in diesem Jahr geringer ausfallen als im vergangenen. 2018 hatten die Länder 47 Badeverbote wegen Blaualgen verhängt - eine Rekordzahl.

Blaualgen sind Bakterien, die aufgrund ihrer blaugrünen Farbe Cyanobakterien heißen. Grundsätzlich finden sie sich in jedem Ökosystem. "Das Vorhandensein der Cyanobakterien an sich ist noch kein Grund zur Beunruhigung", sagt Thomas Friedl, Algenforscher an der Universität Göttingen.

Dem Experten zufolge gehören die Cyanobakterien zu den ältesten Organismen der Erde. Sie sollen sogar die ersten Lebewesen gewesen sein, die Sauerstoff produzierten. Friedl bezeichnet sie deshalb als Pionierorganismen. Auch heute sind sie für die Umwelt sehr nützlich. Mit dem produzierten Sauerstoff versorgen sie beispielsweise Fische in den Gewässern. Sogar eine antibiotische Wirkung wird ihnen nachgesagt.

Ein Gesundheitsrisiko

Gesundheitsschädlich werden die Cyanobakterien allerdings, wenn sie sich massenhaft vermehren, also in voller "Wasserblüte" stehen. Die Giftstoffe (Toxine) der Bakterien können Haut- und Schleimreizungen sowie Bindehautentzündungen auslösen. Werden die giftigen Vertreter dieser Algen verschluckt, können sie Übelkeit und Erbrechen verursachen. Auch Fieber, Leberschäden oder Lähmungen der Atemmuskulatur sind möglich. Im schlimmsten Fall greifen sie sogar das Nervensystem an, so Dieter Hanelt, Biologe an der Universität Hamburg.

Schluckt ein Kleinkind große Mengen des verunreinigten Wassers, könne das sogar tödliche Folgen haben. Und auch für Haustiere besteht ein Risiko: Lecken sich Hunde die Blaualgen aus dem Fell oder fressen sie die angeschwemmten Überreste am Rand des Gewässers, können sie daran sterben.

Eine Gefahr für die Umwelt?

Cyanobakterien befinden sich während des gesamten Jahres in den Gewässern, im Winter halten sie allerdings eine Art Winterruhe. Richtig zu wachsen beginnen sie erst ab einer Temperatur von 10 Grad, so Hanelt. Sonnenschein und hohe Temperaturen wärmen die Gewässer - und schaffen damit ideale Voraussetzungen für das Bakterienwachstum. Auch der hohe Gehalt an Phosphor und Stickstoff begünstigt ihre Massenentwicklung. Kommt es zur "Blüte", treiben die Bakterien in Kolonien auf der Wasseroberfläche und ähneln damit einem Teppich. Der Wind zerstreut sie dann über das gesamte Gewässer.

Die Umwelt gefährden Cyanobakterien dann, wenn große Mengen an landwirtschaftlichen Abfallprodukten in den Gewässern landen und diese überdüngen. Kommt es nach der Massenvermehrung zu einem Massensterben der Bakterien, kippt das Ökosystem. Da es nun an Sauerstoff mangelt, sterben auch die Lebewesen im Wasser, die den Sauerstoff zum Leben brauchen.

Blaualgen erkennen und sich schützen

Besteht ein akuter Befall durch Cyanobakterien, können Badegäste dies anhand von grünen Schlieren und getrübtem Wasser erkennen. Das Umweltbundesministerium rät: Wer bis zu den Knien im Wasser steht und seine Füße nicht mehr sehen kann, der sollte vom Baden in dem betroffenen Gewässer absehen. Urlauber und Gäste können sich zudem auf den Seiten der Behörden im Internet informieren. Ist die Bedrohung durch Blaualgen akut, weisen entsprechende Schilder an den Gewässern auf die Gefahr hin.

Einmal im Monat überprüfen die Gesundheitsbehörden der Länder die Gewässer auf fäkale Verunreinigung. Während der Blütezeit der Blaualgen werden die Gewässer gleichzeitig auf die giftigen Bakterien überprüft und entsprechend Warnungen oder Badeverbote verhängt.

Zusammengefasst: Blaualgen sind Cyanobakterien, die Forscher grundsätzlich als harmlos einstufen. Allerdings können die Giftstoffe (Toxine) der Cyanobakterien in großen Mengen gesundheitsschädlich sein. Badegäste sollten sich deshalb auf den Internetseiten der zuständigen Behörden informieren. Bei Trübungen des Wassers oder grünen Schlieren rät das Umweltbundesministerium, aufs Baden zu verzichten.

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