Drogenkonsum Cannabis-Konsumenten brauchen bei OPs mehr Narkosemittel

Wer regelmäßig kifft, braucht bei Operationen deutlich mehr Narkosemittel, zeigt eine Studie. Die benötigte Dosis ist oft erstaunlich hoch.


Wie viel Alkohol trinken Sie? Rauchen Sie? Konsumieren Sie weitere Drogen?

Wenn Ärzte solche Fragen stellen, kann das für Patienten unangenehm sein. Trotzdem sollten sie nichts beschönigen und unbedingt ehrlich antworten. Denn Drogenkonsum kann die nötige Dosierung von Narkosemitteln erheblich beeinflussen.

Wer etwa regelmäßig Cannabis raucht, hat einen deutlich höheren Bedarf an Narkosemitteln, berichten US-Forscher im Fachblatt "The Journal of the American Osteopathic Association". Bei dem Narkosemittel Propofol kann bei regelmäßigem Cannabiskonsumenten mehr als die dreifache Dosis nötig sein.

"Cannabis hat einige Stoffwechseleffekte, die wir nicht verstehen", sagt Studienleiter Mark Twardowski von den Western Medical Associates in Grand Junction im US-Bundesstaat Colorado. "Patienten müssen wissen, dass ihr Cannabiskonsum andere Medikamente möglicherweise weniger wirksam macht."

220 Prozent mehr Propofol

Für die Analyse hatten die Forscher 250 Patienten zufällig ausgewählt, bei denen zwischen den Jahren 2016 und 2017 eine Magenspiegelung vorgenommen werden musste. Jeder Zehnte gab an, regelmäßig Cannabis zu konsumieren. Die Ärzte verglichen jeweils die Menge der verwendeten Narkosemittel mit den Angaben der Patienten zu ihrem Drogenkonsum. Neben Cannabisprodukten wurde auch der Gebrauch von Alkohol, Opiaten und Benzodiazepinen abgefragt. Letztere kommen beispielsweise in Psychopharmaka vor.

Wie stark sich der Cannabiskonsum auf die Dosierung auswirkte, variierte je nach Narkosemittel. Bei Fentanyl waren es knapp 14 Prozent, bei Midazolam mehr als 20 Prozent und gut 220 Prozent bei Propofol. Bei einigen war sogar mehr als eine dreifache Dosis an Propofol nötig.

Die Zahl der Studienteilnehmer ist zwar nicht repräsentativ und verhältnismäßig klein, allerdings bestätigt die Untersuchung vorhergehende Analysen. Überraschend sei das Ergebnis deshalb nicht, sagt Götz Geldner, Ärztlicher Direktor der Klinik für Anästhesiologie, Intensivmedizin, Notfallmedizin und Schmerztherapie am Klinikum in Ludwigsburg, der nicht an der Studie beteiligt war.

Drogen steigern Entgiftungsfunktion der Leber

Dass Patienten, die psychoaktive Substanzen wie Alkohol zu sich nehmen, mehr Narkosemittel benötigen, sei unter Anästhesisten schon lange bekannt. "Wenn die Leber häufig mit Cannabinoiden oder Alkohol zu tun bekommt, steigert sie ihre Entgiftungsfunktion", sagt Geldner. Dadurch würden auch Narkosemittel schneller abgebaut. Neben Drogen und Alkohol beeinflussen demnach auch Tranquilizer und andere Psychopharmaka die Wirksamkeit von Narkosemitteln.

In einem von der Deutschen Gesellschaft für Anästhesiologie und Intensivmedizin empfohlenen Patientenfragebogen wird seit etwa zehn Jahren auch nach dem Drogenkonsum gefragt. Nach Geldners Einschätzung verwenden mehr als 90 Prozent der deutschen Kliniken einen vergleichbaren Fragebogen. Allerdings setzt der voraus, dass die Patienten ehrlich antworten. Nur mit einer Blutanalyse können Ärzte mit absoluter Sicherheit feststellen, wie hoch der Drogenkonsum wirklich ist.

koe/dpa



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