Nachsorge bei Brustkrebs Angeblich geheilt

Schmerzen, Erschöpfungszustände, psychische Probleme: Zwar steigt die Zahl der geheilten Brustkrebs-Patientinnen. Viele aber leiden nach der Behandlung an mitunter massiven Beschwerden und Nebenwirkungen. Experten fordern eine bessere Nachsorge.
Erschöpft: Viele Patientinnen - vor allem junge - leiden nach ihrer Brustkrebsbehandlung an unterschiedlichen Beschwerden

Erschöpft: Viele Patientinnen - vor allem junge - leiden nach ihrer Brustkrebsbehandlung an unterschiedlichen Beschwerden

Foto: Corbis

"Es gibt diese Tage", erzählt Erwin Reichert* (67), "wo sie ihre Dämonen heimsuchen. Dann kann das Leben um sie herum toben, sie sitzt abwesend daneben und kriecht in sich hinein. Vor allem vor den Vorsorgeuntersuchungen kommt das immer wieder." Vor zehn Jahren hatte Reicherts Frau Brustkrebs. Medizinisch gilt sie als geheilt. Aber es wird nie wieder so sein, wie es einmal war. "Auch wenn es in den letzten Jahren deutlich besser geworden ist - das Zutrauen zum eigenen Körper ist einfach weg."

Auf mehr als das Doppelte steigen die psychiatrischen oder psychotherapeutischen Behandlungen an, wenn Frauen an Brustkrebs erkranken. Das ist das Ergebnis einer Studie, die vor Kurzem im "Deutschen Ärzteblatt" erschienen ist . Wissenschaftler um Stefan Feiten vom Koblenzer Institut für Versorgungsforschung in der Onkologie werteten die Antworten von 734 Ex-Patient im Alter zwischen 30 und 91 Jahren aus, bei denen die Erstdiagnose im Schnitt über drei Jahre zurücklag. Demnach suchten vor der Krebsdiagnose neun Prozent der Befragten einen Psychologen oder Psychiater auf, hinterher waren es 19 Prozent.

Fehlende Individualität der Behandlung

Das Problem: Für die Mediziner ist die Krankheit mit Behandlung und Reha meist erledigt. Spätfolgen spielen eine untergeordnete Rolle, ebenso wie einige Belastungen, die unnötigerweise entstehen können: Die moderne Medizin arbeitet bei der Therapie von Brustkrebs weitgehend mit standardisierten Leitlinien. Das verbessert zwar insgesamt die Qualität, führt aber öfter dazu, dass Patientinnen übertherapiert werden, weil die Behandlung individuell zu wenig angepasst ist. Zudem entscheiden sich, wie die "Ärzteblatt"-Studie feststellt, Betroffene selbst dann für eine Chemotherapie, wenn der rechnerische Überlebensvorteil nur einen Tag oder 0,1 Prozent ausmacht.

Unter ihrem Schicksal leiden hauptsächlich jüngere Frauen. Je nach Krebsart und Therapie haben manche Patientinnen Hitzewallungen, bei einigen setzen die Wechseljahre früher ein. Viele fühlen sich weniger attraktiv, besonders, wenn die Brust abgenommen werden musste. Außerdem sind Betroffene weniger leistungsfähig: Über ein Drittel (34 Prozent) hatte Schmerzen, bei 17 Prozent schwoll die operierte Seite nach wie vor an, 35 Prozent der Frauen konnten Arm und Schulter nicht mehr wie vorher einsetzen. Vor allem jene, die körperlich arbeiten, mussten erleben, am Arbeitsplatz benachteiligt zu werden. Insgesamt fühlten sich 16 Prozent zurückgesetzt.

Folgeschäden durch Therapie

Betroffene leiden im Vergleich zu einer gesunden Vergleichsgruppe stärker unter Gedächtnis-, Konzentrations- und Wortfindungsstörungen, ausgelöst durch die Chemotherapie - was neuropsychologische Tests oft nicht bestätigen können. Auch bei den Depressionen, Ängsten und Erschöpfungszuständen lagen die Krebspatientinnen deutlich über den Werten in der gesunden Vergleichsgruppe.

Mehr zum Thema im SPIEGEL WISSEN 3/2014

Immerhin zeigt die Studie, dass die Beziehung durch den Brustkrebs nicht unbedingt leidet: 75 Prozent der Befragten sahen keine Veränderung, und in zwölf Prozent der Fälle rückten die Paare enger zusammen. Weitere zwölf Prozent allerdings gaben an, dass sich die Partnerschaft verschlechtert habe. Junge Frauen berichteten am häufigsten über Veränderungen in der Beziehung, schreiben die Autoren.

Stefan Feiten erklärt die Befunde damit, dass jüngere Frauen mitten im Leben stünden und stärker zu Hause und im Beruf gefordert seien. Umso spürbarer und "teilweise schwerwiegend" seien für sie die Einschränkungen.

Mangelnde Versorgung

Der Psychoonkologe Thomas Schopperth, der seit 1986 Krebspatientinnen und deren Angehörige betreut, sieht eines der größten Defizite in der fehlenden Finanzierung der Beratungsstellen. "Bundesweit fehlen in vielen Regionen qualitätsgesicherte Krebsberatungsstellen und viele der bestehenden sind in ihrer Existenz bedroht", warnt der Geschäftsführer der Krebsgesellschaft Rheinland-Pfalz und Bundesvorsitzende der Deutschen Arbeitsgemeinschaft für Psychosoziale Onkologie (dapo). "Wir brauchen endlich eine Finanzierung durch Länder, Kommunen, Rentenversicherungsträger und Krankenkassen." Derzeit halten sich die Beratungsstellen vor allem mit Spenden über Wasser, weil die gesetzlichen Grundlagen fehlen.

"Schon während der medizinischen Behandlung sollte möglichst früh verlässlich festgestellt werden, welche Belastungen bei jedem Einzelnen vorliegen und welche Unterstützung die Betroffenen konkret brauchen", sagt Schopperth. Die Experten müssten dazu wohnortnah und auf Abruf zur Verfügung stehen.

Es gehe darum, Betroffenen zu helfen, ihr Leben selbstbestimmt weiterzuführen, sagt Schopperth. Da seien die Beratungsstellen auch schon mal als Vermittler bei den Behörden und Verwaltungen gefordert. Immer häufiger müsse man materielle Unterstützung auf den Weg bringen, um Existenzen zeitweilig abzusichern, damit Menschen wieder aus eigenen Kräften ihr Leben bestreiten können, so Schopperth.

*Name von der Redaktion geändert