Nina Weber

Corona-Lockdown Der Fluch der guten Tat

Der Kollaps des Gesundheitssystems hat Deutschland nicht ereilt. Schon werden Stimmen laut, die bisherigen Maßnahmen seien überzogen. Warum das unlogisch ist.
Foto: Klaus-Dietmar Gabbert/ dpa

Restaurantketten-Chef Eugen Block ist unzufrieden mit der Bundesregierung. "Ich warte immer noch auf den seit Langem angekündigten Corona-Peak. Noch immer stehen die Krankenhäuser halb leer. Mit den entstehenden Kosten hätte Herr Spahn seine Intensivabteilungen verdoppeln können", sagt er dem SPIEGEL . "Nein, er muss das ganze Volk wegsperren und das Leben auf den Kopf stellen." Die Herrschaften hätten angstgetrieben Panik gemacht.

Block ist vermutlich nicht der Einzige, der sich fragt, warum die Intensivstationen in Deutschland nicht überfüllt sind. Oder, um es drastischer zu formulieren: Warum hierzulande keine Leichen von Militärkonvois abtransportiert werden müssen wie in Norditalien oder in Kühllastern gelagert wie in New York .

Dabei gibt Block die Antwort selbst, im polemisch formulierten Satz, Spahn habe "das ganze Volk wegsperrt". Ja, es ist schon verblüffend: Die Maßnahmen, die seit Wochen jeden betreffen und unter denen wohl jeder - in drastisch unterschiedlichem Ausmaß - leidet, zeigen die erwünschte Wirkung. Die Krankenhäuser sind nicht heillos überlastet, Ärzte in Deutschland müssen nicht entscheiden, wer einen der zu knappen Beatmungsplätze erhält und wer stattdessen sterben muss. Die Maßnahmen haben dazu geführt, dass wir solche Tragödien aktuell nicht erleben.

Das Ausbleiben des Notstands jetzt als Argument zu nutzen, dass die Maßnahmen überzogen oder gar unnötig waren, ist mindestens unlogisch. Zwar kann niemand mit absoluter Sicherheit sagen, wie sich die Lage entwickelt hätte, wenn alle weiter ihrem normalen Leben nachgegangen wären. Doch der Blick in die schwerer betroffenen Länder zeigt uns, was wahrscheinlich passiert wäre.

Gleichzeitig überrascht es nicht, dass die Argumentation aufkommt, es sei alles halb so wild gewesen. Ende März sagte Virologe Christian Drosten  schon: "There is no glory in prevention. Also kein Ruhm in der Verhinderung von Krankheiten, denn diese Krankheiten sind ja gar nicht eingetreten. Man weiß ja gar nicht, was man da verhindert hat."

Es ist verständlich, dass Menschen mit der aktuellen Lage hadern. Ein winziges, unsichtbares Ding schränkt gerade unser Leben ein. Noch nicht mal ein echtes Lebewesen, sondern nur ein Faden Erbgut. Dass uns ein Virus in Zeiten, in denen die Medizin zwar nicht für alles, aber schon für sehr vieles eine Antwort hat, derart zusetzen kann, ist schwer zu verdauen.

Menschen, die sich mit gutem Recht nie für Virologie oder Epidemiologie interessiert haben, müssen plötzlich hinnehmen, dass zum Beispiel seltsame Werte wie die Reproduktionszahl R oder der Wert R0 mit darüber entscheiden, wann der Schulunterricht wieder beginnt, wann Geschäfte wieder öffnen oder wann man die Angehörigen in Pflegeheimen wieder besuchen darf.

Es existiert kein einfacher Ausweg

Dass der Lockdown zahlreiche schreckliche Folgen hat, ist unbestritten. Menschen verlieren ihre Jobs. Häusliche Gewalt nimmt nach Angaben von Hilfsorganisationen zu. Erkrankte trauen sich mit medizinischen Notfällen wie Herzinfarkten nicht mehr in die Notaufnahme. Die Coronakrise kostet nicht nur Menschen das Leben, die an Covid-19 erkranken. Im Gegensatz zu den hypothetischen Todesfällen, die dank der Maßnahmen verhindert wurden, spürt man diese direkten Folgen der Stilllegung des öffentlichen Lebens. Und diese Folgen werden umso gravierender, je länger die Einschränkungen herrschen.

Zu Jahresbeginn hätte sich niemand vorstellen können, dass Deutschland, wie viele andere Länder, mehrere Wochen in diesem Zustand verbringt. Und jetzt müssen wir uns an den Gedanken gewöhnen, dass dieser Ausnahmezustand noch Monate anhalten könnte. Am Freitag sagte Gesundheitsminister Jens Spahn, wir müssten "lernen, mit der Krise zu leben - auch längerfristig".

"Der echte Gamechanger wäre nur ein Impfstoff", sagte Klaus Cichutek, Präsident des Paul-Ehrlich-Instituts (PEI) am Freitag. Doch den wird es höchstwahrscheinlich nicht in diesem Jahr geben, sondern - wenn alles gut läuft - irgendwann im kommenden Jahr.

Ohne diesen existiert kein einfacher Ausweg. Zumindest bis in den Mai hinein ist deshalb noch Geduld gefragt. Dann wird sich zum einen zeigen, wie sich die ersten Lockerungen auf die Dynamik der Epidemie auswirken. Zum anderen werden die ersten Ergebnisse mehrerer Antikörperstudien vorliegen, mit deren Hilfe sich abschätzen lässt, wie viele Menschen bereits unbemerkt eine Corona-Infektion durchlaufen haben. Je mehr, desto besser.

Um an dieser Stelle keine allzu großen Hoffnungen zu wecken: Es ist sehr unwahrscheinlich, dass Deutschland, ohne dass wir es bemerkt hätten, plötzlich die Herdenimmunität erreicht hat und man den Schalter zurück auf Normalität stellt. Ebenso ist es unwahrscheinlich, dass die Reproduktionsrate konstant unter eins bleibt, wenn die Schulen wieder öffnen und weitere Lockerungen folgen. Bundeskanzlerin Merkel hat eindringlich erklärt, in welch kurzer Zeit die Krankenhäuser überlastet wären, sobald die Reproduktionsrate wieder auf 1,1 oder 1,2 steigt.

Nach dem Lockdown ist also schnell vor dem Lockdown. Ein Szenario, das sich niemand wünscht, mit dem wir trotzdem leben müssen.