Dioxinfund in Hamburg "Kinder sollten Spielplätze in der Umgebung nicht benutzen"

Im Osten Hamburgs hat die Umweltbehörde hohe Dioxinwerte gemessen. Eine Toxikologin erklärt, wie gefährlich das für Menschen in der Nähe ist - und was man auf keinen Fall tun sollte.
Probenentnahme in der Boberger Niederung (Foto vom 6.11.)

Probenentnahme in der Boberger Niederung (Foto vom 6.11.)

Foto: Maximilian Bube/ picture alliance/dpa
Zur Person
Foto: Beate Escher

Beate Escher, 53, ist Professorin für Umwelttoxikologie an der Eberhard Karls Universität Tübingen.

SPIEGEL: In einem Naturschutzgebiet in Hamburg, der Boberger Niederung, wurde hochgiftiges Dioxin gefunden - in einer Konzentration, die den erlaubten Grenzwert um das 700-Fache übersteigt. Alarmiert Sie das?

Escher: Ja, denn Dioxin ist immer sehr bedenklich. Das Gebiet muss dekontaminiert werden.

SPIEGEL: Nur 150 Meter entfernt von dem Vier-Hektar-Areal, das die Behörden abgesperrt haben, wohnen Menschen. Wie gefährlich ist es für sie?

Escher: Panikmache wäre falsch. Das heißt aber nicht, dass man nicht handeln muss. Denn Dioxin ist krebserregend und wenn es einmal in der Nahrungskette landet, ist es sehr schwierig, es wieder rauszubekommen. Ich würde in dem Gebiet vorerst nicht angeln gehen; in Fischen könnte sich das Dioxin besonders stark angereichert haben.

SPIEGEL: Können Eltern bedenkenlos ihre Kinder draußen spielen lassen?

Escher: Bis man weiß, wo der Boden kontaminiert ist, sollten Kinder umliegende Spielplätze nicht benutzen. Wenn sie dort im Sand wühlen und sich den in den Mund schieben, könnten sie das Dioxin aufnehmen.

SPIEGEL: Wie weit könnte sich das Gift ausgebreitet haben?

Escher: Das Gute ist: Dioxin ist kaum mobil. Und es gelangt aufgrund seiner Stoffeigenschaften nicht in die Luft, was für die Verbreitung besonders gefährlich wäre, sondern ist gebunden an Erde. Unter normalen Umständen kommt es so nicht weit. Nur wenn es sich an andere Stoffe - etwa Tenside - heftet und damit mobil wird, kann es im Regenwasser transportiert werden. Dann könnte Dioxin in den Boden dringen und über das Grundwasser weiter in die Umwelt gelangen. Es kommt also darauf an, jetzt zu untersuchen, wie die Altlasten da reingekommen sind und wie groß der kontaminierte Raum ist. Wer einen Garten hat, hat das Recht zu wissen, ob der Boden belastet ist. Das muss getestet werden.

SPIEGEL: Das Dioxin stammt wohl ursprünglich aus den frühen Achtzigerjahren, als die Firma Boehringer Ingelheim in einem Werk in Hamburg Moorfleet das Pestizid Lindan herstellte. Wieso taucht es erst jetzt dort auf?

Escher: Dioxin haftet sehr stark in den Böden, es wird kaum abgebaut. Wir bezahlen jetzt für die Hypothek, die eine Generation vor uns verschuldet hat. Damals war das Problem nicht allen bewusst, aber Dioxin ist hochgiftig und daher müssen wir jetzt handeln. Das ist wie bei Fliegerbomben, das sind auch tickende Zeitbomben, die wir unschädlich machen, sobald wir sie finden.

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