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Interview "Verschwörungstheorien und Impfgegnertum hingen schon vor Corona zusammen"

Eine Impfung gegen das Coronavirus ist nicht in Sicht, beschäftigt die Menschen aber bereits. Die Psychologin Cornelia Betsch über gesunde Skepsis, Impflücken und den Schutz vor Verschwörungstheorien.
Ein Interview von Nina Weber

SPIEGEL: Frau Betsch, die Welt hofft auf einen Impfstoff gegen das neuartige Coronavirus. Sind Sie auch so optimistisch?

Betsch: Ich hoffe, dass es gelingen wird, einen Impfstoff zu finden, aber ich finde es wichtig, in jedem Bericht zur Impfung zu erwähnen, dass unklar ist, wann und ob es sie geben wird. Wir haben nach mehr als 30 Jahren keine Impfung gegen HIV.

SPIEGEL: Obwohl wir noch lange nicht so weit sind, lehnen einige Menschen eine solche Impfung schon jetzt kategorisch ab. Wie kommt es dazu?

Betsch: In der Cosmo-Studie , in der wir wöchentlich unter anderem Wissen, Risikowahrnehmung und Vertrauen während des Covid-Ausbruchs abfragen, sehen wir, dass die Ablehnung momentan nicht übermäßig groß ist. Sie ist allerdings in der letzten Woche gewachsen - einer besonderen Woche mit vielen parallelen Lockerungen. Die Schulen öffnen wieder, das Leben geht weiter. Die Leute blicken nach vorn. In dieser Gemengelage aus abnehmender Risikowahrnehmung und gesunder Skepsis gegenüber einer neuen Impfung ist die Zustimmung gesunken. Ob die Menschen tatsächlich langfristig ablehnender bleiben, muss sich erst noch zeigen. Wir beobachten das weiter. Ich würde in dieser dynamischen Situation nicht so viel Aufmerksamkeit auf das Ergebnis einer einzelnen Woche legen.

SPIEGEL: Was meinen Sie mit "gesunder Skepsis"?

Betsch: Bei Impfstoffen ist die Sicherheit zentral und über einen neuen Impfstoff wissen wir noch nichts - da es ihn ja noch nicht gibt. Bei jeder Impfung muss man abwägen zwischen dem Risiko der Impfung und dem Risiko einer potenziellen Erkrankung: Das tun die Wissenschaftler, die Zulassungsbehörden, die Ständige Impfkommission - und natürlich auch international viele Experten-Gremien. Die meisten Menschen schließen sich diesen Expertenurteilen an, manche entscheiden sich trotzdem anders. Das ist dann zu akzeptieren - außer bei den Masern, für die jetzt eine Impfpflicht besteht.

SPIEGEL: ... und diese Impfpflicht haben Sie vor Einführung kritisiert. Wer lehnt denn aktuell eine mögliche Coronavirus-Impfung eher ab, beziehungsweise stimmt ihr zu?

Betsch: Interessant ist, dass Männer eher als Frauen sagen, sie würden sich impfen lassen. Es ist bekannt, dass Männer ein höheres Risiko haben, schwer an Covid-19 erkranken - ich denke, daraus resultiert die höhere Bereitschaft sich impfen zu lassen. Die Menschen sind im Moment gut über die Krankheit informiert.

Aktuell wird auch das Prinzip der Herdenimmunität gut verstanden. Es wird interessant, wie sich das auf die Impfbereitschaft auswirkt und in welchem Maß es dann Trittbrettfahrer geben wird, die sich bewusst nicht impfen lassen, weil es ja genug andere tun.

SPIEGEL: Ändert die Coronakrise das Impfverhalten noch auf andere Weise?

Betsch: Worüber zu wenig gesprochen wird: Die Cosmo-Studie zeigt, dass viele Impfungen wegen der Corona-Situation abgesagt wurden. Von den geplanten Impfungen der erwachsenen Befragten waren es 30 Prozent. Von den geplanten Impfungen bei Kindern zwischen 17 und 34 Prozent. Wir produzieren hier neue Impflücken, da muss dringend etwas geschehen.

SPIEGEL: Es gibt auch Menschen, die denken, mit der Impfung wolle Bill Gates uns allen einen Mikrochip einpflanzen. Wie groß ist die Schnittmenge zwischen Verschwörungstheoretikern und Impfgegnern?

Betsch: Verschwörungstheorien und Impfgegnertum hingen schon vor Corona zusammen. Meistens sind es Menschen, die es nicht gerne sehen, dass der Staat ihnen in ihr Leben reinredet. So sehen wir eben auch jetzt, dass Personen, die denken, Covid-19 ist ein Schwindel zur Kontrolle der Menschheit weniger den Behörden vertrauen und weniger impfbereit sind.

SPIEGEL: Haben Sie einen Rat, wie man damit umgehen kann, wenn plötzlich jemand im privaten Umfeld kruden Theorien anhängt wie der von Gates und dem Mikrochip?

Betsch: Das hängt davon ab, wie diskussionsfreudig Sie sind. Eine Möglichkeit ist, den anderen durch immer weitergehende Nachfragen selbst auf die Schwachstellen in seiner Argumentation zu stoßen. Aber die meisten Verschwörungstheorien immunisieren sich dagegen. Man muss deshalb einen langen Atem haben.

Ein wichtiger Punkt: Hört jemand anderes zu, der vielleicht nicht an die Verschwörungstheorie glaubt und den man noch schützen könnte? Für diese Zuhörer kann es wichtig sein, die Techniken aufzudecken, mit denen etwa die Wissenschaft geleugnet wird - also etwa der Bezug auf falsche Experten oder das Ignorieren, dass es einen wissenschaftlichen Konsens gibt. Das ist jedoch in Bezug auf das Coronavirus sehr schwer, denn es gibt wenig gesichertes Wissen und es ändert sich wahnsinnig schnell.

SPIEGEL: Kann man sich und sein Umfeld noch anders vor Verschwörungstheorien schützen?

Betsch: Ich empfehle, nicht jeden Mist zu teilen. Eigentlich kann man die AHA-Regel - Abstand, Hygiene, Atemschutz - auch hier anwenden: einen Schritt zurücktreten und kurz nachdenken, Hygiene beim Weiterleiten: nur Gutes teilen, und Atemschutz: nicht alles inhalieren, was es so gibt. Genau wie man ein Virus nicht weitergeben will, kann man sich auch mal das Weiterschicken von Fake News sparen. Die Ibuprofen-Meldung, laut der das Schmerzmittel angeblich bei einer Coronainfektion schadet, habe ich mindestens fünfmal geschickt bekommen, von gebildeten Menschen. Das muss nicht sein. Wir versuchen uns da sozial rückzuversichern - stimmt das? Und schon verbreitet es sich und macht den anderen womöglich unsicher.