Gefahr durch Sonne und Solarium "Ich habe drei Hautkrebse hinter mir"

Genügt ein Sonnenbrand, um Jahre später Hautkrebs zu bekommen? Sind Selbstbräuner eine gute Alternative zum Sonnenbaden? Der Dermatologe Eckhard Breitbart erklärt, wann die Regenerationsfähigkeit der Haut an ihre Grenzen stößt.

Schutz vor zu viel Sonne: Menschen, die früher häufig Sonnenbrand hatten, sollten regelmäßig zum Hautkrebs-Screening
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Schutz vor zu viel Sonne: Menschen, die früher häufig Sonnenbrand hatten, sollten regelmäßig zum Hautkrebs-Screening

Ein Interview von


ZUR PERSON
  • Eckhard Breitbart
    Professor Eckhard Breitbart war von 1994 bis 2012 Chefarzt der Hautklinik am Elbe Klinikum Buxtehude und von 2003 bis 2012 Ärztlicher Direktor des Elbe Klinikums Buxtehude. Er ist unter anderem Mitglied der Deutschen Krebshilfe e.V., der Deutschen Krebsgesellschaft sowie im Nationalen Krebsplan des Bundesministeriums für Gesundheit. Breitbart hat an der Einführung des Solariengesetzes und seiner Verordnung sowie an der Einführung des Hautkrebs-Screenings in Deutschland mitgewirkt.
SPIEGEL ONLINE: Herr Breitbart, ich hatte als Jugendlicher viele Sonnenbrände. Stimmt es, dass schon drei genügen, um als Erwachsener irgendwann Hautkrebs zu bekommen?

Breitbart: Je früher ein Mensch im Laufe seines Lebens Sonnenbrände bekommt, desto größer wird sein Risiko, nach einer langen Latenzphase an Hautkrebs zu erkranken. Aber: Bei dem einen kann diese Phase 20 Jahre dauern, bei dem anderen 50. Auch die Zahl drei ist recht willkürlich. Das ist sehr individuell. Bei dem einen reicht schon ein einziger schwerer Sonnenbrand. Bei dem anderen braucht es 30.

SPIEGEL ONLINE: Ich bin also Risikopatient?

Breitbart: Ja. Sie sollten alle zwei Jahre zum Screening gehen. Dieser erste Sonnenbrand legt einen Schalter um, der nicht mehr umkehrbar ist. Ihre Haut beginnt dann, Pigmentmale zu bilden. Diese sind gutartig und nehmen im Lauf des Lebens an Zahl immer mehr zu. Mit jedem neuen Pigmentmal steigt Ihr Risiko auf die Entstehung des schwarzen Hautkrebses, dem malignen Melanom. Wenn man den schwarzen Hautkrebs früh erkennt, kann man ihn sehr gut behandeln.

HAUTKREBS
Malignes Melanom
Mit dem Begriff Hautkrebs wird umgangssprachlich oft das maligne Melanom bezeichnet, die bekannteste und gefährlichste Hautkrebsform. Dieser "schwarze Hautkrebs" entwickelt sich in der Regel als bösartige Neubildung pigmentbildender Zellen der Haut. Dabei wirken sich offenbar Effekte des ultravioletten Lichts aus: Unter anderem unterdrückt UV-Strahlung die Immunabwehr - mit der Folge, dass Krebsherde ungestört heranwachsen können.

Als besonders gefährdet gelten Menschen mit vielen pigmentierten Muttermalen ( Nävi ), hellem Hauttyp und genetischer Vorbelastung. Auch sogenannte Altersflecken können auf ein erhöhtes Hautkrebsrisiko hinweisen. Bei Männern steigt das Erkrankungsrisiko mit zunehmendem Alter. Frauen bekommen Hautkrebs auch schon in jungen Jahren.
Früh erkannt, sind die Heilungschancen gut: Ist der Tumor nicht mehr als 1,5 Millimeter dick, überleben mehr als 90 Prozent der Patienten die nächsten zehn Jahre. Sind hingegen bereits Metastasen in Leber, Lunge, Gehirn oder Knochen aufgetreten, ist der Krebs meist nicht mehr heilbar. Jährlich sterben etwa 2500 Menschen am malignen Melanom.
Weißer Hautkrebs
Häufiger als maligne Melanome treten Hautkrebsarten auf, die sich nicht aus den pigmentbildenden Zellen der Haut entwickeln und oft unter den Begriffen weißer oder heller Hautkrebs zusammengefasst werden. Am häufigsten sind darunter das Basalzellkarzinom und das Plattenepithelkarzinom . Das UV-Licht der Sonne schädigt in den Hautzellen die Erbsubstanz DNA. Mutationen entstehen, die zu Krebs führen können. Das Risiko, an einem sogenannten nichtmelanozytären Hautkrebs zu erkranken, steigt mit der lebenslang erworbenen UV-Dosis und daher mit zunehmendem Alter. Diese Hautkrebserkrankungen bilden fast nie Metastasen (Tochtergeschwülste) und sind somit in der Regel heilbar.
Vorbeugende Maßnahmen
Die beste Prävention gegen Hautkrebs ist nach wie vor ausreichender Schutz vor UV-Strahlung , unter anderen auch durch Sonnencreme mit hohem Lichtschutzfaktor und schützende Kleidung. Sonnenbrände sollte man vermeiden und Kinder nicht übermäßig der Sonne aussetzen, vor allem nicht in der Mittagszeit.
Früherkennung
Je früher Hautkrebs entdeckt wird, desto besser sind die Heilungschancen. Deshalb empfielt es sich, den eigenen Körper zu beobachten. Damit auch der Laie entsprechende Hautveränderungen entdecken kann, gibt es eine einfache ABCD-Regel. Die Abkürzung steht für Asymmetrie, Begrenzung, Colour (Farbe) und Durchmesser:

Asymmetrie: Ein Fleck kann gefährlich sein, wenn er keine runde oder ovale Form hat, sondern asymmetrisch aufgebaut ist.
Begrenzung: Eine unscharfe Begrenzung kann ebenso auf ein Melanom hindeuten wie unregelmäßige Ausfransungen oder Ausläufer des Pigmentmals.
Colour (Farbe): Ein Muttermal mit mehreren Farbtönungen sollte genau beobachtet werden.
Durchmesser: Auch ein Pigmentmal, dessen Durchmesser größer als fünf Millimeter ist, sollte beachtet werden.

Seit 1. Juli 2008 zahlen gesetzliche Krankenkassen vom 35. Lebensjahr an alle zwei Jahre eine Früherkennungsuntersuchung auf Hautkrebs bei qualifizierten Hausärzten und Dermatologen.
SPIEGEL ONLINE: Existiert die Tanorexie, die Sucht nach Hautbräune?

Breitbart: Der Begriff ist ein Kunstwort, gebildet aus "tan", englisch für Hautbräune und Anorexie, dem Wort für Magersucht. Man muss da vorsichtig sein. Eine Bräunungssucht oder eine Abhängigkeit von UV-Strahlung ist offiziell als psychische Erkrankung noch nicht anerkannt, und es gibt noch keinerlei belastbare Definition. Ich bin seit 40 Jahren mit dem Thema befasst, in dieser ganzen Zeit hatte ich gerade mal eine einzige Patientin, wo man eine Abhängigkeit von Hautbräunen hätte vermuten können.

SPIEGEL ONLINE: Dennoch gibt es Menschen, die sehr häufig ins Solarium gehen.

Breitbart: Oh ja! Es gibt sehr viele, vor allem in Deutschland. Das liegt aber auch daran, dass das Solarium eine deutsche Erfindung ist und vor etwa 30 Jahren begann, sich so richtig zu verbreiten. Die Bräune wurde nach dem Zweiten Weltkrieg zum Statussymbol. Damit zeigte man, dass man sich etwas leisten konnte, eine Fernreise beispielsweise. Dass Solarien sogar noch schädlicher sind als natürliche UV-Strahlung, war damals nicht bekannt. Zum Glück sind sie seit 2009 für Minderjährige verboten.

SPIEGEL ONLINE: Sind Selbstbräuner eine gute Alternative zum Sonnenbaden?

Breitbart: Wenn ein Mensch unbedingt gebräunt sein will, dann ist das die beste Alternative. Dabei müssen Sie aber eines beachten: Der Selbstbräuner ist eine chemische Substanz, die nur die oberste Hautschicht, die bereits abgestorbenen Zellen, braun einfärbt. Wenn Sie die aber nun einfärben, wie sie gerade sind, haben Sie unterschiedliche Dicken gefärbter Hautzellen und sehen dann nach der Behandlung aus wie ein Leopard. Machen Sie vor dem Auftragen des Selbstbräuners ein Haut-Peeling. Und bedenken Sie: Diese Hautbräune schützt natürlich nicht vor weiterer UV-Strahlung.

SPIEGEL ONLINE: Einer der häufigsten Stoffe in Selbstbräunern ist das umstrittene Dihydroxyaceton (DHA). Es soll beim Inhalieren krebserregend sein und die Haut noch lichtempfindlicher machen. Die EU-Behörde für Lebensmittelsicherheit hält DHA dagegen für harmlos.

Breitbart: Zu den Folgen von DHA durch Inhalieren kann ich nichts sagen, weil ich mich damit nicht beschäftigt habe. Das heißt aber nicht, dass es nicht möglicherweise Risiken gibt. Aber in der Tat wird die Haut durch DHA lichtempfindlicher. Man sollte deshalb nach Anwendung des Selbstbräuners nicht in die Sonne gehen.

SPIEGEL ONLINE: Sonnenbaden führt zu vorzeitiger Hautalterung. Wie groß ist dieser Effekt? Lässt beispielsweise eine Stunde Sonnenbaden im Solarium die Haut um einen Monat altern?

Breitbart: Das kann man nicht auf eine einfache Formel bringen. Ich kenne Menschen, die ihr Leben lang viel an der Sonne waren und denen man das überhaupt nicht ansieht. Bei anderen ist es genau umgekehrt. Das hängt vom Bindegewebe eines Menschen ab und ist bei jedem unterschiedlich. Aber: Im Solarium altert die Haut schneller. Die Solarium-Strahlung enthält mindestens dreimal mehr langwellige UV-A-Strahlung als die der Sonne. Diese geht durch das gesamte Bindegewebe hindurch und zerstört die elastischen Bindegewebsfasern. Daher kommen dann die Runzeln.

SPIEGEL ONLINE: Ist das ein unumkehrbarer Prozess?

Breitbart: Überwiegend ja. Die Haut kann sich leicht erholen, wenn man mit dem Solarium aufhört. Diese Erholung ist aber wirklich nur leicht.

SPIEGEL ONLINE: Wie gut kann sich die Haut nach einem Sonnenbrand regenerieren?

Breitbart: Die Haut erneuert sich ständig, einen Sonnenbrand überwindet sie nach ein paar Tagen. Nur: In der Haut sitzen auch Stammzellen, die für ihre Erneuerung verantwortlich sind, sich aber nicht so häufig teilen. Wenn zu viele Stammzellen durch UV-Strahlen geschädigt wurden, ist die Regeneration der Haut nicht mehr möglich. Dann kommt der Hautkrebs.

SPIEGEL ONLINE: Gehen Sie eigentlich noch in die Sonne?

Breitbart: Ich bin jetzt 68, und ich bin in einer Zeit aufgewachsen, wo wir ständig in die Sonne geschickt wurden - um anständige Knochen zu kriegen beispielsweise. Der Schaden bei mir ist so groß, der ist gar nicht mehr zu toppen. Ich habe drei Hautkrebse hinter mir. Ich gehe noch in die Sonne, aber nur bekleidet und mit Hut.

insgesamt 44 Beiträge
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butzibart13 19.02.2015
1. Balance zwischen zu wenig und zuviel
Ein übertriebenes Bruzzeln in der Sonne ist nicht gut für die Haut wegen des Melanoms, das leider sehr schnell zur Metastasierung neigt. Hier haben wir Deutschen ein Problem, da man nach der lichtarmen Winterzeit sich nach einem schnellen Sonnenbad und Bräunung sehnt. Bei den bleichen Engländern ist dieser Trend noch ausgeprägter. Umgekehrt ist ein gewisses Maß an Sonne für die Vitamin D Bildung erforderlich. Früher hatten damit die Bergleute zu kämpfen. Heute dürften auch die schwarzverkleideten Damen in den an sich sonnenreichen arabischen Ländern ein Problem haben.
parsimony 19.02.2015
2. eine Einschätzung
zur Bedeutung von Sonnenbestrahlung für Vitamin D Produktion und zum Zusammenhang zwischen Vitamin D und Krebserkrankungen hätte mich noch interessiert.
Sibylle1969 19.02.2015
3. Hautalterung
Ich hatte mal im Skiurlaub einen Skilehrer, der so Anfang 50 war. Sein Gesicht wies deutliche Zeichen von sonnenbedingter Hautalterung auf, deutlich zu sehen auch im Vergleich zu seinem eineiigen Zwillingsbruder, der eine Skihütte betrieb und bei seiner Arbeit deutlich weniger der Sonne ausgesetzt war. Bei der Sonne kommt es stark auf das richtige Maß an: zuwenig ist auch nicht gut, denn da droht Vitamin-D-Mangel. Eine Stunde in der Sonne geht bei mir ohne Probleme ohne Sonnenschutz (bin der alpine Typ mit braunen Haaren und braunen Augen), bei längerem Aufenthalt creme ich mich mit hohem Schutzfaktor ein. Meine Schwester ist hingegen ein ganz heller Typ mit roten Haaren und sehr heller Haut mit vielen Sommersprossen, die bekommt schon nach einer halben Stunde einen Sonnenbrand.
joan 19.02.2015
4. Wenn die Sonne für Hautkrebs verantwortlich wäre,
dann wäre die Menschheit schon lange ausgestorben, denn wir stammen ursprünglich aus heißen, sonnigen Steppenregionen. Wie immer bei Krebs wird hier der Auslöser mit der eigentlichen Ursache der Krankheit verwechselt. Jede Schädigung von Zellen ist prinzipiell ein potentieller Auslöser für ein Krebsgeschehen, aber nicht, weil die geschädigte Zelle zu einer Krebszelle mutiert, sondern weil der Reparaturmechanismus, der die geschädigte Zelle ersetzen will, nicht mehr gestoppt werden kann. Die Ursache dieses Kontrollverlustes kann an unterschiedlichen Stellen liegen, primär ist es ein Stoffwechselproblem. Dabei spielt vor allem die Ernährung eine Rolle, allerdings auch das Vitamin D, das ja gerade durch die Sonnenbestrahlung erzeugt wird. Sich vor der Sonne zu verstecken ist daher keine wirkliche Lösung (was sich auch darin zeigt, dass Hautkrebs gerne auch an Stellen entsteht, die NICHT der Sonne ausgesetzt sind). Selbst Sonnencremes mit relative niedrigem LSF blockieren zuverlässig die Vitamin D Synthese in der Haut und fördern damit die Ursache des Krebses. Sicher - dabei wird auch der Auslöser gemieden, aber das ist nur der Auslöser des Hautkrebses. Der Vitamin D Mangel (und der Mangel anderer Stoffe) wirkt sich aber im gesamten Organismus aus. Man verhindert also möglicherweise den Hautkrebs, fördert aber gleichzeitig Krebs an anderen Stellen des Organismus.
hansulrich47 19.02.2015
5. Seh ich auch so!
Zitat von parsimonyzur Bedeutung von Sonnenbestrahlung für Vitamin D Produktion und zum Zusammenhang zwischen Vitamin D und Krebserkrankungen hätte mich noch interessiert.
Der Artikel betont wieder mal nur die negativen Aspekte. Dabei ist Sonnenlicht auf der Haut sinnvoll und notwendig für die ausreichende Versorgung mit Vitamin D. Dunkelhäutige Menschen, die es an den Polarkreis verschlägt, haben ein echtes Problem mit mangeldem Lichteinfall auf iher Haut. Aber das Hauptinteresse des Artikels ist es wohl Panik zu erzeugen???
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