Bewegung, Grüntee, Meditation Blutdruck senken - ohne Medikamente

Wer unter Bluthochdruck leidet, kann auch ohne Medikamente gegensteuern: Bewegung, eine gesunde Ernährung oder alternative Methoden wie Akupunktur werden empfohlen. Was hilft wirklich? Ein Überblick.
Blutdruckmessung: Zu hoher Druck ist eine Risikofaktor für einen Herzinfarkt

Blutdruckmessung: Zu hoher Druck ist eine Risikofaktor für einen Herzinfarkt

Foto: Jochen Lübke/ picture-alliance/ dpa

Bluthochdruck spürt man nicht, jahrzehntelang bereitet er keine Beschwerden. Warum also Tabletten dagegen schlucken? Tatsächlich ignorieren zwei von drei Patienten die Empfehlungen ihres Arztes und nehmen ihre Blutdrucksenker nicht regelmäßig , wie der Volkswirt Christian Schäfer von der Johannes-Gutenberg-Universität Mainz herausfand.

Liest man sich die Beipackzettel von Blutdruckmedikamenten durch, kann man es den Betroffenen kaum verdenken, dass sie lieber nicht zur Pille greifen: Von Herzstolpern ist da die Rede, kalten Händen und Füßen, Übelkeit und Verstopfung, Albträumen und depressiven Verstimmungen.

Insbesondere bei leichtem Bluthochdruck könne häufig auf Medikamente verzichtet werden, sagt Andreas Michalsen, Chefarzt der Abteilung Naturheilkunde im Immanuel-Krankenhaus in Berlin und Professor für Naturheilkunde der Charité.

Zuallererst empfiehlt er, wozu auch die europäische Leitlinie zur Behandlung von Bluthochdruck  rät: Mindestens 30 Minuten an fünf bis sieben Tagen der Woche sollten Betroffene spazieren gehen, schwimmen, Rad fahren oder joggen. So ein aerobes Ausdauertraining kann den oberen Blutdruckwert um 6,9 Millimeter Quecksilbersäule (mmHg) senken. Medikamente drücken den Wert um acht bis zehn Millimeter Quecksilbersäule.

Eine kürzlich veröffentlichte europaweite Studie  mit 334.161 Patienten zeigte: Selbst wenn Menschen sich nur etwas bewegen, also etwa jeden Tag 20 Minuten rasch gehen, ist ihr Risiko deutlich geringer, vorzeitig zu sterben. Die internationale Forschergruppe hat ausgerechnet, dass ein Mangel an Bewegung doppelt so viele Todesfälle verursacht wie Übergewicht. Von den europaweit 9,2 Millionen Todesfällen im Jahr 2008 wurden schätzungsweise 337.000 durch Übergewicht verursacht, dagegen aber 676.000 durch Bewegungsmangel.

Eine Untersuchung mit 9306 Teilnehmern  kam zum Schluss: Probanden, die 2000 Schritte pro Tag gingen, hatten ein um zehn Prozent geringeres Risiko, einen Herzinfarkt oder Schlaganfall zu erleiden oder daran zu sterben.

Die europäische Leitlinie rät weiterhin zu dem, was Hausärzte Rauchern und Übergewichtigen immer wieder sagen: mit dem Rauchen aufhören und abspecken. "Je mehr, desto besser - jedes Kilo, das man verliert, senkt den oberen Druckwert um zwei Millimeter Quecksilbersäule", sagt Thomas Lüscher, Chef-Kardiologe an der Uni-Klinik Zürich.

Schokolade braucht man sich nicht zu verkneifen

Gut belegt ist auch der positive Effekt einer mediterranen Ernährung - wie traditionell in Süditalien mit viel Gemüse und Obst, Olivenöl statt tierischen Fetten, kaum Fleisch und nur mäßig Alkohol. "Man muss nicht wie ein Mönch leben", sagt Michalsen. "Aber wenn man gestresst ist, ungesund isst und wenig Sport treibt, sind die Gefäße am Limit." Schlanke Menschen, die regelmäßig Sport treiben, bräuchten beim Essen weniger vorsichtig sein, ihre Gefäße seien gesünder. "Am besten wäre es, wenn man sich vegetarisch ernährt", sagt Michalsen, das senke den Blutdruck .

Immerhin: Schokolade müssen sich Bluthochdruck-Patienten nicht verkneifen. Die vor allem in dunkler Schokolade enthaltenen Inhaltsstoffe wie Epicatechin senken den Druck . "Epicatechin erhöht die Menge an Stickstoffmonoxid in den Blutgefäßen und senkt die Menge an Endothelin-1", erklärt Kardiologe Lüscher. "Dadurch stellen sich die Blutgefäße weit, und der Druck sinkt."

Ob man durch regelmäßigen Schoko-Genuss aber nicht wieder mehr Fett auf die Rippen bringt und der Effekt auf den Blutdruck gleich null ist, bleibt fraglich. Besser könnten andere blutdrucksenkende Nahrungsmittel sein wie Hibiskus- oder Grüntee, Rote-Bete-Saft, Soja-Nahrungsergänzungsmittel oder Olivenblätterextrakt.

Achtsam und entspannt

Wem das zu viel Grünzeug ist, kann es mit Akupunktur oder Entspannungstechniken versuchen, etwa Meditation, progressiver Muskelentspannung, Achtsamkeitstraining oder Yoga. "Dazu haben wir jetzt einige gute Ergebnisse", sagt Michalsen. Der Naturmediziner erforscht noch andere alternative Behandlungen wie UV-B-Strahlen und Vitamin D, Kneipp-Kuren, Sauna und Fasten.

Das Problem an den alternativen Methoden: Es ist bisher nicht geklärt, wie lange der blutdrucksenkende Effekt andauert. "Eine wirksame Therapie sollte den Druck nicht nur zu einem beliebigen Zeitpunkt senken, sondern auch langfristig Komplikationen vermeiden", sagt Michael Wolzt von der Bluthochdruck-Ambulanz am Allgemeinen Krankenhaus in Wien. Bei Medikamenten sei dies klar nachgewiesen. "Aber bei der Naturheilkunde haben wir keine Langzeitstudien mit solchen Ergebnissen."

Doch Michalsen erwidert, dass man bei Medikamenten anfangs auch nur gewusst habe, dass sie den Blutdruck senken können. "Erst später zeigten die großen Studien, dass man damit das Risiko für Herzinfarkte und Schlaganfälle senken kann." Er vermutet, dass es auch bei einigen naturheilkundlichen Verfahren so sei. "Wenn diese den Druck senken können, können sie auch Komplikationen vermeiden."

Kardiologe Lüscher aber warnt davor, es allein mit alternativen Methoden zu probieren. Abgesehen von der Änderung des Lebensstils solle man diese allenfalls ergänzend und nur in Absprache mit dem Arzt einsetzen. "Bei den Medikamenten kennen wir Wirkungen und Nebenwirkungen im Gegensatz zur Naturheilkunde genau und wissen, wie gut man damit Herzinfarkte und Schlaganfälle vermeiden kann", so Lüscher. Voraussetzung sei allerdings, dass der Patient die Tabletten auch nimmt.

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Foto: Felicitas Witte

Felicitas Witte fragt, bis selbst die besten Experten keine Antwort mehr haben. Die Ärztin und Journalistin prüft jede Studie auf Herz und Nieren und erklärt, was von angeblich bahnbrechenden neuen Therapien zu halten ist.

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