Studie Gehirn verletzt - Mensch wird zum Mörder?

Er erschoss 16 Menschen an nur einem Tag. Später wurde bei Charles Whitman ein Hirntumor entdeckt. Ein Zufall? US-Forscher sind überzeugt: Hirnschäden können kriminelles Verhalten begünstigen.
Charles J. Whitman

Charles J. Whitman

Foto: AP

Kann eine Schädigung des Gehirns unbescholtene Bürger zu Straftätern machen? Eine US-Untersuchung zeigt, wie Verletzungen in verschiedenen Hirnregionen kriminelle Handlungen begünstigen können. Die Neurologen um Michael Fox vom Beth Israel Deaconess Medical Center (BIDMC) im US-Staat Massachusetts untersuchten die Gehirne von 17 Straftätern, die sich zuvor am Kopf verletzt hatten. Sie wurden wegen Körperverletzung, Vergewaltigung oder Mord verurteilt.

Das Ergebnis: Alle verletzten Hirnregionen betrafen ein neuronales Netzwerk, das bei moralischen Entscheidungen aktiv ist. Das berichtet das Team in den "Proceedings of the National Academy of Sciences" . Die Studie könnte Auswirkungen auf die Rechtsprechung haben.

Seit Längerem diskutieren Wissenschaftler, ob Hirnverletzungen kriminell machen können. Im November untersuchten Ärzte das Gehirn des ehemaligen Football-Stars Aaron Hernandez, der einen Mord beging und sich in Haft das Leben nahm. Sie fanden erhebliche Verletzungen in Hirnbereichen, die für das Erinnerungsvermögen, die Verhaltenssteuerung und die Impulskontrolle verantwortlich sind.

"Schaltplan des menschlichen Gehirns"

Für Aufsehen hatte 1966 auch der Fall des US-Amerikaners Charles Whitman gesorgt, der 16 Menschen tötete - darunter auch seine Mutter und seine Frau. Ärzte entdeckten später in seinem Gehirn einen Tumor. Auch Demenzerkrankungen können kriminelles Verhalten fördern, schreiben die Neurologen um Fox.

Das Team untersuchte 17 Fälle, in denen Patienten nachweislich erst nach einer Hirnverletzung kriminell wurden. "Unser Labor hat eine neue Technik entwickelt, um neuropsychiatrische Symptome durch Hirnschädigungen mithilfe eines Schaltplans des menschlichen Gehirns zu verstehen", sagt Fox. Die Neurologen gehen dabei davon aus, dass sich eine Hirnverletzung nicht nur auf die unmittelbar betroffene Hirnregion auswirkt, sondern auch auf andere Areale.

Hirn-Läsionen der untersuchten 17 Patienten

Hirn-Läsionen der untersuchten 17 Patienten

Foto: PNAS

Die Hirnscans zeigten, dass sich die Betroffenen in unterschiedlichen Hirnregionen verletzt hatten. Die Scans glichen sie mit neuronalen Netzwerken ab, die Neurologen in den vergangenen Jahren mit bildgebenden Verfahren ermittelt hatten. Dazu hatten sie die Hirnaktivitäten bei bestimmten Aufgaben untersucht und mit dem Ruhezustand verglichen.

"Moral-Netzwerk"

Bei den Analysen entdeckte die Gruppe, dass alle geschädigten Hirnbereiche funktionell verbunden sind mit Regionen, die für moralische Entscheidungen zuständig sind und die dabei helfen, Bewusstseinsvorgänge bei anderen Menschen einzuschätzen. Nicht verknüpft waren die Verletzungen dagegen mit Regionen, die etwa an Mitgefühl mitwirken.

Um ihre Ergebnisse zu überprüfen, untersuchten die Forscher 23 weitere Menschen, bei denen der Zusammenhang zwischen Hirnschädigung und kriminellem Verhalten nicht ganz klar war. Auch bei ihnen fanden sie eine Übereinstimmung verletzter Hirnregionen mit dem "Moral-Netzwerk". Das Team geht davon aus, dass diese Erkenntnisse die juristische Beurteilung hirngeschädigter Straftäter beeinflussen werden.

Fox warnt aber vor Prognosen nur aufgrund von Hirnbildern: "Wir kennen den Vorhersagewert dieses Ansatzes noch nicht." Er betont, dass auch Gene, Umwelt, soziale Bedingungen und die Persönlichkeit zu kriminellem Verhalten beitragen können.

Auch der deutsche Hirnforscher Gerhard Roth geht davon aus, dass bestimmte Hirnschädigungen nicht zwangsläufig zu kriminellem Verhalten führen müssen. "Aber die Wahrscheinlichkeit dafür erhöht sich", sagt Roth, der an der Universität Bremen arbeitet und nicht an der Studie beteiligt war. Er fordert, dass der Zustand des Gehirns vor Gericht berücksichtigt wird und sieht sich durch die Studie bestärkt. Seine US-Kollegen hätten gezeigt, dass der Einfluss von Hirnschäden auf das Verhalten nicht mehr zu leugnen sei.

von Stefan Parsch/dpa/koe