Zecken So minimieren Sie die Borreliose-Gefahr

Wer nach einem Zeckenstich größere rote Flecken auf seiner Haut entdeckt, sollte schnell zum Arzt. Früh mit Antibiotika behandelt, lässt sich eine Borreliose einfach kontrollieren. Später wird es deutlich schwerer.
Zecke der Gattung Gemeiner Holzbock (Ixodes ricinus)

Zecke der Gattung Gemeiner Holzbock (Ixodes ricinus)

Foto: STEGER/ AP

Die Blutsauger lauern auf Grashalmen, im Gebüsch oder im Unterholz auf ihre Opfer. Und zu allem Überfluss haben Zecken auch noch ein sehr feines Gespür für Körperwärme, Atemluft und nahende Schritte. Doch ohne einen Wirt gelangen sie nicht an Blut. Die Tiere können weder springen, noch fallen sie von Bäumen herab. Stattdessen klettern sie höchstens 1,5 Meter hoch und warten, bis Hund, Reh oder Mensch sie abstreift.

Da sie etwas Luftfeuchtigkeit benötigen, sitzen die Spinnentiere eher am Waldrand im schattigen Gras als auf offenem kurzem Rasen. "Sie sind oft da, wo wir Menschen gerne Picknick machen", sagt Volker Fingerle, der Leiter des Nationalen Referenzzentrums für Borrelien in Erlangen. Aber auch in Gärten leben die Spinnentiere. Zecken sind zwar schon bei sechs bis acht Grad Celsius unterwegs, zu den meisten Infektionen mit Borrelien - Bakterien, die sie übertragen - kommt es jedoch erst ab Mai, wenn mehr Menschen Zeit im Freien verbringen.

Etwa 40.000 bis 120.000 Menschen in Deutschland bekommen nach Schätzungen des Robert Koch-Instituts eine Lyme-Borreliose, in den meisten Fällen eine Wanderröte. An der ebenfalls von Zecken übertragenen Hirn- und Hirnhautentzündung FSME erkranken weit weniger Menschen - rund 250 pro Jahr, etwa 30 davon schwer, wie das Nationale Referenzlabor für durch Zecken übertragene Krankheiten berichtet. Gegen die vor allem in Süddeutschland verbreiteten FSME-Viren gibt es eine Impfung, gegen die in ganz Deutschland lebenden Borrelien nicht.

1983 war Borreliose noch unbekannt

Mediziner kennen Borrelien erst seit relativ kurzer Zeit, zum ersten Mal wurden sie 1982 in den USA beschrieben. "Noch 1983 wusste in Deutschland kein Arzt, wie sich Borreliose darstellt", sagt Ute Fischer, die damals nach einem Zeckenstich starke Gelenkschmerzen bekam. "Ich war sechs Wochen in einer Rheumaklinik. Keiner konnte mir helfen, bis ich zufällig wegen einer starken Erkältung Antibiotika bekam. Da waren die Rheumabeschwerden weg." Mittlerweile leitet Fischer den Borreliose und FSME Bund Deutschland, eine bundesweite Patientenorganisation.

Auch heute werde Borreliose oft nicht erkannt, sagt Fischer. Oft werde ein Mensch mit Borreliose etwa auf Multiple Sklerose therapiert. "Viele werden auch jahrelang auf Depressionen behandelt oder auf psychosomatische Beschwerden." Symptome und Labortests zusammen könnten eine Borreliose jedoch meist recht sicher belegen - wenn der Arzt danach suche, erklärt Fingerle. Das bedeutendste Symptom für die Borreliose ist die Wanderröte Erythma migrans, die frühestens zwei Tage nach dem Stich bei 80 bis 90 Prozent der Infektionen auftritt.

"Die Wanderröte muss nicht immer an der Einstichstelle liegen, und es kann sogar mehrere rote Flecken geben, wenn die Borrelien schon im Körper gewandert sind", sagt Fingerle. Der Fleck ist oft innen heller und wächst auf mindestens fünf Zentimeter Durchmesser. Insbesondere Kinder können außerdem ein Lymphozytom bekommen. Die blau-rote knötchenartige Schwellung tritt häufig an Ohr oder Brustwarze auf. Sie sei ein sehr sicherer Hinweis auf eine Borreliose, sagt Fingerle.

Zwei Wochen Antibiotika beenden die Infektion

Eigentlich lassen sich Borrelien leicht behandeln. Entdecken Betroffene die Wanderröte, rät Fingerle dazu, auch ohne Labortest Antibiotika zu nehmen. Der Grund: In solch frühen Phasen sind Antikörper erst bei 50 Prozent der Betroffenen Antikörper nachweisbar. In der Regel sei der Spuk nach einer zweiwöchiger Einnahme vorbei, so Fingerle. Wer die Mittel zu früh absetzt, nach dem Zeckenstich gar keine roten Flecken hatte oder sie schlicht übersieht, kann allerdings Wochen oder gar Jahre später stärker erkranken.

Bei manchen ist dies der Start einer jahrelangen Ärzte-Odyssee: Borrelien können unter anderem das Nervensystem, Gelenke und die Haut befallen, sehr selten auch das Herz. "Beispielsweise bei massiven Schwellungen in ein oder wenigen großen Gelenken, vor allem im Knie, sollte ein Arzt auch an eine Borreliose denken", sagt Fingerle. Unbehandelt kann es zu bleibenden Gelenkschäden kommen. Bei einem Befall des Herzen sei die Diagnose meist extrem schwierig. "Nach Ausschluss anderer Ursachen ist die Wahrscheinlichkeit einer Borreliose dennoch oft hoch genug, um Antibiotika zu geben."

Besser zu diagnostizieren ist dem Experten zufolge die weit häufigere Neuroborreliose, bei der Nerven befallen sind. Typisch dafür seien starke, brennende Nervenschmerzen, die vom Rücken in einen äußeren Teil des Körpers ziehen - vor allem nachts, sagt Neurologe Rick Dersch von der Uniklinik Freiburg. Es könne auch zu Lähmungen kommen, oft im Gesicht, zu Taubheitsgefühlen und vor allem bei Kindern zu Hirnhautentzündungen. Nur jeder Zehnte habe jedoch schwere Symptome. Bleibende Schäden seien "ganz selten" - etwa Gehschwierigkeiten, Blasenstörungen oder Nervenschmerzen.

Achtung vor wochenlangen Antibiotika-Kuren

Wichtig sei zunächst eine gründliche Diagnose durch einen Neurologen, bei dem das Nervenwasser untersucht wird, sagt Dersch. Die Suche nach Antikörper im Blut reiche nicht aus, da diese noch von einer alten Infektion stammen könnten. Sie lasse sich jedoch oft auch schon anhand der Symptome wie Gesichtslähmung und Art der Schmerzen von einer Multiplen Sklerose unterscheiden. Einmal diagnostiziert ist die Krankheit mit herkömmlichen Antibiotika sehr gut behandelbar.

Zugleich warnt Dersch davor, unzureichend diagnostizierten Patienten, "also solchen, die wahrscheinlich gar nicht an einer Borreliose leiden", wochenlange "Antibiotika-Kuren" zu verabreichen, für die es keine wissenschaftliche Grundlage gebe. "Diese Behandlungen sind mit einer hohen Rate an Nebenwirkungen behaftet, sogar Todesfälle wurden berichtet. Diese Therapien müssen dabei oftmals von den Patienten selbst bezahlt werden."

Heftige Debatten gibt es vor allem um die chronische Lyme-Borreliose, auch Post Lyme Syndrom genannt. Einige Ärzte und Patienten gehen davon aus, dass es trotz Behandlung häufig zu erneuten Symptomen wie Gelenkschmerzen, dem Erschöpfungssyndrom Fatigue sowie Gedächtnisstörungen kommen kann. "In entsprechenden Listen werden mehr als Hundert verschiedene, angeblich eine Lyme-Borreliose kennzeichnende Symptome angegeben. Jeder chronisch kranke Mensch wird sich zwanglos in diesen Listen wiederfinden", sagt Fingerle.

Chronische Müdigkeit und Gedächtnisstörung möglich

Ein Team um Dersch hat kürzlich für das Deutsche Cochrane Zentrum 44 Berichte und Studien zum Post Lyme Syndrom überprüft und die Resultate im "Journal of Neurology"  vorgestellt. "Alles hängt davon ab, wie spezifisch die Diagnose gestellt wird", sagt er. Wenn ein Arzt zu wenig Tests mache, könne eine Neuroborreliose fälschlicherweise diagnostiziert werden, obwohl eigentlich eine andere Erkrankung vorliegt.

"Aber auch wenn man bei diesen Patienten schließlich keine Borreliose feststellt, sind sie dennoch nicht gesund", sagt Fingerle. "Was oft fehlt ist, dass man diese Menschen ernst nimmt." Für solche chronisch Kranken müsse es mehr Hilfe geben, etwa interdisziplinäre Zentren, in denen Ärzte aus verschiedene Fachdisziplinen nach Ursachen suchen.

Die chronische Müdigkeit Fatigue oder Gedächtnisstörungen nach einer Borreliose schließt Dersch nicht komplett aus. Sie seien jedoch äußerst selten und hätten nicht direkt etwas mit den Borrelien zu tun, sondern mit der Schwere der Krankheit. "Diese Symptome sind nach einer schwer verlaufenden Borreliose nicht häufiger als nach anderen schwer verlaufenden Erkrankungen."

Aus Angst vor Zecken sollte keiner auf Natur verzichten, da sind sich alle einig. "Selbst nach einem Zeckenstich ist das Risiko, an einer Borreliose zu erkranken, so gering, dass man sich auf keinen Fall die Freude an der Natur dadurch nehmen lassen sollte", sagt Dersch. Fingerle, der selbst oft in den Wald geht, meint: "Sich hinterher nach Zecken absuchen und auch an die Kinder denken, das ist die wichtigste Prophylaxe."

Von Simone Humml, dpa
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