Umstrittenes Experiment Gen-Manipulation bedroht Gesundheit chinesischer Babys

Der Forscher He Jiankui will Gene von zwei Babys manipuliert und sie so vor Aids geschützt haben. Laut einer aktuellen Studie könnte der Eingriff für die Kinder aber erhebliche gesundheitliche Nachteile bringen.

He Jiankui bei der Präsentation seiner Forschungsergebnisse Ende November
Kin Cheung/DPA

He Jiankui bei der Präsentation seiner Forschungsergebnisse Ende November


Es war ein Tabubruch, der die Welt aufschreckte: In China sollen vor wenigen Monaten die ersten genmanipulierten Babys der Welt geboren worden sein. Das behauptet zumindest der chinesische Forscher He Jiankui. Ein unabhängiger wissenschaftlicher Nachweis, ob das Experiment tatsächlich geglückt ist, fehlt bisher. Viele Forscher halten es aber für plausibel.

He Jiankui behauptet, die Zwillinge Nana und Lulu dank Gentechnik vor Aids geschützt zu haben. Wie gefährlich der Eingriff ist, lässt sich schwer abschätzen. Schon kurz nach dem Bekanntwerden warnten Mediziner, die Gen-Manipulation könnte gravierende gesundheitliche Folgen für die Kinder haben. Eine aktuelle Untersuchung im Fachblatt "Nature Medicine" unterstützt nun diese Befürchtung. Demnach steigt durch die genetische Veränderung das Sterberisiko aufgrund anderer Krankheiten.

Etwa 100 Millionen Menschen weisen Mutation auf

Konkret geht es um ein Eiweiß, das vom Gen CCR5 codiert wird und ein wichtiges Einfallstor für das HI-Virus ist. Menschen, denen dieses Gen fehlt, haben deshalb ein deutlich geringeres Risiko, sich mit HIV zu infizieren. Doch das hat offenbar einen Preis.

Für ihre Studie hatten Wissenschaftler der University of California in Berkeley 400.000 Menschen zwischen 40 bis 78 Jahren untersucht, die von Natur aus verschiedene Genvarianten von CCR5 in sich tragen. Das Ergebnis: Menschen mit der Genmutation, die bei den Zwillingen in China künstlich hervorgerufen worden sein soll, haben eine bis zu 21 Prozent geringere Wahrscheinlichkeit, 76 Jahre alt zu werden.

Woran das genau liegt, wissen die Forscher noch nicht. "Wir wissen, dass das Protein im Organismus eine Wirkung hat", sagte Rasmus Nielsen, einer der Studienautoren. "Daher ist es wahrscheinlich, dass eine Mutation, die das Protein zerstört, im Durchschnitt nicht gut für die Betroffenen ist." Weltweit weisen etwa 100 Millionen Menschen die Mutation natürlich auf, schätzen Forscher.

Vorherige Untersuchungen hatten gezeigt, dass eine Mutation des Gens CCR5 nicht nur vor HIV, sondern auch vor Pocken und anderen Viren schützen kann. Allerdings war die Sterblichkeitsrate bei einer Grippe-Infektion um das Vierfache erhöht.

Die Verfasser der aktuellen Studie distanzieren sich von He Jiankuis Forschung. "Ich denke, es gibt eine Menge Dinge, die zum gegenwärtigen Zeitpunkt über die Funktionen der Gene unbekannt sind", sagte Xinzhu Wei. Genmanipulationen mit der Genschere Crispr/Cas9 seien derzeit zu gefährlich, um sie am Erbgut von Embryonen zu testen.

He Jiankui wurde mittlerweile von seiner Universität im südchinesischen Shenzhen entlassen, weitere Forschung wurde ihm untersagt. Zudem hatten 122 chinesische Wissenschaftler Hes Experiment in einem offenen Brief als "verrückt" verurteilt.

koe/dpa

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jj2005 03.06.2019
1. Bis zu?
Bis zu 21% höheres Risiko? Also irgendwas zwischen -100% und +21%? Wieviele Jahre dauert es wohl noch, bis sich herumgesprochen hat, dass irgendwas mit "bis zu" hanebüchener Quatsch ist?
curiosus_ 03.06.2019
2. Wie naiv muss man sein um,..
..nur zwecks Aids-Risiko-Senkung, genmanipulierte Kinder "machen" zu lassen? Zumal Aids frühestens mit der Geschlechtsreife relevant wird. Und bis dahin unter Umständen bereits heilbar sein könnte? Und man außerdem durch angepasstes Verhalten (Kondome, medikamentöse Prä-Expositionsprophylaxe) eine Aids-Infektion sicher verhindern kann? In meinen Augen ist das ein völlig abstruses Kosten/Nutzen-Verhältnis.
aliof 03.06.2019
3. Xinzhu Wei denkt also
Xinzhu Wei denkt also, daß es " .. eine Menge Dinge [gebe], die zum gegenwärtigen Zeitpunkt über die Funktionen der Gene unbekannt sind". Das Gleiche gilt wohl auch über das Klonen von Tieren, berichteten zumindest südkoreanische Hundeliebhaber. Diese hatten zwar einen Klon ihres Lieblingshundes nach Bezahlung von ca. 200.000 Euro in Empfang nehmen dürfen, der jedoch einen gänzlich anderen "Charakter" hatte, also nicht wiederzuerkennen gewesen sei. Was aber schon längst gängige Praxis ist, und kaum hinterfragt wird, greift auch, wenn auch nach einem anderen Mechanismus, in die genetische Ausstattung von Menschen ein, dafür aber mehrtausendfach :: nämlich die sogenannte künstlicher Befruchtung :: während auf normalem Weg die Eizelle nach unbekannten Kriterien entscheidet, eine von tausenden Spermien in sich eindringen läßt, um sich mit ihm zu verschmelzen .. nachdem es zuvor etwa hundert von Millionen Spermien bis vor die Tür geschafft hatten .. .. wird hierbei mit gezielter Penetration das von den Klinikern ausgewählte Spermium zur ausgewählten Eizelle gebracht. Das wäre mal ne breite Diskussion wert.
Melissa85 03.06.2019
4.
Zitat von curiosus_..nur zwecks Aids-Risiko-Senkung, genmanipulierte Kinder "machen" zu lassen? Zumal Aids frühestens mit der Geschlechtsreife relevant wird. Und bis dahin unter Umständen bereits heilbar sein könnte? Und man außerdem durch angepasstes Verhalten (Kondome, medikamentöse Prä-Expositionsprophylaxe) eine Aids-Infektion sicher verhindern kann? In meinen Augen ist das ein völlig abstruses Kosten/Nutzen-Verhältnis.
HIV also Aids ist nicht nur über sexuellen Kontakt übertragbar. Es ist auch Altersunabhängig ob man sich damit Infizieren kann. Natürlich ist es nicht wie eine Grippe zu handhaben aber wenn die Eltern HIV Positiv sind, und das waren diese Eltern die da mit gemacht haben, so ist die Chance das die Kinder es bereits haben bei Geburt oder durch ihre Eltern bekommen, zum Beispiel durch die Muttermilch, extrem Hoch bishin zu komplett sicher! Also das die Eltern natürlich alles wollten um ihren Kindern das zu ersparen kann man keinem Vorhalten. Genau so wenig kann man dem Wissenschaftler diesen Versuch vorhalten denn eine "Heilung" ist unwahrscheinlich zu gern geben Pharmakonzerne zu das ja mit Medikamenten ein ausreichender Schutz und eine gute Lebenserwartung gewährleistet sei. Heilung bedeutet nichts mehr zu verdienen da die Menschen es optimal nur einmal brauchen. Wir jedoch leben im Kapitalismus, wenn etwas nicht dauerhaft Geld bringt wird es nicht erforscht.
specialsymbol 04.06.2019
5. Ja wie nun?
Also hat er doch manipuliert? Erst hieß es, es sei nicht möglich. Dann hieß es er sei ein Hochstapler. Zuletzt hieß es, es gebe die Kinder überhaupt nicht. Und über diese unmögliche Manipulation eines Hochstaplers an nicht existierenden Kindern gibt es nun eine Fernstudie, die festgestellt hat, dass die Kinder sterben werden? Ich bin beeindruckt. Was die westliche Wissenschaft nicht alles kann.
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