Cannabis auf Rezept Große Erwartungen, viele offene Fragen

Viele Schwerkranke wünschen sich Cannabis auf Rezept - ein im März verabschiedetes Gesetz soll den Zugang erleichtern. Ärzte warnen allerdings vor überzogenen Hoffnungen.
Cannabis-Anbau zuhause (Aufnahme aus Chile)

Cannabis-Anbau zuhause (Aufnahme aus Chile)

Foto: IVAN ALVARADO/ REUTERS

Menschen mit schwerwiegenden Erkrankungen und chronischen Schmerzen können im Einzelfall Cannabis auf Rezept bekommen. Auch bei der Palliativbehandlung darf es eingesetzt werden. Im März hat ein neues Gesetz den Weg dafür geebnet.

Sind alle anderen Therapien ausgeschöpft oder erwartet der Arzt im konkreten Fall, dass sich die Symptome durch Cannabis spürbar bessern, kann er es verschreiben. Vor der ersten Verordnung bedarf es allerdings einer Genehmigung durch die Krankenkasse. Laut Bundesgesundheitsministerium  prüft der Medizinische Dienst der Krankenversicherung deshalb, ob die Voraussetzungen zur Behandlung erfüllt sind. Ist dies der Fall, sollen die Krankenkassen die Kosten für Cannabispräparate oder für getrocknete Cannabisblüten übernehmen.

Schon vor dem Inkrafttreten des Gesetzes durften etwa tausend Patienten bundesweit legal Cannabis nehmen. Sie hatten eine Sondergenehmigung des Bundesinstituts für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM). Wie sich die Zahl durch das neue Gesetz verändert, ist bisher unklar. Das Bundesgesundheitsministerium hat noch keine Informationen, wie vielen Menschen Cannabis bereits verordnet wurde. "Das Gesetz ist noch keine drei Monate in Kraft", sagt eine Sprecherin.

Ansturm von Patienten

In der Berliner Fachpraxis für Schmerztherapie des Klinikkonzerns Vivantes beobachtet die Medizinerin Corinna Schilling einen Ansturm von Patienten, die Cannabis auf Rezept wollen. "Generell hatten wir vor der Gesetzesänderung keine Anfragen zu Cannabis, obwohl es das Produkt ja schon gab", sagt Schilling. Nun gebe es sehr viele, denen man gar nicht gerecht werden könne.

Nach Schillings Einschätzung wurde die Gesetzesänderung von Laien teils so aufgefasst, dass es massenhaft Anwendungsgebiete für Cannabis gebe - dabei sei es in den allermeisten Fällen keine Therapieoption, sagt die Ärztin. Sie sieht angesichts der Nachfrage, die aus ihrer Sicht aus teils irreführenden Medienberichten und gleichzeitig schwammiger gesetzlicher Formulierung resultiert, Risiken: "Tor und Tür sind dem Missbrauch hier weit geöffnet."

Medizinisches Cannabis kann man auf verschiedene Weisen einnehmen. Vom Rauchen rät das BfArM wegen Nebenwirkungen ab. Die Wirkstoffe lassen sich über ölige Lösungen und Tropfen inhalieren oder schlucken.

Bei dem Cannabis-Gesetz gibt es Anlaufschwierigkeiten - mit Unklarheiten seitens der Ärzte, der Patienten und der Kassen. Einige Betroffene, die bereits eine Sondergenehmigung vom BfArM hatten, hätten von der Kasse nun eine Ablehnung erhalten. "Das ist unverständlich und sicher nicht im Sinne des Gesetzgebers", sagt Michael Schäfer, Schmerzexperte von der Charité in Berlin.

Die Ärzte wiederum betreten Neuland. Zwar sind die meisten potenziellen Cannabis-Empfänger lange in Behandlung. Doch man sieht niemandem die Stärke seiner Schmerzen an. "Die Ärzteschaft ist nicht vorbereitet, sie braucht noch Handlungsanweisung", sagt Schäfer. Richtlinien der Fachgesellschaften seien noch in Arbeit.

Die neue Cannabisagentur des Bundes will ab 2019 Marihuana in Deutschland anbauen lassen, die Mengen sollen gemäß der Ausschreibung jährlich steigen. 2021 und 2022 sollen demnach im staatlichen Auftrag je 2000 Kilogramm Cannabis in Deutschland geerntet werden. Bei einem durchschnittlichen Tagesbedarf von einem Gramm wäre das rechnerisch die Jahresmenge für fast 5500 Patienten.

Unklare Datenlage

Wie wirksam Cannabis jeweils sein kann, ist vielfach nicht klar. Die Studienlage zu den Anwendungsgebieten ist uneinheitlich und oft dünn. Untersuchungen beruhen häufig auf kleinen Gruppen von Patienten.

Bei chronischen Schmerzen, etwa bei Rückenschmerzen oder Rheuma, dürfen Ärzte nun testen, ob es den Menschen mit Cannabis besser geht. Als gesichert gilt, dass Cannabisblüten bei Spastiken helfen, die bei Multipler Sklerose und bei Nervenverletzungen auftreten. Cannabis soll darüber hinaus Übelkeit und Erbrechen bei Chemotherapien unterdrücken und den Appetit bei Aids anregen. Bei Epilepsie, Alzheimer, Juckreiz und Depressionen sind die Erkenntnisse über die Wirksamkeit bisher eher gering.

Manche Patienten bekommen auch Nebenwirkungen zu spüren: Schwindel, Verwirrtheit, Müdigkeit. "Das ist gar nicht mal so unbeträchtlich", sagt Schäfer.

"Zur Evidenz von Cannabis-Therapien gibt es bislang relativ wenig Daten", sagt auch Samir Rabbata, Sprecher der Bundesärztekammer. Deshalb sei es gut, dass das neue Gesetz von einer entsprechenden Erhebung begleitet werde. "Durch sie lassen sich deutlich bessere Daten darüber generieren, wofür Cannabis tatsächlich sinnvoll ist und für welche Krankheiten dies weniger der Fall ist."

Sabine Dobel und Gisela Gross, dpa/wbr
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