Bluterskandal Ohne das Geld müsste ich wieder zu meinen Eltern ziehen

Michael Diederichs hat sich als Kind durch ein verunreinigtes Blutkonzentrat mit HIV infiziert. Wie ihm erging es in den Achtzigern etwa 1500 Blutern in Deutschland. Die Betroffenen erhielten erst spät Hilfe - jetzt droht das Geld auszugehen.
Betroffener Michael Diederich: Als Kind über Blutpräparate mit HIV infiziert

Betroffener Michael Diederich: Als Kind über Blutpräparate mit HIV infiziert

Foto: Oliver Mehlis/ dpa

Zum Leid kam in Michael Diederichs Kindheit und Jugend die Ohnmacht. Über infiziertes Konzentrat, gewonnen aus menschlichem Blutplasma, steckte sich der Bluter als Kind mit dem Aids-Virus an. Es begannen Jahre des Schreckens, des Schmerzes, voller Desinformation und erzwungener Heimlichtuerei. Erst viel später wurden die Opfer des sogenannten Bluterskandals anerkannt und mit Hilfszahlungen aus einer Stiftung unterstützt.

Heute, rund 30 Jahre nach dem Skandal, droht der Stiftung zur Unterstützung der Opfer das Aus. Die Mittel reichten nur noch bis 2017, sagte der Vorsitzende des Rates der "Stiftung Humanitäre Hilfe für durch Blutprodukte HIV-infizierte Personen", Horst Schmidbauer. Man hatte nicht geglaubt, dass von den rund 1500 HIV-infizierten Hämophilen mehr als ein Viertel so lange überleben würde.

Derzeit erhalten noch rund 400 betroffene Bluter sowie 200 Angehörige Gelder der Stiftung. Die Hilfe beläuft sich auf 511 bis 1534 Euro im Monat. "Die Menschen brauchen ein Signal, dass sie auch nach 2017 weiter Hilfe bekommen", sagte die SPD-Abgeordnete Bärbel Bas, die dem Stiftungsrat angehört. Notwendig sind laut Schmidbauer eine Aufstockung der Mittel und ein neues Gesetz.

Die Eltern waren besorgt, die Ärzte winkten ab

Bei Hämophilie, einer Erbkrankheit, gerinnt das Blut nur langsam oder gar nicht. Die Betroffenen erhielten deshalb Gerinnungsfaktoren, die aus menschlichem Blutplasma gewonnen wurden. Dass die Konzentrate mit HI-Viren verunreinigt sein könnten, war den Behörden und Firmen schon Anfang der achtziger Jahre bekannt gewesen. Trotzdem wurden die Gefahren längere Zeit heruntergespielt, die Blutpräparate erst spät vom Markt genommen.

Viele Betroffene erhielten kaum Informationen und erfuhren zuerst von Fällen in Frankreich, zu ihnen gehörten auch Diederichs Eltern in Ulm. Sie erkundigten sich besorgt - doch die Ärzte sagten: keine Gefahr. Damals trug ihr Sohn bereits das HI-Virus in sich. Von der Infektion erfuhren Eltern und Kind jedoch erst, als Diederich zehn Jahre alt war. Auch das Hepatitis-C-Virus, mit dem Tausende Bluter auf demselben Weg infiziert wurden, gelangte als Kind in seinen Körper, diagnostiziert wurde es im Alter von 21 Jahren.

Erst verzögert nahm auch die Öffentlichkeit in Deutschland vom Bluterskandal Notiz, 1994 wurde das damalige Gesundheitsministerium unter dem Gesundheitsminister Horst Seehofer (CSU) aufgelöst. Diederich war gerade volljährig geworden, mit 17 war bei ihm Aids ausgebrochen, mit 21 gaben die Ärzte ihm noch ein Jahr zu leben. Dann brachten neue Medikamente eine Wende in der HIV-Therapie, mit seiner Gesundheit ging es überraschend bergauf.

Hilfszahlungen bis 2070 notwendig

Trotzdem ist der 38-Jährige heute auf die Hilfszahlungen aus der Stiftung angewiesen, die 1995 nach vielen Kämpfen gegründet wurde. Sonst könnte er seine Wohnung kaum halten und müsste wieder zu den Eltern ziehen, meint er. 100 Millionen D-Mark stellte der Bund der Stiftung anfangs zur Verfügung, 90,8 Millionen zahlten sechs Pharmafirmen, 9,2 Millionen die Blutspendedienste des Roten Kreuzes, 50 Millionen die Länder.

Ursprünglich wurde der Tod aller Betroffenen bis 1999 erwartet. Aufgrund der Fortschritte in der Aids-Therapie und weil die Kinder Betroffener bis zu ihrem 25. Lebensjahr Hilfe erhalten sollen, sind laut Robert Koch-Institut jetzt Mittel bis 2070 notwendig. Laut Hochrechnungen würden noch rund 260 Millionen Euro gebraucht, sagte der ehemalige SPD-Abgeordnete Schmidbauer.

Doch das Problem ist noch größer. "Auch für die Opfer, die an Hepatitis C (HC) erkrankt sind, sind Entschädigungen nötig", fordert Werner Kalnins, Vorsitzender der Deutschen Hämophiliegesellschaft. Laut Schmidbauer wären etwa 80 Prozent der HCV-Infektionen bei Bluterkrankten vermeidbar gewesen, wenn bei der Verwendung von Blutprodukten Richtlinien streng eingehalten worden wären. Rund 3000 mit dem HC-Virus infizierte Hämophile lebten noch, etwa 1500 seien gestorben, so Kalnins. Bislang bekämen nur jene Betroffenen, die auch HIV-infiziert seien, Leistungen aus der Stiftung.

"Für die Conterganstiftung hat der Bund nach langen Verhandlungen 120 Millionen Euro zur Verfügung gestellt", sagt die SPD-Abgeordnete Bas. "Wir müssen die Debatte nun ähnlich organisieren." Im Hintergrund liefen bereits zahlreiche Gespräche. "Auch die Länder, die Pharmaindustrie und das Rote Kreuz müssen sich beteiligen."

von Basil Wegener, dpa