Drang zum Kratzen Juckreiz-Nerven machen das Leben zur Qual

Menschen mit chronischem Juckreiz haben einen enormen Leidensdruck. Betroffene sollten frühzeitig behandelt werden - andernfalls bildet sich ein tückisches Juckreizgedächtnis. Forscher rätseln, wie man der Qual ein Ende bereiten kann.
Auch die Haut leidet: Der Juckreiz kann bei Patienten einen hohen Leidensdruck erzeugen

Auch die Haut leidet: Der Juckreiz kann bei Patienten einen hohen Leidensdruck erzeugen

Foto: Corbis

Das Leiden, wenn es juckt und juckt und juckt, tagein, tagaus, ist kaum vorstellbar: Menschen mit chronischem Juckreiz könnten ständig aus der Haut fahren. Nachts schlafen sie nicht mehr richtig, immer wieder weckt das Jucken sie auf. Tagsüber sind sie entsprechend unkonzentriert, leistungsunfähig. Schließlich werden sie depressiv, gereizt, hoffnungslos und einsam. Abschalten lässt sich der Juckreiz nicht. Mitunter plagen sich Betroffene deshalb mit Suizidgedanken.

Juckreiz, der mehr als sechs Wochen lang anhält, heißt in der Fachsprache Pruritus. Lange Zeit galt er als eine Unterart von Schmerzen. Doch erst vor ein paar Jahren ist die Forschung dazu richtig in Gang gekommen: Vor kurzem veröffentlichten Forscher von der Washington University in St. Louis einen Artikel im "Journal of Clinical Investigation" , in dem sie in Mäuseversuchen bestätigen, dass bei chronischem Juckreiz zahlreiche Nervenzellen zu Juckreiz-Nerven werden. Dazu gehören auch solche, die normalerweise Schmerzsignale übertragen.

Die Signalwege von Schmerz und chronischem Jucken sind verflochten. Die molekularbiologischen Hintergründe dieser Verflechtung konnten der Studienautor Zhou-Feng Chen und sein Team enträtseln: An beiden Signalwegen ist ein Protein namens BRAF beteiligt. In den Juckreiz-Nerven führt BRAF aber zu einem Dauerfeuer. Diese Erkenntnis, so die Hoffnung der Forscher, könnte möglicherweise zu einem neuen Therapieansatz führen.

Ältere Menschen sind häufiger betroffen

Auch die Betroffenen hoffen dringend auf medizinische Hilfe: 13 bis 23 Prozent der erwachsenen Bevölkerung leiden unter chronischem Juckreiz. Mit zunehmendem Alter steigt die Zahl. Bei den über 70-Jährigen weiß fast jeder Vierte davon zu berichten. Aber auch Kinder können betroffen sein. "Meist ist der Juckreiz die Folge einer chronischen Hauterkrankung mit Ekzembildung wie zum Beispiel Neurodermitis", sagt Sonja Ständer vom Münsteraner Kompetenzzentrum Chronischer Pruritus. "In ganz seltenen Fällen fehlen den Kindern Gallengänge, so dass es durch den Gallestau in der Leber zu Juckreiz kommt."

Die Ursachen für chronischen Juckreiz sind vielfältig. Sie reichen von falscher Körperhygiene und hautreizenden Waschmitteln (beides trocknet die Haut aus) über Leukämie, neurologische Erkrankungen wie Multiple Sklerose bis hin zu Nierenversagen, Dialyse und Lebererkrankungen wie virusbedingte Leberentzündungen sowie Diabetes. Der erhöhte Blutzucker schädigt kleine Nervenfasern in der Haut, wodurch es schon in der Frühphase des Diabetes zu Juckreiz kommt. "Auch Eisenmangel kann schuld sein", sagt Ständer. "Der Mangel kann sich durch Juckreiz ankündigen, bevor er im Blut nachweisbar ist." Es sei daher ratsam, zur Abklärung eines Pruritus bei Blutkontrollen den Ferritin-Wert zu bestimmen. Das Speichereiweiß für Eisen ist ein Marker für Eisenmangel.

Während einer Schwangerschaft kann es passieren, dass der Gallefluss zu den Verdauungsorganen reduziert wird und Gallensalze sich im Blut ablagern. Auch dann tritt quälender Juckreiz auf. Stresshormone können bei allen Betroffenen den Juckreiz weiter verschlimmern. "Mitunter ist chronischer Juckreiz sogar ein Alarmsignal, denn bei Tumoren des Lymphgewebes wie Morbus Hodgkin kann der Juckreiz bereits Jahre vorher auftreten, obgleich vom bösartigen Tumor noch nichts zu bemerken ist", sagt die Pruritus-Expertin.

Teufelskreis des Kratzens

Die normale Reaktion auf Juckreiz ist das Kratzen. "Wenn es uns juckt, dann kratzen wir zwangsläufig", erklärt Ständer. "Der Juckreiz lässt nach, weil Schmerzneurone, die die Juck-Neurone kontrollieren, unterbinden, dass Juckreiz dem Gehirn gemeldet wird." Bei chronischem Juckreiz wird viel gekratzt. Dadurch kommt es langfristig zum Umbau der Haut: Es wachsen neue Nerven, die ihrerseits Juckreiz hervorrufen können - ein Teufelskreis. Außerdem kann sich wie bei Schmerzen auch beim Juckreiz ein Gedächtnis im Zentralen Nervensystem bilden. Dann hilft das Kratzen nicht mehr. "Das ist oft bei Neurodermitis der Fall", sagt Ständer. Das Problem: Noch wissen Forscher nicht, wie man das Juckreizgedächtnis löschen kann.

Große Hilfe gibt es für die Betroffenen nicht. Eine psychosomatische Begleitung kann helfen, Stress zu verringern, der den Juckreiz fördert. "Bei allergisch bedingtem oder durch Stresshormone verursachtem Juckreiz sind Antihistaminika sehr wirksam", sagt Ständer. In anderen Fällen können Epilepsie-Medikamente eingesetzt werden. Sie verhindern, dass Signale ans Gehirn weitergeleitet werden. Auch Antidepressiva helfen. Sie dämpfen die Juckreizsignale direkt im Gehirn. Der Juckreiz verschwindet aber nicht ganz, und die Medikamente haben auch Nebenwirkungen.

Eine geeignete Hautpflege mit Wirkstoffen wie Harnstoff als Feuchtigkeitsspender sowie mit rückfettenden Salben und Ölbädern lindert den Juckreiz zusätzlich zu Medikamenten. Trotzdem sei die Behandlungssituation nach wie vor unbefriedigend, sagt Ständer. Es laufen derzeit einige Studien zu neuen Medikamenten. "In etwa drei Jahren stehen uns hoffentlich mehr therapeutische Möglichkeiten zur Verfügung."