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11. August 2012, 09:27 Uhr

Ein rätselhafter Patient

Knöcherner Brustschmerz

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Brustschmerzen sind für jeden Arzt ein Alarmzeichen, dem Herzen könnte Gefahr drohen. Eine 42-jährige Patientin gibt britischen Medizinern aber ein Rätsel auf, denn für ihre Beschwerden entdecken sie zunächst keine Ursache. Bis sie tief im Inneren des Körpers fündig werden.

Schmerzen durchfahren die Brust der Patientin, es zieht bis in den Rücken hinein. Die Frau, die vor Ahmed Fahim und seinen Kollegen im britischen Castle Hill Hospital in Cottingham sitzt, ist erst 42 Jahre alt. Bei akuten Brustschmerzen denken Ärzte zuerst an einen Herzinfarkt, dafür ist die Frau ein wenig jung, ein schnell angefertigtes EKG entkräftet den Verdacht. Doch die Patientin leidet auch noch unter einer chronischen Krankheit: Sie wird wegen einer Unterfunktion ihrer Nebennierenrinde, dem sogenannten Morbus Addison, bereits behandelt. Kann der die Brustschmerzen auslösen?

Beim Morbus Addison produziert die Nebennierenrinde zu wenig ihrer Hormone Cortisol und Aldosteron, eine Folge der Krankheit ist die auffällig "gesunde", bronzene Hautfarbe der Patienten. Typische Symptome der Unterfunktion sind eher Abgeschlagenheit, Schwindel und ein niedriger Blutdruck. Tatsächlich ergibt die Blutdruckmessung bei der Frau einen Wert von nur 87 mmHg zu 54 mmHg - viele Menschen könnten sich damit kaum mehr auf den Beinen halten. Den Ärzten fällt auch auf, dass sie mit zwanzig Atemzügen pro Minute etwas schneller atmet als normal. Sie schicken ihre Patienten zur Röntgenaufnahme der Lunge, die aber nichts Auffälliges erkennen lässt, wie die Mediziner im Fachmagazin "BMJ Case Reports" berichten.

Die Ärzte untersuchen das Blut der kleinsten Blutgefäße in der Haut, der Kapillaren, aus dem sie ablesen können, ob die Patientin in Problem mit der Atmung hat. Ihr Verdacht: Vielleicht leidet die Frau an einer Lungenembolie, bei der ein Blutgerinnsel, häufig aus den tiefen Beinvenen, mit dem Blutstrom in die Lunge geschwemmt wird, dort die Blutgefäße verstopft und so den Sauerstoffaustausch zwischen Blut und Atemluft behindert. Diese lebensgefährliche Gefäßerkrankung ist auch bei jüngeren Frauen relativ häufig, insbesondere wenn sie rauchen oder auch noch zusätzlich mit der Pille verhüten. Doch die Blutgasanlyse gibt keinen Hinweis auf eine Lungenembolie. Den Ärzten fällt nur auf, dass im Blut der Patienten zu wenig Natrium und zu viel Kalium enthalten sind, was zu ihrem Morbus Addison passt. Immer noch keine Erklärung für die Brustschmerzen.

Das plötzliche Verschwinden einer Vene

Schließlich untersuchen Fahim und seine Kollegen ihre Patientin im Computertomografen. Während der Untersuchung spritzen die Radiologen der Frau ein Kontrastmittel, um sehen zu können, ob nicht doch irgendwo ein Blutgerinnsel die Gefäße verstopft - wieder nichts. Allerdings sehen die Mediziner eine andere mögliche Erklärung für die Schmerzen: Unter dem rechten Schlüsselbein fließt in einer großen Vene, der Vena subclavia, das Blut aus dem Arm normalerweise in Richtung Herz. Durch das Kontrastmittel leuchtet die Vene in der Computertomografie weiß auf - doch etwa auf halbem Weg zwischen Schlüsselbein und erster Rippe scheint das Blutgefäß plötzlich zu verschwinden, das Kontrastmittel ist nurmehr als dünnes Rinnsal in kleineren Venen zu entdecken. Die Ärzte kennen das Problem, die Patientin leidet unter einem Schulterkompressions-Syndrom.

Noch einmal befragen die Mediziner die junge Frau. Die Hand fühlt sich nicht taub an, kein Ameisenkribbeln stört ihren rechten Arm, die Schmerzen strahlen auch nicht dorthin aus. All das wären typische Symptome für das auf englisch "Thoracic Outlet Syndrome" genannte Phänomen, bei dem Muskeln oder Knochen die Blutgefäße und Nerven auf dem Weg in den Arm behindern. Die meisten Patienten klagen über Schmerzen oder Taubheit in Arm und Schulter, die beim Druck auf die Nervenbündel in der Schlüsselbeinregion entstehen. Ausgelöst wird das Syndrom meist durch Hals- und Schulterverletzungen bei Verkehrsunfällen, selten auch durch Tumoren. Ebenso betroffen sind Arbeiter, die in ungünstigen Positionen verharren. Manche Menschen haben eine zusätzliche Rippe oberhalb der eigentlich ersten Rippe, auch diese Halsrippe kann das Schulterkompressions-Syndrom verursachen. Selbst übermäßig ausgeprägte Muskeln führen manchmal zu den Schmerzen.

Ihrer Patientin helfen die britischen Ärzte zunächst einmal, indem sie ihren Morbus Addison mit Hormonen behandeln. Die Schmerzen der Frau verschwinden, auch ein Jahr nach dem Ereignis hat die Patienten keine typischen Beschwerden für ein Schulterkompressions-Syndrom. Ob tatsächlich der wegen der Nebennierenunterfunktion aus dem Gleichgewicht geratene Hormonhaushalt oder die Nervenbündel in der Schulter die Schmerzen hervorriefen, ist unklar. Beim "Thoracic Outlet Syndrome" hilft den meisten Patienten bereits eine Physiotherapie, nur in seltenen Fällen müssen die Betroffenen operiert werden. Den Morbus Addison der Patientin können die Ärzte dagegen nicht heilen, sie muss ein Leben lang Cortison einnehmen. Aufpassen muss sie bei Stress für den Körper, etwa während einer Infektion oder in der Schwangerschaft - dann braucht der Körper zusätzliches Cortison.

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