Neue internationale Klassifikation WHO definiert Burn-out erstmals als Syndrom

Die Weltgesundheitsorganisation hat Burn-out klar als Syndrom definiert, das im Zusammenhang mit Belastungen bei der Arbeit steht. Neu im internationalen Katalog der Krankheiten sind Videospiel- und Sexsucht.

Laut WHO kann chronischer Stress am Arbeitsplatz ein Burn-out auslösen
Uwe Umstätter/ Westend61/ Getty Images

Laut WHO kann chronischer Stress am Arbeitsplatz ein Burn-out auslösen


Burn-out ist von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) als Faktor eingestuft worden, der die Gesundheit beeinträchtigen kann. Das Gefühl des Ausgebranntseins resultiere aus chronischem Stress am Arbeitsplatz, der unter anderem zu einer negativen Einstellung zum Job und geringerer Leistungskraft führen könne, lautet ein Teil der nun neuen WHO-Definition. Burn-out sei bisher ohne Definition berücksichtigt gewesen. Jetzt sei der Begriff mit dieser Beschreibung im Katalog der 55.000 Krankheiten, Symptome und Verletzungsursachen aufgelistet, sagte ein Sprecher am Dienstag.

Die WHO hatte zunächst im Fall von Burn-out von einer Krankheit gesprochen, diese Angaben aber am Dienstag präzisiert.

Zuvor hatten die 194 Mitgliedstaaten der WHO eine überarbeitete Version des internationalen Klassifikationssystems der Krankheiten, ICD-11, verabschiedet - eine Art Katalog der anerkannten Krankheiten. Dieser enthält nun auch die Definition und Einschränkungen von Burn-out.

Die bisherige Version des internationalen Klassifikationssystems ist seit Anfang der Neunzigerjahre gültig. Ab Januar 2022 soll der neue Katalog den alten ablösen, ein konkreter Zeitpunkt für die Einführung in Deutschland steht noch nicht fest. Im Verzeichnis stehen Krankheiten, Symptome und Verletzungsursachen - je mit einem spezifischen Code. Mit den Kombinationen aus Buchstaben und Zahlen sollen Ärzte weltweit künftig ihre Diagnosen registrieren und dadurch statistische Untersuchungen leichter machen.

Drei Dimensionen des Burn-outs

Die WHO beschreibt Burn-out als Syndrom aufgrund von "chronischem Stress am Arbeitsplatz, der nicht erfolgreich verarbeitet wird". Das Syndrom hat laut ICD-11 drei Dimensionen:

  • ein Gefühl von Erschöpfung,
  • eine zunehmende geistige Distanz oder negative Haltung zum eigenen Job und
  • ein verringertes berufliches Leistungsvermögen.

Zudem weist die WHO darauf hin, dass der Begriff Burn-out ausschließlich im beruflichen Zusammenhang und nicht "für Erfahrungen in anderen Lebensbereichen" verwendet werden sollte. Bisher war Burn-out unter "Probleme mit Bezug auf Schwierigkeiten bei der Lebensbewältigung" und ohne Verweis auf das berufliche Umfeld im Katalog ICD-10 aufgeführt.

In das neue Klassifikationssystem werden außerdem Krankheiten aufgenommen, die bisher nicht anerkannt waren. Unter dem Code 6C51 können Ärzte mit dem neuen Klassifikationssystem zukünftig eine Video- und Onlinespielsucht diagnostizieren. Diese beginnt für die WHO, wenn ein Mensch über mehr als zwölf Monate alle anderen Aspekte des Lebens dem Spielen unterordnet. Wenn er beispielsweise seine Freunde verliert oder seine Körperhygiene vernachlässigt. Die Gaming-Industrie hatte dagegen protestiert, weil sie fürchtet, dass Menschen, die viel spielen, plötzlich als therapiebedürftig eingestuft werden könnten.

Transsexualität keine psychische Krankheit

Außerdem neu aufgenommen wurde die Sucht nach Sex. Zwanghaftes Sexualverhalten sieht die WHO dann als gegeben, wenn Betroffene übermäßig Pornos konsumieren oder Telefonsex nutzen. Die Diagnose sei nach Definition von Fachleuten dann angebracht, wenn Betroffene intensive, wiederkehrende Sexualimpulse über längere Zeiträume nicht kontrollieren könnten und dies ihr Familien- oder Arbeitsleben oder das Sozialverhalten beeinflusse. Die Klassifikation ist für Betroffene wichtig, weil Ärzte und Krankenversicherer sich daran orientieren. Sie kann beispielsweise darüber entscheiden, ob die Kosten einer Therapie übernommen werden.

Andere vermeintliche Krankheiten werden aus dem Klassifikationssystem gestrichen. In der bisherigen Version fällt Transsexualität in die Kategorie psychischer Störungen. Künftig wird sie dagegen als "sexueller Gesundheitszustand" gelistet sein. Interessensverbände hatten die WHO seit Jahren dazu aufgefordert, Transsexualität nicht länger als psychische Krankheit zu bezeichnen.

Diskussionen um Medikamentenpreise

Auf der Jahreskonferenz der WHO, die noch bis Dienstag läuft, stehen noch einige Entscheidungen aus. Unter anderem wird eine Resolution diskutiert, die für mehr Transparenz bei Arzneimittelkosten sorgen soll. Die Kosten der Forschung zu Medikamenten und Impfstoffen sollen offengelegt werden, wenn Pharmaunternehmen die Mittel registrieren wollen. So soll eine fairere Preispolitik ermöglicht werden.

Die Bundesregierung lehnt die Resolution ab. Organisationen wie Ärzte ohne Grenzen oder Brot für die Welt reagieren empört. "Selbst im reichen Europa kommen Gesundheitssysteme an ihre Grenzen, weil sie horrende Preise nicht mehr bezahlen können", heißt es in einem offenen Brief an Gesundheitsminister Jens Spahn. "Gleichzeitig haben Medikamentenpreise oft nichts mit den tatsächlichen Forschungskosten zu tun, sondern werden danach gesetzt, wie Einnahmen in entsprechenden Märkten maximiert werden können." Die Verbände fordern, dass die Delegation der Deutschen ihre Position revidiert und die Resolution unterstützt.

Anm. d. Red.: In einer früheren Version hieß es, die WHO habe Burn-out im ICD-11 erstmals als Krankheit anerkannt. Die Organisation hat die Angaben inzwischen präzisiert, wir haben den Text entsprechend korrigiert.

hle/dpa/afp



insgesamt 18 Beiträge
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Dr. Kilad 27.05.2019
1. Endlich!
Es wird damit auch langssam Zeit, dass der Gesetzgeber Burn-Out im Rahmen von SGB VII als Berufskrankheit anerkennt. Bisher ist die gesetzliche Unfallversicherung meist eine Sache für billigen Verschleiß von Arbeitskräften.
hegoat 27.05.2019
2.
Ist ja klar, dass die Bundesregierung eine Transparenz bei den Medikamentenpreisen ablehnt. Sie lehnt ja alles ab, was irgendwie für mehr Transparenz sorgen könnte. Nutriscore zum Beispiel. Alles zum Schutz der Wirtschaft und zum Schaden des Bürgers. Es wird Zeit, dass auch noch die letzten 28% der Deutschen aufwachen.
komatzu 28.05.2019
3. eine gute und überfällige Entscheidung
Burn out wird als Krankheit anerkannt. Millionen Arbeitnehmer werden davon profitieren und die Arbeitgeber müssen ihr Verhalten anpassen.
ali3imbali 28.05.2019
4. Heikle Abgrenzung
Es wird auch in Zukunft ein großes Problem für Ärzte und Psychologen sein, Burnout sauber abzugrenzen. Einerseits von der Depression, auf der anderen Seite vom Scheißjob - ist ja nicht unbedingt der Mensch, mit dem was nicht stimmt...
fatherted98 28.05.2019
5. ich lach mich kaputt...
....was wohl unsere Mütter/Väter und Großmütter/väter die noch 12 oder 14 Stunden bei einer 6 Tage Woche malochen mussten zu diesem Krankheitsbild gesagt hätten....ach ne....konnten sie ja nicht....die waren Abends zu sehr kaputt um sich selbst zu bemitleiden und mussten früh ins Bett, ohne Smart Phone und TV ....um 5 war nämlich die Nacht zu Ende.
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