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13. Dezember 2013, 12:10 Uhr

Bluthochdruck

"Unsere Lebensweise ist ein explosives Gemisch"

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Viele Patienten mit Bluthochdruck werden nicht oder nur unzureichend behandelt, kritisiert Kardiologe Florian Limbourg. Im Interview erklärt der Mediziner, was die Patienten selbst tun können. Auch junge Menschen sollten ihren Blutdruck regelmäßig überprüfen.

SPIEGEL ONLINE: Wie gut ist die aktuelle Bluthochdrucktherapie?

Limbourg: Derzeit wird ein Teil der Patienten nicht oder nur unzureichend behandelt. Ein Teil der Patienten weiß nicht, dass sie an Bluthochdruck leiden. Ein größeres Problem ist jedoch, dass Patienten trotz Therapie keine zufriedenstellende Blutdrucksenkung unter 140 zu 90 Millimeter Quecksilbersäule (mmHg) erreichen. Dies ist bei bis zu 50 Prozent der Patienten der Fall. Dabei wäre es möglich, dass bis zu 90 Prozent durch Lebensstilanpassung und Medikamente unter diesen Wert gelangen.

Bluthochdruck gehört zu den Erkrankungen, die keine Aufmerksamkeit genießen, weil sie sich lange Zeit nicht bemerkbar machen. Es fehlt mitunter das Bewusstsein, dass man auch selbst davon betroffen sein könnte. Das gilt gerade auch für jüngere Menschen, die zunehmend an Bluthochdruck leiden. Wenn der Patient dann Probleme bekommt beziehungsweise bemerkt, ist die Erkrankung leider schon fortgeschritten.

SPIEGEL ONLINE: Liegt es nur an den Patienten?

Limbourg: Nein, eine gute Blutdrucktherapie erfordert ein intensives Verhältnis zwischen Arzt und Patient - weil es eine langjährige Therapie ist - und eine gewisse Erziehung des Patienten. Dafür braucht der Arzt Zeit. Das bekommt er nicht annähernd von den Krankenkassen bezahlt. Das Arzt-Patientengespräch wird vom Gesetzgeber völlig unterschätzt. Viele Ärzte können es sich aus ökonomischen Gründen nicht leisten, sich mit dem einzelnen Patienten so lange zu beschäftigen, dass für diesen die Therapie optimal ist. Zumal ein Arzt zumeist viele Bluthochdruckpatienten zu betreuen hat. Die optimale Blutdruckeinstellung kommt da manchmal zu kurz. Wir haben es in einem speziellen Hypertoniezentrum einfacher und können uns umfassend um die Patienten kümmern.

SPIEGEL ONLINE: Warum tun sich Betroffene mit der Therapie anfangs schwer?

Limbourg: Die ersten Therapiewochen sind nicht einfach für den Bluthochdruckpatienten, denn viele brauchen einen hohen Blutdruck, um sich fit zu fühlen. Wird der Blutdruck dann medikamentös abgesenkt, fühlen sie sich erst einmal schlecht. Manchmal treten unangenehme Nebenwirkungen auf. Warum soll man Medikamente schlucken, wenn man sich dann schlechter fühlt? Der Arzt muss wissen, wie es dem Patienten mit einem Medikament ergeht, so dass er gegebenenfalls eine neue Medikamentenkombination zusammenstellen kann. Dafür muss er den Patienten erzählen lassen und genau zuhören. Hinzu kommt, dass manche Menschen Medikamente als reine Nebenwirkungsbringer sehen und sie nicht einnehmen wollen. Tatsache ist aber, dass die nach den Leitlinien empfohlenen Medikamente einen Schutzeffekt für das gesamte Gefäßsystem haben, und somit vor den Folgen Schlaganfall und Herz-oder Nierenversagen schützen.

SPIEGEL ONLINE: Wie ließe sich die Therapie verbessern?

Limbourg: Einmal, indem die Ärzte gute Medikamente möglichst intelligent kombinieren und zwar abgestimmt auf die individuellen Bedürfnisse des Patienten. Dann durch eine intensivere Betreuung der Patienten durch den Arzt, eine verbesserte Mitarbeit der Patienten und deren Eigeninitiative, wenn es um nicht-medikamentöse Maßnahmen geht. Der Patient muss bewusst beim Arzt nachfragen wie hoch sein Blutdruck ist. Patienten, die mitdenken und mitmachen, zeigen häufig bessere Blutdruckwerte als passive Patienten. Wer sein Auto in die Werkstatt bringt, frägt doch auch nach was kaputt ist und wie viel die Reparatur kosten wird. Unser Gesundheitswesen könnte immense Folgekosten für blutdruckbedingte Komplikationen einsparen, wenn die Krankenkassen bereit wären, zum Beispiel für ein Arzt-Patienten-Gespräch mehr Geld auszugeben. Wir hätten hier die große Chance, eine nachhaltige Medizin zu machen, wenn man gleich am Anfang richtig behandeln würde. Es wäre kein Hexenwerk, etwas zu ändern.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben nicht-medikamentöse Maßnahmen angesprochen. Was kann der Patient selbst tun, um seinen Blutdruck zu senken?

Limbourg: Unsere heutige Lebensweise ist ein brisantes, explosives Gemisch aus Überangebot und schlechtem Verbrauch und begünstigt deshalb den Bluthochdruck. Unser Gefäßsystem braucht Bewegung - doch genau das haben wir zu wenig. Wichtig ist ein gutes Ausdauerprogramm, das heißt mindestens 150 Minuten die Woche Ausdauersport machen. Der Kreislauf soll dabei in Schwung kommen, die Pulsfrequenz soll sich etwas erhöhen. Außerdem isst der moderne Mensch zu viel und falsch. Empfehlenswert ist eine mediterrane Diät mit viel Gemüse, Obst und Nüssen, etwas Geflügelfleisch und Fisch. Fertiggerichte wie zum Beispiel Tiefkühlpizza sind problematisch, weil sie oft zu stark gesalzen sind. Salz ist aber nach unserem derzeitigen Kenntnisstand zumindest bei einem Teil der Betroffenen eine wichtige Triebfeder für den Bluthochdruck.

SPIEGEL ONLINE: Was ist mit den zehn Prozent der Patienten, deren Blutdruckwert nicht unter die Zielwerte gesenkt werden kann?

Limbourg: Die haben einen therapieresistenten Bluthochdruck. Wir sprechen davon, wenn die Blutdruckwerte über 140 zu 90 mmHg liegen, obwohl eine Kombination von zwei Blutdruckmedikamenten plus einem wassertreibenden Mittel, Diuretikum genannt, eingenommen wird. In diesem Fall sollte ein Spezialist hinzugezogen werden und nach zugrundeliegenden Erkrankungen geschaut werden, die hierfür ursächlich sein können.

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