Bluthochdruck "Unsere Lebensweise ist ein explosives Gemisch"

Viele Patienten mit Bluthochdruck werden nicht oder nur unzureichend behandelt, kritisiert Kardiologe Florian Limbourg. Im Interview erklärt der Mediziner, was die Patienten selbst tun können. Auch junge Menschen sollten ihren Blutdruck regelmäßig überprüfen.

Der Lebensstil ist wichtig: Lebensmittel mit zu viel Salz können den Blutdruck steigen lassen
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Der Lebensstil ist wichtig: Lebensmittel mit zu viel Salz können den Blutdruck steigen lassen


ZUR PERSON
    Prof. Florian Limbourg ist seit 2012 Koordinator des Hypertoniezentrums an der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH).
SPIEGEL ONLINE: Wie gut ist die aktuelle Bluthochdrucktherapie?

Limbourg: Derzeit wird ein Teil der Patienten nicht oder nur unzureichend behandelt. Ein Teil der Patienten weiß nicht, dass sie an Bluthochdruck leiden. Ein größeres Problem ist jedoch, dass Patienten trotz Therapie keine zufriedenstellende Blutdrucksenkung unter 140 zu 90 Millimeter Quecksilbersäule (mmHg) erreichen. Dies ist bei bis zu 50 Prozent der Patienten der Fall. Dabei wäre es möglich, dass bis zu 90 Prozent durch Lebensstilanpassung und Medikamente unter diesen Wert gelangen.

Bluthochdruck gehört zu den Erkrankungen, die keine Aufmerksamkeit genießen, weil sie sich lange Zeit nicht bemerkbar machen. Es fehlt mitunter das Bewusstsein, dass man auch selbst davon betroffen sein könnte. Das gilt gerade auch für jüngere Menschen, die zunehmend an Bluthochdruck leiden. Wenn der Patient dann Probleme bekommt beziehungsweise bemerkt, ist die Erkrankung leider schon fortgeschritten.

SPIEGEL ONLINE: Liegt es nur an den Patienten?

Limbourg: Nein, eine gute Blutdrucktherapie erfordert ein intensives Verhältnis zwischen Arzt und Patient - weil es eine langjährige Therapie ist - und eine gewisse Erziehung des Patienten. Dafür braucht der Arzt Zeit. Das bekommt er nicht annähernd von den Krankenkassen bezahlt. Das Arzt-Patientengespräch wird vom Gesetzgeber völlig unterschätzt. Viele Ärzte können es sich aus ökonomischen Gründen nicht leisten, sich mit dem einzelnen Patienten so lange zu beschäftigen, dass für diesen die Therapie optimal ist. Zumal ein Arzt zumeist viele Bluthochdruckpatienten zu betreuen hat. Die optimale Blutdruckeinstellung kommt da manchmal zu kurz. Wir haben es in einem speziellen Hypertoniezentrum einfacher und können uns umfassend um die Patienten kümmern.

SPIEGEL ONLINE: Warum tun sich Betroffene mit der Therapie anfangs schwer?

Limbourg: Die ersten Therapiewochen sind nicht einfach für den Bluthochdruckpatienten, denn viele brauchen einen hohen Blutdruck, um sich fit zu fühlen. Wird der Blutdruck dann medikamentös abgesenkt, fühlen sie sich erst einmal schlecht. Manchmal treten unangenehme Nebenwirkungen auf. Warum soll man Medikamente schlucken, wenn man sich dann schlechter fühlt? Der Arzt muss wissen, wie es dem Patienten mit einem Medikament ergeht, so dass er gegebenenfalls eine neue Medikamentenkombination zusammenstellen kann. Dafür muss er den Patienten erzählen lassen und genau zuhören. Hinzu kommt, dass manche Menschen Medikamente als reine Nebenwirkungsbringer sehen und sie nicht einnehmen wollen. Tatsache ist aber, dass die nach den Leitlinien empfohlenen Medikamente einen Schutzeffekt für das gesamte Gefäßsystem haben, und somit vor den Folgen Schlaganfall und Herz-oder Nierenversagen schützen.

SPIEGEL ONLINE: Wie ließe sich die Therapie verbessern?

Limbourg: Einmal, indem die Ärzte gute Medikamente möglichst intelligent kombinieren und zwar abgestimmt auf die individuellen Bedürfnisse des Patienten. Dann durch eine intensivere Betreuung der Patienten durch den Arzt, eine verbesserte Mitarbeit der Patienten und deren Eigeninitiative, wenn es um nicht-medikamentöse Maßnahmen geht. Der Patient muss bewusst beim Arzt nachfragen wie hoch sein Blutdruck ist. Patienten, die mitdenken und mitmachen, zeigen häufig bessere Blutdruckwerte als passive Patienten. Wer sein Auto in die Werkstatt bringt, frägt doch auch nach was kaputt ist und wie viel die Reparatur kosten wird. Unser Gesundheitswesen könnte immense Folgekosten für blutdruckbedingte Komplikationen einsparen, wenn die Krankenkassen bereit wären, zum Beispiel für ein Arzt-Patienten-Gespräch mehr Geld auszugeben. Wir hätten hier die große Chance, eine nachhaltige Medizin zu machen, wenn man gleich am Anfang richtig behandeln würde. Es wäre kein Hexenwerk, etwas zu ändern.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben nicht-medikamentöse Maßnahmen angesprochen. Was kann der Patient selbst tun, um seinen Blutdruck zu senken?

Limbourg: Unsere heutige Lebensweise ist ein brisantes, explosives Gemisch aus Überangebot und schlechtem Verbrauch und begünstigt deshalb den Bluthochdruck. Unser Gefäßsystem braucht Bewegung - doch genau das haben wir zu wenig. Wichtig ist ein gutes Ausdauerprogramm, das heißt mindestens 150 Minuten die Woche Ausdauersport machen. Der Kreislauf soll dabei in Schwung kommen, die Pulsfrequenz soll sich etwas erhöhen. Außerdem isst der moderne Mensch zu viel und falsch. Empfehlenswert ist eine mediterrane Diät mit viel Gemüse, Obst und Nüssen, etwas Geflügelfleisch und Fisch. Fertiggerichte wie zum Beispiel Tiefkühlpizza sind problematisch, weil sie oft zu stark gesalzen sind. Salz ist aber nach unserem derzeitigen Kenntnisstand zumindest bei einem Teil der Betroffenen eine wichtige Triebfeder für den Bluthochdruck.

SPIEGEL ONLINE: Was ist mit den zehn Prozent der Patienten, deren Blutdruckwert nicht unter die Zielwerte gesenkt werden kann?

Limbourg: Die haben einen therapieresistenten Bluthochdruck. Wir sprechen davon, wenn die Blutdruckwerte über 140 zu 90 mmHg liegen, obwohl eine Kombination von zwei Blutdruckmedikamenten plus einem wassertreibenden Mittel, Diuretikum genannt, eingenommen wird. In diesem Fall sollte ein Spezialist hinzugezogen werden und nach zugrundeliegenden Erkrankungen geschaut werden, die hierfür ursächlich sein können.



insgesamt 71 Beiträge
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chen-men 14.12.2013
1. Effektive Blutdrucksenkung seit Jahrtausenden bekannt
Schon in der Antike war bei "rotem Hochdruck" (pulsus durus = harter Puls bei gut durchbluteter Haut) der Aderlaß indiziert. Daß dies wirksam ist, ist durch zahlreiche moderne Studien bestätigt - weiß das der Hochdruck-"Experte" nicht, oder will er es nicht wahrhaben? Ich verweise etwa auf die Studie von W.Zidek (heute Charité-Ordinarius) et al. von 1985, oder auf die bisher wohl eindrucksvollste Aderlaßstudie von Francesco S. Facchini und Kami L. Saylor in den Ann NY Acad Sci 2002. Der Wirkmechanismus ist der Entzug von Eisen mit dem Blut, das war mir schon 1993 klar - scheint aber bei den "Hypertonologen" noch nicht angekommen zu sein... Sinnvollerweise gehen Menschen aus Hypertoniker-Familien zum Blutspenden (win-win-Situation), älteren Landärzten war das noch bekannt. Otfried Müller und Parisus nannten in ihrem Buch "Die Blutdruck-Krankheit" von 1931 Aderlässe und vegetarische Ernährung als Therapie des Hochdrucks. Davon wollen die profitgierige Pharma-Industrie und ihr hörige (Uni-)Mediziner natürlich nichts wissen...
chen-men 14.12.2013
2. Wo ist eigentlich das Problem?
Seit "ewig" ist bekannt, daß Aderlässe (= Blutspenden) bei der "essentiellen" Hypertonie hochwirksam sind - aber dieses Wissen widerspricht natürlich den Profit-Interessen der Krankheits-Industrie, wird deshalb seit langem mit einer hochprofessionellen Desinformations-Strategie bekämpft. Das geht beispielsweise bis in Wikipedia hinein: Entsprechende Beiträge werden innerhalb kürzester Zeit von einer Art "Polizei" gelöscht, habe ich selbst erlebt. Aushängeschild dieser Volksverblöder (Entschuldigung) ist Professor Edzard Ernst, gerne vom SPIEGEL interviewt / zitiert, der in jüngeren Jahren zusammen mit seinem Mitarbeiter Matrai zahlreiche wichtige Beiträge lieferte (Thema Blutviskosität / Rheologie), sogar eine bemerkenswerte doppeltblinde Aderlaß-Studie ("Hämodilution") im LANCET veröffentlichte, alles beispielsweise via PubMed leicht zu finden. Dann nahm er vor 2 Jahrzehnten einen Lehrstuhl an der englischen Uni Exeter an - und etwa seit dieser Zeit "hetzt" er regelrecht gegen den Aderlaß, der angeblich schädlich, lebensgefährlich sei. (Immer wieder Verweis auf George Washington - während Hahnemann bei seinen wüsten Attacken gegen Aderlässe auf einen einheimischen Landesfürsten verwies. Der VfA / Verband forschender Arzneimittelunternehmen brachte früher auf seinen Seiten den früh verstorbenen Mozart als Beispiel...) In dem Buch von Singh & E.Ernst ?2007 kann man bei Amazon nach dem Stichwort Aderlaß suchen und diese "Hetze" des Herrn Prof. quer durch dieses Werk nachvollziehen. E.Ernst ist gegen Kritik an seiner Desinformation völlig resistent - ich habe es über Jahre wiederholt versucht, er verweiigert jegliche Diskussion, dokumentiert damit, daß er punktuell die Propaganda über die Wissenschaft stellt. Wie können Aderlässe schädlich / gefährlich sein, wenn Blutspenden jedes Jahr 'zig-millionenfach ausgeführt werden, was natürlich nur deshalb zu rechtfertigen ist, weil es sich um eine der risikoärmsten Prozeduren der Medizin handelt?! Jeden kann sich selbst in frühen Arbeiten, nicht zuletzt auch Büchern, von E.Ernst über seine große Nähe zu Pharma-Firmen informieren und dann seine Schlüsse ziehen, warum sich der Herr "Professor" wohl so verhält. In Deutschland wird ja sehr gerne Goethe zitiert - aber die Tatsache, daß Goethe, beginnend mit dem großen C.W. Hufeland in jungen Jahren, den größten Teil seines Lebens immer wieder zur Ader gelassen (und damit "steinalt") wurde, selbst voll von dieser Methode überzeugt war, ist nur sehr mühsam zu belegen, scheint von interessierten Kreisen unterdrückt zu werden... Egal ob Goethe oder moderne Wissenschaft (Beiispiele auf Nachfrage, wichtige Autoren etwa Tuomainen, F.S. Facchini): wenn die Profit-Interessen der Krankheits-Industrie betroffen sind, wird nach allen Regeln der Kunst vernebelt, "tarne und täusche". Da mag es Blutmangel geben - aber die nachgewiesene Schutzwirkung des Blutenzugs gegen vielfältige Alterskrankheiten, seit Jahrtausenden bekannt und genutzt, wird nicht für die Blutspendewerbung genutzt, jedenfalls hierzulande nicht. Und das nennt sich "Land der Denker", "Land der Ideen"...
goldeye 15.12.2013
3. Was genau
hat eigentlich Hämodilution mit Aderlass zu tun? Wie genau war nochmal die PMID der von ihnen angesprochenen Studie von Ernst/Matrai? Und was genau beeindruckt sie an einer 30 Jahre alten Studie mit gerade mal 15 Probanden?
suplesse 16.12.2013
4. Hokuspokusmedizin!
Leider lassen sich viele Leute von esoterisch angehauchten Verfahren beeindrucken. Je spektakulärer es scheint, desto erfolgreicher ist der Zauber. Im falle von Bluthochdruck eifach mal ein bißchen Bewegung und weniger Junkfood in sich hineinstopfen. Dann den Alkohol reduzieren und das Rauchen aufgeben. Aderlässe und ähnlichen Zauber kann man sich dann schenken.
mfins 16.12.2013
5. Können Blutspenden Bluthochdruck nachhaltig senken?
Erste Zwischenergebnisse der Studie der Karl und Veronica Carstens-Stiftung in Zusammenarbeit mit der Charité Berlin würden mich im Zusammenhang mit dem Thema: "medizinische Forschung muss auch an Menschen stattfinden" interessieren. Ärzte lehnen den sogenannten "Aderlass" ab und wollen - wie dieser Artikel einmal mehr beweist - Bluthochdruck vor allem mit Medikamenten bekämpfen, obwohl einer neu veröffentlichten Studie zufolge, ein experimenteller Aderlass den Blutdruck angeblich um durchschnittlich 16 mmHg etwa 3 Monate lang senken kann. Ein "Supergau" für die Pharmaindustrie? Wann kann mit ersten medizinisch relativ gesicherten Ergebnissen gerechnet werden?
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