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04. November 2017, 16:08 Uhr

Interview über Borderliner

"Gefühlsleben wie ein wilder Araberhengst"

Ein Interview von

Menschen mit einer Borderline-Persönlichkeitsstörung schwanken zwischen Extremen - viele verletzen sich selbst. Ein Gespräch mit dem Psychiater Martin Bohus über den Umgang mit schwierigen Gefühlen und mögliche Hilfestellungen.

SPIEGEL ONLINE: Herr Bohus, Menschen mit einer Borderline-Persönlichkeitsstörung fühlen so intensiv, dass sie darunter leiden. Was läuft da schief?

Bohus: Ganz häufig sind dies ausgesprochen hypersensible Menschen, deren emotionales System in allen Bereichen deutlich intensiver arbeitet. Die Gefühle werden leicht ausgelöst, sind extrem stark und halten lange an. Diese Zustände intensiver Anspannung sind oft schwer auszuhalten. Auch die sozialen Antennen sind ständig auf Hochtouren, sie können nicht anders, als immer mitzuschwingen, alles aufzusaugen - auch viele Falschheiten zu spüren.

SPIEGEL ONLINE: Und das macht krank?

Bohus: Diese emotionale Hypersensitivität muss nicht unbedingt krank machen - aber sie stellt die Umgebung, also auch die Eltern und Geschwister vor enorme Herausforderungen, denen sie oft nicht gewachsen sind. Die Betroffenen fühlen sich dann zutiefst unverstanden, nicht eingebettet in die soziale Umgebung und verlassen von allen.

SPIEGEL ONLINE: Warum hassen sich viele Borderline-Patienten?

Bohus: Ein Teil der Patienten hat sexuelle oder körperliche Traumata erlebt. Der Missbrauch geschieht oft in der Familie oder im nahen Umkreis. Die meisten Opfer behalten die Gewalttaten daher für sich und haben niemanden, der ihnen in ihrer Verletztheit beisteht. Wieder fühlen sie sich verlassen und verloren. Irgendwann entstehen eigene Erklärungsversuche, die Betroffenen geben sich selbst die Schuld an ihrem Unglück. Sie fühlen sich dann unwert, schlechter als die anderen und beginnen, sich selbst zu hassen.

SPIEGEL ONLINE: Viele Betroffene verletzen sich selbst. Sind das Hilferufe oder wollen sie ihre Umwelt manipulieren?

Bohus: Selbstverletzungen werden grundsätzlich eingesetzt, um starke Emotionen kurzfristig zu mildern. Dies ist mittlerweile wissenschaftlich gesichert. Aber natürlich lösen Selbstverletzungen bei der Familie, bei Partnern, Lehrern oder Freunden auch immer Reaktionen aus. Das reicht von Mitleid und Sorge über Unverständnis bis zur Abscheu. Manche Angehörigen fühlen sich durch die Selbstverletzungen unter Druck gesetzt oder manipuliert. Das ist aber meist nicht das Ziel der Borderliner. Wenn die Hemmung der Frontalregionen im Gehirn zu schwach ist, wenn also bildlich gesprochen, die Motoren auf Hochtouren laufen und die inneren Bremsen versagen, dann wirken Selbstverletzungen beruhigend. Denn sie verstärken diese frontalen Bremsen des Gehirns.

SPIEGEL ONLINE: Eine Borderline-Patientin berichtet von einem Chirurgen, der ihr drohte, keine Anästhesie beim Nähen zu verwenden, schließlich habe sie sich die Verletzungen ja auch ohne Betäubung zugefügt. Das klingt ziemlich aggressiv.

Bohus: Bei diesem Arzt spielt offenbar Unwissenheit eine große Rolle. Wenn Borderliner sich schneiden, hat ihr Körper vorher so viele Stresshormone ausgeschüttet, dass sie beim Schneiden keine Schmerzen empfinden. Wenn der Druck dann nachlässt, kommen natürlich auch die Schmerzen zurück. Größere Wunden ohne Lokalanästhesie zu nähen, wäre grob unethisch.

SPIEGEL ONLINE: Trotzdem spüren Borderliner mit vernarbter Haut oft Ablehnung. Warum wenden wir uns ab, wenn andere sich verletzen?

Bohus: Da sollte man differenzieren: Zum einen sind insbesondere traumatisierte Borderline-Patienten aufgrund ihrer Erfahrungen sehr misstrauisch. Aus Studien wissen wir, dass viele von ihnen etwa neutrale Gesichtsausdrücke als ablehnend und feindlich deuten. Zum anderen gibt es aber die wirkliche Zurückweisung: Es ist grundsätzlich menschlich, dass wir Dinge ablehnen, die uns bedrohlich erscheinen, und die wir nicht verstehen. Das war schon bei der Lepra und bei der Epilepsie so: Die Kranken waren der damaligen Ansicht zufolge von Gott gestraft und damit eben selbst schuld an ihrem Leid.

SPIEGEL ONLINE: Warum hält es das Umfeld so schwer aus, an den Selbstverletzungen nichts ändern zu können?

Bohus: Hilflosigkeit und Ohnmacht sind grundsätzlich schwer zu ertragen. Zudem vermitteln die Medien die Illusion, dass wir nahezu alles beeinflussen können. Alles ist möglich, so unser Anspruchsdenken. Aber das stimmt natürlich nicht. Wir können in aller Regel weder unseren Partner, noch unsere Kinder, noch schwere Krankheiten oder gar den Tod beeinflussen. Auch die Gewaltopfer unter den Borderlinern müssen erst verstehen lernen, dass sie nicht die Schuldigen sind. Eine sehr schmerzhafte Erkenntnis ist dabei, dass so etwas wieder geschehen kann. Demut und Akzeptanz als gesellschaftliche Werte könnten hier helfen, aber da sind wir erst am Anfang.

SPIEGEL ONLINE: Sie forschen auch auf dem Gebiet der Prävention. Was gibt es für Möglichkeiten, der Entwicklung einer Borderline-Persönlichkeitsstörung vorzubeugen?

Bohus: Da wissen wir noch viel zu wenig. Am wichtigsten ist, zwischenmenschliche Gewalt zu verhindern, vor allem in Familien. Außerdem sollte man nicht zu lange warten und sein Kind zum Psychologen bringen. Im Zweifel sogar gegen dessen Willen.

SPIEGEL ONLINE: Manche Eltern haben Angst zu dramatisieren.

Bohus: In der Tat ist Schneiden gerade in Mode. Wenn ein Kind sich einmal ritzt, sollten die Eltern nicht wegschauen, sondern klare Worte finden, was sie davon halten. Unter Umständen reicht das. Wenn sich ein Jugendlicher aber öfter, und vor allem regelmäßig verletzt, steckt höchstwahrscheinlich ein emotionales Regulationsproblem dahinter.

SPIEGEL ONLINE: Viele Familien glauben, die Probleme selbst lösen zu können. Was raten Sie Eltern?

Bohus: Sie sollten für ihre Kinder da sein und eine verlässliche, tragfähige Teilnahme anbieten. Aber sie sollten nicht versuchen, den Therapeuten zu ersetzen. Oft unternehmen Eltern den unmöglichen Versuch, es ihren kranken Kindern recht zu machen - oft auch aus Angst vor den nächsten Ausrastern. Sie opfern sich dann auf und verschieben die Grenzen immer weiter. Dabei ist es für die Kranken besonders wichtig, dass sie sich auf eine einmal getroffene Ansage verlassen können. Die Eltern sollten sich über diese Störung informieren und zum Beispiel Kurse besuchen, in denen sie auch lernen, wie sie sich selbst schützen können.

SPIEGEL ONLINE: Wie schaffen es Borderliner, mit ihrer Persönlichkeitsstörung zu leben?

Bohus: Ganz entscheidend ist eine gute Therapie, das können Einzel- oder Gruppensitzungen sein, es gibt verhaltenstherapeutische Ansätze, manchmal ist eine Traumatherapie notwendig. Medikamente helfen nur sehr kurzfristig und sollten möglichst rasch wieder abgesetzt werden. Und die Zeit spielt eine wichtige Rolle. Denn die meisten Probleme treten in der Pubertät auf, wenn die innere Verunsicherung am größten ist. Mit dem Alter nimmt unsere Emotionalität meist ab, und die Zahl der Borderline-Patienten sinkt. Insgesamt hat die Krankheit eine gute Prognose, viele Betroffene führen sogar ein besonders intensives Leben.

SPIEGEL ONLINE: Können Gesunde etwas von Borderlinern lernen?

Bohus: Viele Borderliner können sich überaus gut in andere hineinversetzen. Ich kenne ausgezeichnete Pädagoginnen und Therapeuten. Wer es als Betroffener schafft, sich abzugrenzen und seine starken Gefühle zu akzeptieren, kann sich einer hohen Lebensintensität hingeben, einem starken Lustempfinden und großer Liebesfähigkeit. Eine Patientin hat es mir mal so beschrieben: 'Mein Gefühlsleben ist wie ein wilder Araberhengst. Man muss erst lernen, darauf zu reiten, und das geht nicht ohne Stürze. Aber wenn man es beherrscht, ist es ein großer Genuss und wird nie langweilig.'"


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